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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-02-10 · 141 (10.2.1921) · p. [Seite]

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
4 (1922)
Issue
141 (10.2.1921)
Date
1921-02-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHER BOTE Laschet«« jckti Freit«, vez,,» Frei» 3M. »»aalllch. Za kezietzea karch sL»«ltch« Peftdater itn kau, kca >«rr»»rrl«, i« 8«««. VOM RHEIN Jüdisches Volksblatt \ •mtictaprcU: *W.ftr kit vt»r,,fp. Petitzeil». Dir ««M* 8eile aaifaK 36V Zetlea. Poftschrckkaata vatea aeria, <8 is. «. H.LIIaßte. 7474? Herau«segeban dov Itadbiaer vr. «mkl Lah«, Donn. - Schrifilrltung und Seschäftsstekle: Sonn, Srüdercasse il - Telefon 49SS. üln»»lg«n»rrk,k«r für Min: Ggtdtu« Müller. NSln, Hsheozol enirtng Skl. - Te efon 8 9iS« A>«mer 141 Köln/10. Ilebrircrr 1V22. — 12 Kchebat 5682 4. Iahlgaag. :n:mixinxirri Kreiheii der Seele ITTTIIIII □ULLi-LiuurrTronnnu Den besonderen Klang des Wortes Freiheit verdanken wir der französischen Revolution; der Dichter Schiller aber tat das Seine dazu, daß heute jeder sich auf diesen Klang berust. Freiheit der Forschung, Freiheit der Wissenschaften, Bürgerfreiheit, Pressefreiheit, Freiheit in Wort und Schrift; nimntt man diese Worte zusammen, so hat man den ganzen Kamps des vergangenen Jahrhunderts, sein Großes und Glorreiches, aber auch sein Bedrohliches und seine Angst. Sein Großes, weil die Freiheit des Geistes, denn um die allein handelte es sich ja dabei, iwder Tat eine unveräußerliche Errungenschaft unserer Zeit geworden ist, sein Bedrohliches, weil man über der Freiheit des Geistes etwas vergaß, was nie hätte vergessen werden dürfen: di e Freiheit der Seele. Wie seltsam, daß einem in der ganzen Literatur der Vergangenheit niemals das Vorstellungsdild begegnet, das durch die Zusammenstellung dieser beiden Begriffe Freiheit und Seele entsteht; und daß, wenn unser Leser in diesem Augenblick von der Freiheit der Seele vielleicht zum ersten Male hört, er sich nicht viel anderes darunter denken kann als die Freiheit des Geistes, die ihm so geläufig ist. Ich wette, daß von zehnen neun der Ueberzeugung sind, daß all die Voraussetzungen, die die Freiheit des Geistes verbürgen, auch die Freiheit der Seele sichern. Und doch ist es nicht so, ja, das Gegenteil ist der Fall. Und wenn irgendwie das geistige Elend unserer Zeit gedeutet werden kann, so ist es darauf zurückzuführen, daß man dieselbe Freiheit, die man mit Recht dem Geiste zuerkannte, mit ebenso großem Unrecht für die Seele verlangt. Die Seele aber Hot ihre eigenen Gesetze, die aller Gesetze des Geistes restlos spotten. Während der Geist sich selber gewinnt, indem er die Welt durchdringend immer weiter vorstößt ins unendliche pannender wird, >e t es bei der Seele All, wie er umso stärker, kräfttger, um mehr er sich am Grenzenlosen mißt, l gerade umgekehrt. Sind i h r einmal die Grenzen genom men, läßt man s i e wie den Vogel aus dem Käsig ins UngeMesiene fliegen, so verliert sie sich im Gefühlsschwelgerischen und verbreit in Schwulst und Schwall, d. h. sie weiß nichts mehr mit sich anzufangen, sie wird unfrei, ein Spiel des Ualls, dem sie ewig überlassen bleibt. Wenn heute von ganz modernen Geistern schon