Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- 143 (24.2.1922)
- Date
- 1922-02-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Warum aber war das so? Mich es sän, daß all die Monde stumpf und ohne Seele wie Bettelmünze in die Svarbüchse unserer Zeiten fallen? Da wird heute so viel von der Erneuerung der Religion gesprochen, man redet von „Gläubigkeit", „Gottsuche" und allerhand gefühlvollen Dingen, aber alle Möglichkeiten, einmal Ernst zu machen, der Bewegung — o wie bewegt sind sie alle! — eine Gestalt, dem Gehall eine Form, der Seele einen Leib zu geben, läßt man eine nach der anderen ungenutzt vvrübergehen. Wer nicht nur religiösen Geist, sondern religiöses Leben vflanzen will, soll wisien, datz es einen Punkt gwt, wo Religion unmittelbar wie mit der Nabelschnur mit dem Leben verbunden ist: die N a t u r. Im Augenblick, wo der Mensch sein religiöses Leben mit der Natur in Verbindung, bringt, fängt es an leibhaft zu werden, schießt dem religiösen' Geiste gewlsiermatzen das Blut in die Wangen. Ah, werden die Monisten sagen, das haben wir ja immer gesagt: Gott und Natur sei eines nur. Geht in den grünen Wald, so habt ihr Religion genug. Naturverehrung ist Gottesdienst. Ja, aber nicht Religion. Das Lob Gattes in der Natur, leine Schöpfung preisen, wie sie der ewigen Hand entquoll am ersten Tag, die „Sttmme des Herrn mit Macht" im rollenden Donner, sein Licht als „Gewand seiner Herrlichkeit", ihn selbst „wandelnd auf den Schwingen des Sturmes" verehren, — das alles haben schon die Psalmi- Kn gekonnt und bester als wir. Religion ober ist Gottes utllch gesprochenes und uns überliefertes Wort,^- also etwas anderes als Spinozas und Goethes Gottnatur. Religion ist Geist, das andere ist Heidentum. Wenn wir aber sagen, daß aus der Natur die Autzufuhr der Religiosität uns kommt, so ist damit geweint, datz weder Geist noch Seele losgelöst auf ihren eigenen Füßen stehen können, wenigstens nicht dem Juden. Auch er steht im Bündnis mll der Natur, leine Feste sind Naturfeste, er wandell auf der Spur der Monde und Jahreszeiten und trägt immer in einer Hand eine Schale mit Früchten. Ein« Konzession ans Heidentum also? An Sinnenwelt und Sinnlichkeit? Mit Nichten! Aber so wahr e» ist, daß Religion immer aus der Sinnenwelt hinaus in die höhere Welt des Geiste» strebt, so wabr ist e», daß jüdische Religion — im Gegensatz zur christlichen — die Brücken hinter der Geisleswelt nicht völlig abgebrochen hat, sondern gerade um nicht in der Form zu vereisen, nicht im Gebot zu versteifen, immer wieder den Rückweg zu Natur und Sinnenwett sich osten gelasten hat. Denn der Geist kommt »war' von oben, aber da» Leben von dort unten. Und ist Religion eine Sache des Geistes, eine Sache mindesten» ebenso der Natur wie des Geistes ist Religiosität. Unb die Aufgabe des Juden, von der Taurvh geg^en, ist es, von unten nach oben, von der Religiosität zur Religion zu gelangen — ohne Verlust. Den einen gelingt es zwar, aber sind sie oben, dann ist die Religiosität fort, die andern bleiben ewig unten Stecken und wähnen Religion zu haben, rpo sie doch nur über >ie niedersten Formen der Religiosität verfügen. Darum zurück zu deinen Monden, Iube, deinen Iahr- und Tageszeiten, deinen Früchten, deinen Bäumen, deinem Wein und deinem Honig. Das Neujahr der Bäume stt ebenso ttefsinnig, wie das der Feste, der Könige und Monde und Jahre. Der Schuß Gottes ins Herz der Natur — ebenso wie der Blitz des Geistes von oben — treffe dich und deine Kinder, mit denen du am 15. Schewat bie sieben Früchte genießen, am Lagbomer ins Freie gehen, immer aber, wenn die schöne Sonne lockt, wandern, wandern, wandern sollst — mitten ins Herz. E m i l C o h n. Wochenschau Tatsache« «ad Ergebnisse OJioooooooooooooooo o o o o o o o o oooo o o] ’OAtfAOAOAOAO.Q o o o 000000 oooo o o 9000000 000000] Deutschland. Berlin. Die Ernennung Walter Rachenaus zum Minister des Aeußern wurde von der demokrattschen Presse und von den Blättern aller Regierungsparteien sympathisch begrüßt. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung" nennt es „eine selbstverständliche Lösung, daß der Mann, der die wichtigsten Besprechungen geführt hat, jetzt auch die volle Verantwortung für seine Wirksamkeit vor dem Volke und dem tarlament übernimmt". Auch einige deutschnationale lätter sprechen über die Ernennung zum mindesten ohne verletzende persönliche Schärfe. Die „Tägliche Rundschau" bemerkt, der Reichskanzler habe einen „Genua-Minister" gebraucht und ihn ln Rathenau gefunden, „der internationalen Schmiß bat, der Kinderstube hat und sicherlich mehr von Weltwirtschaft weiß als Wirch, Bauer e tutti quantt". Die „Deutsche Zeitung erklärt: Unter den in Deutschland geborenen Juden zählt er für uns fraglos zu den wertvolleren. Aber dle Ernennung sei trotzdem „eine unerhörte Herausforderung", denn sie bezeichnt „den Beginn einer unumschränkten Herrschaft der Kreise, die wir für die Todfellide bewußten und aufrechten Deutschtum» ansehen müssen". Die,Jreuz-Zeitung" leugnet, baß Rathenau Irgend-