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Jüdischer Bote vom Rhein · 1922-01-13 · 137 (13.1.1922) · p. [Seite]

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
4 (1922)
Issue
137 (13.1.1922)
Date
1922-01-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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» JÜDISCHER BOTE Erschein! ft»« flfutiaf. B*tßt** Prrt<SM.«»»«llich. Z» »«Hittzea »«rch stattliche ftjtatn ikrr In» »« Bw«»«rU| la B»»» VOM RHEIN Jüdisches Volksblatt ■a|ti|«»nl»t DM strbft »irr»es». PetitieUr. Di» lav «dt* mfa* 8603cUca. Pafitzchilkkeata •m«| Kr.7474T -««XgrStdrn mb AakSiaer Dr. Km» «lOhn, 0omt - «chrlfileltung und SeschLstsfielft: Sonn. Leübergaff» 52. - Telrftn 4S5» Sln^igmorrttetrr für Min: Sgidtus Slfllcr, Köln, Hohen,»llemrlng 57i. - Telefon 8 »,«« VxmmkW ASkn. IS. Januar 1022. — 18 GeSet 5682 '■ Hei-entum, Christentum, Zu-enium Unter diesem Titel erschien jüngst im Verlage Kurt .Dolff ein umfassendes zweibändiges Werk, daS Max Brod zum Verfasser hat und daS die glänzendste Apologetik deS Judentums gegenüber dem Christentum darst-llt, die je geschrieben worden ist. ES ist ein Werk von einer Breite und Tiefe und strömenden Fülle, wie die Wissenslbaft deS Judentumnie eines hervorgrbracht hat, und kein Jude, der an geistigen Dingen Interesse hat, sollte daran vorübergehen. — Zwei Gedanken setzt der Verfasser in den Mittelpunkt seiner Gestaltung, die ihn« zu den Klammern werden. die den Bau deS Ganzen zusamaienhalte» und gleichzeitig zu den Kein,punkten, auS denen die reiche Gestaltung sich befruchtet und wächst': die Unterscheidung zwischen „edlem und unedlem Unglück" und derBegriff deS „DieSseitSwunderS". Unedles Unglück, batst daS kleine und küinliche, zeitlichen Strukturen entfließende und durchaus abwendbare Elend — der „an feinen Kontorsessel angeschraubte Beamte" wird als Beispiel herangezogen — edleS Unglück, die auS der menschlichen Begrenztheit und DieSseitigkeit fließende, ewig unabwendbare, unstillbare Not deS Menschen dem Göttlichen, dem Unendlichen gegenüber — jeder religiöse Seelenkampf eineerschütterten und^ erschütterung-fähigen Mensche» kann alS Beispiel dienen. DaS „Diesseitswunder", eine zweiteilige Wortprägung voll scheinbaren WlderfinnS, bildet den zweiten erregenden Moment der Brodschen Darstellung. Er versteht daruntex nicht etwa die Verwirklichung deS Jenseits im DieSsestS, sondern ein „Di> SsenSerlebniSin höherer Sphäre". Nützliche, irdische Arbeit sei „der Nachbarschaft eine- Wunders nicht unwert zu erachten". Eine schöne Legende de» Rabbi Simon bar Jochai wird angeführt, deren Schlußwort die ganze Enrlgie deS Gedankens wiedergibt: Dem Rabbi, der nach zwölfjährigem Aufenthalt in einer Höhle sich in der Welt nicht mevr zurrchtfinden kan», offenbart sich di« weltliebende Stimme GotteS in solcher Gewalt, daß er überwältigt in den Ruf auSbricht: „UnS ist rin Wunder geschehen, daher will ich eine gute Einrichtung treffen." DaS ist daS DieSieltSwunder, daS daS Diesseits eben als einen „Zuschuß zum JensritS" d» sintert. Diese beiden Begriffe — unedle- Unglück und Die-- sritSwunder — bilden den.Ariadnefaden durch daS Labyrinth dr oft sehr tiefsinnigen, niemals aber dunklen Jderngänge deS Verfasser-, der viele Jahre der Abfassung dieses Werkegewidmet hat. Während daS Heidentum •inseitig daS BieSseitS bejaht, da» Christentum ebenso einseitig eS verneint, ist ihm da» .Judentum die Religion deS DieSseitswunder» schlechthin. Und während da» Christentum von Anfang an den Bezirk de» unedlrn Unglück» bat übersehen wollen, finden wir im Judentum da» vollringestandene Beisammensein der beiden gegensätzlichen Reiche de» edlen und de» unedle» Unglücks. Da» unedle Unglück verlangt tätigen Zugriff, da» edle demütig adwartendeS Verhalten» Die Geisteshaltung deS Judentums hat bewiesen, wie sich da» scheinbar Unvereinbare vereinen läßt, daS Christentum, da» mit dem unedlen Unglück nicht fertig zu werben verstand, ist, gewollt oder nicht gewollt, in „Amalgambildungen" mit den« Heidentum hineingeraten, denen eS sich nicht niehr entwinden kann. ES kann nicht die Rede sein, iui Rahmen eine» kurzen Aufsätzeden ganzen Reichtum einesolchen Werke» auszuschöpfen. AlteS aber, wa» eS über Freiheit und Gnckde, Pflicht und Natur, Erlebnis und Intention, jüdische und christliche Liebe, Erbsünde und Gnade, Glaube und RltuS, Jesu» und Paulus zu sogen hat, hat al» Orgelpunkt der Harmonie de» Ganzen diese beiden Grundideen. Sie sind die Angeln, in denen da» Tor hängt, da» nach de» Verfasser» Darstellung in da» Judentum hineinführt und in die Welt. Ein Bekenntnisbuch nennt der Verfasser sein Werk. Leider „nur" ein BekenntniSbuch. Damit gibt er die Grenzen an, in denen er sich bewegt und in denen sich alle Werke gleicher Geisteshaltung bewegen ,nüssen: In Bekenntnis und - Auseinandersetzung. Und z»uar besteht der wirkliche Wert all dieser Werke niehr in der Auseinandersetzung als im Bekenntnis. Daß der oder jener Verfasser sich an diesen endlichen und unendliches Problemen die Seele abgerungen hat, trifft die Aügenieinheit nur insofern, al» der eine oder andere in diesen Kämpfen sich selber wiederfinden mag. Vollend» in dem vorliegenden Werke spielt da» Bekenntnis nur eine recht geringfügige Rolle, viel geringfügiger als beispielsweise in BuberS Werk, daS viel mehr Bewegung hat, aber auch viel weniger Mitte und Maß. Max Brod hat ein sehr greifbare» und umschlossenes Werk geschaffen und eS ist ihm al» Vorzug anzurechnen, daß sein „Bekenntnis" fast nur ornamentale Bedeutung in ihm hat. Daß e» aber nur AnSeinandersetzung und Apologetik und ohne die Beziehung aufs Christentum unniöglich ist, läßt un» bitter undi schmerzlich vermissen, waS unS fehlt: Eni positive» Werk über» Judentum. Das soll aber das Verdienst Max Brvos nicht schmälern, der un» eine klare und edle Formulierung des Jüdischen schenkte und überhaupt ein reiches Buch. Darüber hinaus aber wollen wir deS Mannes hairen, der uns nicht nur den Weg zuin Eilevnts des Jüdischen weist, wie Buber und Brod eS versuchte», sondern waS einzig entscheidend ist, einzig nicht Ste>n sondern Brod: Den Weg zum jüdischen Leben. Emil Lohn.

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