die übrigens naive Frage aufgeworfen wird, woher es denn komme, daß man beim einfachen, schlichten Volke so vielfach edleren See en begegnet als in der Gesellschaft der freiesten Geistet, so ist die Antwort nicht schwer: Dies ist deshalb so, weil die ein ästigen Leute tiefer drin in Religion und Tradition stecken, mit andern Worten, weil ihre Seelen im Festen und Geformten eingebettet sind, und weil es für die Freiheit der Seele, d. h. den wahren Adel, nur eine Bürgschaft gibt: die überlieferte Form. Werden die Formen des. Glaubens und der Ueberlieferung zerbrochen, so verlieren die Seelen nicht nur sofort ihre Wohlgestalt, sondern überhaupt ihre Gestalt. Sie verrinnen im Sand wie verschüttete Flut, da der Kelch zerbrach. Der Jude soll es sich merken und soll versuchen, von diesem Punkte aus einmal die Zeichen der Zeit zu deuten. Um ein Beispiel anzuführen, blicke er nur einmal hin auf das, was in der neutralen jüdischen Jugendbewegung jetzt vorgeht. Der Schreiber dieser Zeilen ist wegen seiner persönlichen und nahen Beziehungen zu diesem Bunde zu bekannt, als daß die folgenden Ausführungen mißverstanden werden könnten. Aber es muß einmal gesagt werden, daß der ehrliche Wille und die reine Begeisterung dieser Kreise im Widerspruch steht zu der unverkennbaren Tatsache einer gewisien Unklarheit des Ziels: Man redet von religiöser Erneuerung und Gotterlebnis, aber man dreht sich im Kreise — das trifft besonders die Jugendlichen ihrer Führer —. Die Deutung dieser Erscheinung ist einfach. All diese begeisterten, hingcbungsfreudigen Jungen scheuen vor dem letzten Schritt, der sie allein zur Freiheit der Seele führen könnte: der Rückkehr zur überlieferten Form. Sie beanspruchen mechanistisch dieselbe Freiheit für ihre Seele, die ihre bewegliche jüdische Intelligenz vom Geiste her kennt, und ohne daß sie es merken, unterwerfen sie ihre Seele damit der Herrschaft des Rausches, die die schlimmste von allen ist. Es sei ihnen voir einem, dem ihr Wohl besonders am Herzen liegt, gesagt: Entweder entrinnen sie dem verhängnisvollen Zirkel von Gesühlsschwelgcrei und Seelenüberschwang und gelangen ganz schlicht und grad zum Judentum, wie cs die Väter gelebt, oder ihre schöne Begeisterung und beneidenswerte Jugend zerrinnt im Grenzenlosen. Eins sei zum Schluß gesagt: Wenn je der Ruf nach religiöser Erneuerung in diesen Tagen einen Sinn gehabt, so hat er für den Herausgeber dieser Blätter darin gelegen, baß, nachdem man hundert Jahre und mehr nach der Freiheit des Geistes verlangt, es die Aufgabe unserer Zeit zu sein hat, den ungeheuren Grenzenlosigkeiten unserer denkenben und fühlenden Welt — im Religiösen, im Künstlerischen oder wo immer cs sei — Widerpart zu bieten durch den Fansarenruf der endlich einmal wieder ins Blachfeld der Geschichte einreitcnden Seele nach Freiheit, Bindung und Form. E m i l E o b n. OOOOOOOOO .OOOOOOOCXDOOGOOOOOXDOÜOOOOOGiOOOCyj Wochenschau Tatsachen und Srgebnisic .XXX'K.'XXixv DeutsrlNand. Berlin, lil. Januar. Die heutige Kabinettssitzung hat zum Beschluß geführt, dem Reichspräsidenten die Ernennung Dr. Walter Ratheaus zum Außenminister vorzuschlagen, die dann auch im Lause des Nachmittags voll-

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