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Jüdischer Bote vom Rhein · 1922-04-14 · 150 (14.4.1922) · p. [Seite]

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
4 (1922)
Issue
150 (14.4.1922)
Date
1922-04-14
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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\ JÜDISCHER BOTE ' Erschein« Jtkca Bezag« PreiA7vl. »aaaUich. Za kegirhea kaech stnekltche Pafttaeeer aktr kin| kam Sareaa erlag la Bau. VOM RHEIN Jüdisches Volksblatt ■a}cigeakrt(4:4M.fiir kit alergcfk. Pelitgeile. Dir gaagt Stile aatfaftt 360 Seilen. Paßschekkkaata vateNatrug » ai. ». H, Lila «r. 74747 Herausgegeben von Rabbiner vr. <kmil Loh«, Bonn. - Schrlftlellung und Geschäftsstelle: Sonn, Srüdercaffe 52 - Telefon 29J8. »njelfleneerfrettr für Köln: Sgidius Mütter, Köln, HohenzoNernrlng SN. - Te.efon 8 9186. Kll»«er 150 Aötn. 14^ April 1922. — 16 Aissan 5682 4. Zayrgaag. O peßach 5662 < r pleiäi Bon Kreirrabbiner Dr. Appel, Bingen o. Rhein. Am siebenten Tage de» Peßachsestes wird aus der heiligen Schrift der Abschnitt verlesen, der von der glücklichen Errettung Israels am Echilfmeere berichtet. Am Eingänge dieser Erzählung wird uns eine Tatsache mitgeteilt, die für den Zusammenhang des Hauptberichtes nebensächlich erscheint, die aber doch verdient, von uns beachtet und gewürdigt zu werden. Es heißt nämlich zu Beginn des Festabschnittes: „Moses nahm die Gebeine Joses» mit, denn dieser hatte die Söhne Israel» beschworen: wenn Gott sich eurer dereinst annebmen wird, müßt ihr meine Gebeine von hier mit euch nehmen." Wie sehr auch Moses damals von den Sorgen des bedeutungsvollen Augenblicks in Anspruch genommen, war, er findet noch die Zeit, an einen schon längst im Todesschlaf Schlummernden zu denken. Wenn uns die Tora von Moses keinen andern Eharakterzug als dieses pietätvolle Verhallen mitgeteilt hätte, so müßte Moser schon deshalb allein uns als eine der Liebe und Verehrung würdige Persönlichkeit gelten. Pietät ist ein der lateinischen Sprache entnommenes Wort und bedeutet eigentlich Frömmigkeit. Wir verstehen darunter besonders die fromme, ehrfurchtsvolle Gesinnung der Kinder gegen ihre Eltern und daran anschließend die Achtung vor den vorausgegangenen Geschlech lern und deren Leistungen, die Pietät gegen die Vergangenheit. Welcher Wert beim jüdischen Volke auf das ehrfurchtsvolle Verhalten der Kinder gegen ihre Eltern gelegt wurde, das zeigt schon der ilmsland, daß das Gebot von der Elternehre unter den zehn Gebote» eine zentrale Stellung einnimmt. Auch in der biblischen Spruchweisheit wird das Gebot der Elternehre in den mannigsachsten Wendungen ousgesprachen. Aber nicht nur der Gehorsam und die Ehrfurcht gegen die Lebenden wird von der jüdischen Religion gefordert! auch die Pietät gegen die Dahingeschiedenen wird in der Bibel als eine rühmenswerte Gesinnung hitzgestellt. Die biblische Erzählung schildert eingehend, wie pietätvoll Joses den Wunsch seines Vaters, in Kaqaan bestattet zu werden, erfüllt habe, und wie dann die Söhne Jakobs in der Pietät Josef» gegen den Vater den stärksten Schuh gegen die besürchtote Vergeltung erblickten. Wie sympathisch berührt uns an dieser Erzählung. daß die Berufung auf das Andenken des Vaters den Augen Josef» Tränen entlockt, die jeden Rachegedanken und jede» Vergeltungsgefühl aus seinem Hw^zen tilgen. Unsere Weisen haben dem pietäwollen Empfinden im Herzen Josefs auch noch eine andere mächtige und segensreiche Wirkung zugeschrieben, wenn sie sagen, baß Josef der an ihn herongetretenen Versuchung darum habe Widerstand leisten können, weil er das Bild seines Vaters in seinem Herzen trug. Wir dürfen es als einen Ruhmestitel der jüdischen Religion bezeichnen, daß. sie bas Pflichtgefühl der Kinder gegen die Eltern gefordert und gefördert hat. In Israel galt es seit jeher als religiöse Pflicht die Eltern zu achten, zu erfreuen, für ihren Unterhalt zu sorgen, ihnen nach dem. Tode ein ehrenvolles Begräbnis zu bereiten und ihr Andenken über das Grab hinaus heilig zu halten. Do» ist jüdische Pietät, die auch wir Hochhalten wollen. Unsere Pietät sei keine äußerliche und darum unfruchtbare, sondern eine Regung. die dem Herzen entstammt und darum fort und fort zu allem Edlem entslammt. Das ist keine wahre Pietät, die sich in der Herstellung eine» pompösen Grabdenkmals erschöpft: ja gerade der Pomp entspricht viel weniger der Würbe der Grabstätte, al» die