Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- 146 (17.3.1922)
- Date
- 1922-03-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHER BOTE •vftriat jtk«« fttitai. 0(|M** P»»t«HM.»(»n11tch. Z» - »>»ch ftart(U|t (kw kut^ktu BitinnMi In Bin VOM RHEIN Jüdisches Volksblatt •■Atiari(tcU: StR. (Sr kit »tu •«((. 9ttit((il(. Die i«»,e Seite »»f«ß« «60 Zelle». POßscheckkot» Lite»» (»ei«, > m. (. H.LIInN». 74749 -Oe«ostz(§»b(n ln ftatllnir Dr. Emil Lohn, Senn. - Echeistleltung unk SeschLstsfiilt»: Senn, Srüdeecaffe 31. - Telefon 493« Sini'lgtnMriritir für Rktn: «kgidiu« Milller, ffäln, Hehenjeüernelng 521. - Te «fon ö 1,5« Wimmer 146 Kötrr, 17. Wärz 1V22. — 17 Idar 6682 4. Aatzrgaag. nrm m in iixn nmmrii Das Geheimnis der jüdischen Lebenslraji , iei 11,, 111, > i,, rrr» im», Die Völker der Erde stehen por der Lebens-Stärke des Judentums wie vor einem Wunder. Selbst der tobende, jede innere Ehrlichkeit übertäubende Hast, — der sich heute nicht anders zu helfen weist als uns einen ewigen Weltbeherrschungs-Plan anzudichten, — selbst unsere Todfeinde können sich unsere unversiegbare Kraft und Iunghejt nicht anders deuten als mit einem „Mythos": bald sind wir ihnew Ahasver, bald das Böse Prinzip, bald die Gottesgeistel. Solche blind-wütigen Hirngespinste hat man sich zu erklären versucht aus dem Hast der „kompakten Majorität" gegen die Minderzahl, der Gewöhnlichen gegen die Ausnahme, die'irgendwie von der Natur Bevorzugten. Wie dem auch sei, — eins wittern selbst unsere Feinde; dast wir, die wir aus der Frühzeit der Welt stammen, noch immer am Leben sind und so unzertrümmerbar-sieghast wie wir aus allen Katastrophen Hervorkommen, — das kann nicht mit den rechten Dingen ihrer banalen Wirklichkeit zugehen. Was hat das Judentum die zwei mörderischen Jahrtausende hindurch am Leben erhalten? Wir wissen es eigentlich alle: Ein Buch. Oder der, der dies Buch schrieb, der ungeheure Mensch, der für das Volk, das er schmiedete, durch die Zeiten der Zukunst hin vorgesorgt hat; der gewaltigste Liebende, den die Welt je gesehen, der mit eisernem Griff, mit ddr erbarmungslosen Wohltat des Arztes uns die Bedingungen des Lebens und Sterbens, die Gesetze des Blühens und des Verwslkens, der uns „Segen" und „Fluch" zu verkünden hatte. Generationen und Aber-Generativnen haben gelebt, nur weil die Thora da war. Die Lebensglut, die in den zwei Rollen dieses Buches wie in einem Magneten gebannt ist, sprang auf alle kommenden Geschlechter über: sie mustten immer wieder an diesen Kraftquell herantreten und etwas von dem Strom des unvergänglichen Gebens in sich eindringen lasten. Die fortwachsende „Tradition", die Talmud-Strenge und die Reinheit zwischen den Völkern wäre nie zustande gekommen, wenn nicht die übermenschlich geballte Energie der fünf Bücher Mose mit ihrem zündenden Volks- und Derantwortlichkeits-Bcgrist, wenn nicht die in ihm geborenen Anführer, Sänger, Chronisten und die ehernen Propheten solch ein Feuer ausgestrahlt hätten. Die lebens-züchtende Menschenliebe und die Idee des einen, unendlichen Mysteriums, das die Welt diri- - giert; die Gewistheit, dast selbst der furchtbarste Lcbensverlauf noch ein leise atmender — nur durch uns selber ^gebrochener — Abglanz jener unermestlichen Herrlichkeit Mist, und dast sie einmal wieder in vollem Licht aufgehn wird: alles das, unserer Ahnen Vermächtnis, hat uns die Schwungkraft ins Blut getaucht, diese Welt, jedem Entsetzen zum Trotz, zu bejahen — und da-zu-sein! Der fortwährende Verkehr mit diesem Buch-Wunder hat unfern Lebenswillen so unbeugsam gemacht. Und was an dem jüdischen Wesen nur irgend als reizvoll empfunden wird, seine seelische Weite: wir hätten kein solches Erbe von unfern Vorfahren annehmen können, wenn wir's nicht immerfort den grostcn Gestalten unseres Buches entnommen hätten. Von Abrahams unausdenkbarer Güte und seinem Gottcskamps um Gerechtigkeit — bis hinunter zu Esther und Mordechaj, die ganze Reihe der' menschlich entscheidenden Zartheiten — durch die auch der Starke sich erst als stark bewährt. Jeder, der unsere innerste Geistesgeschichte kennt, weist, dast das tiefste jüdische Denken sich an der . Auslegung der Bibel entfaltet hat. Selbst unsere Philosophen mustten in ihrem Ringen um die letzten Gcheimniste von Jahrhundert zu Jahrhundert aufs neue dies Buch zur Grundlage nehmen; denn sie fanden ihre Resultate immer in seinen Worten, und Vorgängen bereits ausgedrückt. Und in der sicheren Empfindung, dast ddr Mann Mose, der gröstte Mensch, den wir kennen, intuitiv auch am meisten von den Zusammenhängen der Dinge und von den Struktur-Notwendigkeiten des Menschen gewustt haben müste, haben die Juden (jedes Standes und Berufs) stets ihre beste Fähigkeit darauf verwandt, dem unausgesprochenen Sinn seiner Geschichtsschreibung und seiner Gesetzgebung nachzuspüren. Und in der Tat — war es auch falsch, alle Einzelheiten in mystische Symbole auszulösen, wie man es in den glorreichen Zeiten unserer Kabbala machte; und wäre es auch beschränkt und vermessen, wollte man umgekehrt alles auf die Flachheiten unseres modernen Verstandes herunterzichen, wie es die Bibelkritik vorschreibt; — es ist auf jeden Fall das Fruchtbarste, anzunchmen, kein Wort stehe im Urtext der Thora geschrieben, das nicht letzten Endes Moses Gesamtziel diente: der Züchtung einer Gemeinschaft, in der die höchsten lebenseröffnenden Kräfte organisch blühen und reifen können. Alle jüdischen Parteien behaupten, dast Erhaltung des Judentums ihre selbstverständliche Aufgabe sei. Aber unsere Lage ist beute so, dast es nur die Alternative gibt: Neubelebung oder unfehlbarer Untergang. Wer um die Zukunft besorgt ist, must wissen: Beleben kann allein jener Magnet, der allen Generationen vor uns die elementarste Befreiung war, dem wir selbst unser Vorhandensein zu verdanken haben, und der uns immer verhängnisvoller entschwindet. Beleben kann der Urkeim allein: die Realität, die Mose gesehen hat, und die wir über unserer Technik und Erperimentalforschung aus den Augei^ verloren hoben. — Auf die „jüdische Weltanschauung" wollen sich alle unsere Parteien stützen; aber sie verstehen darunter entweder den blvstcn Glauben oder die Ethik oder das Rituelle oder das Sozialistische... Sie alle nehmen die einzelnen Radien des Kreises für seinen