Einfachheit und Bescheidenheit, die sich an ihr kundgibt. Auch über da» Kabdischsagen sei hier ein Wort am Plahe. E» ist eine im Laufe der Zeiten oufgekommene Sitte, dos in chaldäischer Sprache, der damaligen Volkssprache, obgekaßte Kaddischaebet zu Ehren der dohingeschtedenen Eltern während des Trauerjahres und am Jahrestage ihres Tode» zu verrichten. Diese Sitte ist aut und schön, wenn sie in der rechten Weise geübt wird. Die Verrichtung de» Kadblschgeliete« darf nicht zum Livpendienst herabsinken und dars auch nickt als eine Art Totenkultus detrachtet werden. Da» Kaddischgedet enthält eine Lobpreisung Gottes und die Bitte, daß das himmlische Reich bald aus Erden begründet werde, und daß himmlischer Friede und wahres Leben uns allen zuteil werde. Gerade in den Stunden des größten Schmerzes fallen wir Gott preisen und uns in seinen heiligen Willen ergeben; gerade in den Augenblicken des liebevollsten Gedenken» der Dahingeschiedenen sollen wir uns der Pflicht weihen, an der Herbeiführung des himmlischen Reiches aus Erden mitzuarbeiten. Das ist ivahre Pietät,, die die Dahingeschiedenen ehrt nicht durch einen Totenkultus, sondern durch Fortpflanzung ihres Geiste» in unserem Herzen und in unseren Werken. Auch die heidnischen Völker des Ällerluiys ehrten die Toten. Von den Aegyptern wisten wir, daß sie die irdischen Hüllen ihrer Dahingeschiedenen hurch künstliche Mittel vor Zerjall de wahrten und noch jetzt nach Jahrtausenden werde solche Mumien ausgesunden. Die Aegypter errichteten auch ihren Königen Grabdenkmäler, die noch heute unser Erstaune» erregen. Aegyplische Pietät bewahrte die körperliche Hülle und erhielt den Ramen durch Stein, jüdische Pietät bewahrte den Geist und errichtete Denkmäler in den Herzen lebendiger Menschen. Der Talmud*) bringt uns folgende Erzählung: Zwei Lade» zogen Israel auf seiner Wanderung durch die Wüste voran, die Lade, in der das göttliche Gesetz lag, und die Lade, in der die Gebeine Josefs ge borgen waren. Da jrogte» die fremden Vorüberziehenden, was bedeuten die beiden Laden,' Die Israeliten antworteten, die eine ist die Labe Gottes, die andere ist eine Totenlade. Als man sich darüber verwunderte, daß die Lade eines Toten »eben der Lade Gottes einkerziebe, wurde die Antwort -gegeben: „Der hier liegende Tote hat bas erfüllt, was in jener Lade auf den zwei Tafeln niedergejchrieben. ist." Was soll damit anderes gejagt sein, als daß jüdische Pietät nicht eine Reliquienverebrung ist, sondern eine Pflege der edlen Gesinnung der Dahingeschiedene». Die Lade des Toten durste neben der Lade des lebendigen Gottes einkerziehen, weil Pietät und Religion hier einen Bund gejchlosie» hatten, weil die Religion die Pietät lehrte und die Pietät die Religion einschärfte. *) Sota 33a. Wochenschau Deutschland. Berlin. In diesen!Tagen wird der erste Trupp ukrainischer Waisenkinder hier erwartet. E; werden im ganzen 150 Waisen linder j» Einzelpslegschasten über Deutschland beeleilt werden. Die Kinder kommen in Einzelltuppe» von je 2.5 bis 30 in Berlin an und feilen zunächst hier in einem besonderen Gebäude untergebrachl wer den, bis die Verteilung aus die einzelnen Pslegestellen e>folgt ist. Breslau. Die gelegestreuen Juden haben in Breslau eine ju dische Volksschule erichtet, nachdem die Regierung hiezu die Genehmi gung erteilt hat. Die Umwandlung der- Schule, die vorläusig al» Privatschule geführt wird, in eine össenlliche, ist i» Aussicht gestellt. Frankfurt a. M. Die Erben des Philanthropen Jacob H. Schiss .'iew-Bork haben I Million Marl der Stadt Frankfurt und l Million dem 3fr. Almosenlasten für Kinder und alle Leute gestiftet, worauf eine hiesige Straße den Namen Jacob Schiffs erhj.lt. Berlin >I. E. B.>. Zur Linderung der, unbeschrriblich:» Rot unter den Juden in Odessa und Umgebung bewilligte der Hilssverein der Deutschen Juden einen Betrag von einer halben Million Mark aus feiner* Sammlung für das Ukrainische Hilsswerk. Der Betrag wurde bereits seiner Bestimmung zugesükrl. Rußland. Moskau, 5. April. (I. E.B.). Der „Emes" veröfentlichl haarsträubende Tatsachen über die Lage der jüdischen Kolonien in Sudruß land. Infolge Mangel» an Leuten für hie Bestallung der Toten werden spezielle Begräbnistage veranstaltet, an denen die gesamte noch überlebende Bevölkerung zur Bestattung der Tote» verhalte» wird. Die nahe Zukunft erfülle jeden mit Schrecken.

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