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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-12-02 · 131 (2.12.1921) · p. Seite 423

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
131 (2.12.1921)
Date
1921-12-02
Page
Seite 423 (sequence 7)
Language
German
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423 fleigea jolle, und vollständig Besitz von mir ergreifend, kühne er «ich in seine gute Stube, als ob es ganz unpassend sei, baß sein Mieter einen wirklichen Herrn in seinem Dachzimmer empfinge. Er war ein stämmiger, junger Bursche, der gescheit und kräftig aussah — ein direkter Gegensatz zu Onarriars gebeugter würdevoller Gestalt, deren Armut und leidendes Aussehen doppelt bemerkbar wurde, wie er in dem kleinen getäfelten Zimmer mit dem eleganten,^ aus Nutzholz geschnitzten Kabinett, den bunten Farbendrucken und den ausgestopften Vögeln gebeugt und demütig dastand. Der Schneidermeister hielt sich offenbar dazu berufen, die Sache des armen Burschen zu verfechten und protestierte heftig gegen die Partnerschaft, die Onarriar durch den berüchtigten Tonn aufgedrungen werden sollte. Obwohl er sich das kaum leisten könne, dielt er doch schon die ganze Zeit über alle Abfälle fest, trotz der verlockenden Anerbietungen, die ibm von anderer Seite gemacht worden: man haNe ibm. schon einen Schilling für den Sack geboten. Aber das sähe er nun doch nicht ein, daß ein ibm ganz Fern stehender, der durch das philanthropische Faktotum ausacdrängt werde, nun den Nutzen von seiner Güte baden solle. Er erzählte mir mit beredten Worten von den Sorgen und Entbehrungen seiner Mieter in zwei engen Spcicherstübchcn. Während dieser ganzen Zeit bewahrte Onarriar seine stille würdige Haltung und sprach nur dann ein Wvn wenn ich ihn direkt anrcdete. Der Hauswirt holte zu Ehren des vor nehmen Gastes eure Fiaschc mit Fruchtlimonade und Num, und wir alle stietzen mit emander an: der junge Schneidermeister strobltc vor Vergnügen als er sei'. G'a? wieder hinsetzlc. „Ich bade gute Gesellschaft gern', riet er. ohne sich dcwutzi zu sein, daß seine Familiarität mir gegenüber ziemlich unverschämt sei. Ich brachte das Gespräch wieder auf das Tdewa. das augenblicklich für mich von großem Intcrcsie war, naml:ch auf das Sortiere". Es fiel mir erst nachher ein, daß ich an einem so beben jüdischen Feiertage vielleicht bester nicht von weltlichen Dingen bätte sprechen sollen, aber der ^auswirt batte ja zuerst davon angefangen, und er wie Onarriar ließen sich sofort auf eine Diskussion dieses Gegenstand:s c.n Der Hauswirt fing wieder an, darüber zu klagen, wie trauria cs für Onarriar wäre, wenn er wirklich gezwungen würde, den vdn Eonn genannten Partner anzuncbmen, als Onarriar schüchtern damit derauskam. daß er schon den Kontrakt mit dem künftigen Teilnehmer d s Geschäftes unterschrieben habe, obgleich er das versprochene Kapital von Conn noch nicht erhalten bade, noch Näheres von ibm über den betreffenden Mann crfabrcn bade Der Hauswirt schien sebr überrascht und ärgerlich zu sein, als er dies erfuhr, er spitzle förmlich die Ohren, als Onarriar das Wort ..unterschrieben" aussprach. und warf ihm einen entsetzten Blick zu. „Unterschrieben!" rief er in jüdischer Sprache. ..Was bist )u unterschrieben?" In diesem Augenblick kam die junge Frau des Hauswirtes ru uns in das „gute Zimmer". Sie trug ein hübsches Kind am Arme, wäbrend ein anderes sich verlegen an die Mutter drängle. Sie sab zufrieden und heiter aus. und die ganze Häuslichkeit machte den Eindruck des Glückes und des Gedeihens, sic bildete einen schneidenden Kontrast zu dem anderen Heim, zu dem ich dann kur; darauf die steile dumpfe Treppe dinaufkleNerte. Ich war kaum auf den traurigen Anblick vorbereitet, der mich oben erwartete. Es waren weniger die ärmlichen, schmutzigen Zimmer, in denen sich nur ein paar Matratzen, ein wackliger Holztisch, ein paar Stühle und ein Hauken con Pasiahkuckcn befanden, als vielmehr die abstoßende Häßlichkeit der drei Frauen, die verlegen und vor dem wichtigen Besuche errötend dastandcn. Die Frau und Mutter war sehr klein und sab beinahe wie eine Zwergin aus, sie trug eine schwarze Perücke. Die Töchter waren vierschrötig, mit talgfarbcnen runden Gesichtern, die an die Abstammung von russischcn Bauern /rinncrlcn: das älteste der Mädchen mit dem blinden Auge war abschreckend häßlich. Die wenig kennen meine akademischen Freunde mich, wenn sie glauben, daß das Häßliche mich anzöge! Die Wahrheit ist, daß ich manchmal durch die Häßlichkeit eine Schönheit schimmern sehe, für die sic blind sind. Ich gestehe aber, daß ich hier nur das krasteste Elend und eine abschreckende Häßlichkeit fand. Dieser trostlose Anblick, ver- Kunden mit der verdorbenen drückenden Luft, wirkte so auf mich, daß mir ganz übel wurde. „Darf ich das Fenster ausmachen?" fragte ich unwillkürlich. Der liebenswürdige Hauswirt, der mir auf dem Fuße gefelgt war, beeilte sich, meinen Wunsch zu erfüllen, und nachdem ick wieder freier atmen konnte, fand ich, daß die ganze Szene trotz ihrer Gemeinheit etwas unendlich Tragisches batte. Mein Auge fiel wieder auf die Gestalt Onarriars, der immer noch in gebeugter, aber königlicher Haltung dastand: cs war allerdings hier sehr notwendig., daß er sich nicht hoch aufrichtele, denn dann würde er sein stolzes Haupt an der niedrigen Decke zerstoßen haben. Gewiß, wenn ich eine hübsche Frau mit reizend graziösen Töch lern gefunden hätte, so würde dos BUd ein ganz anderes und nicht so tragisches gewesen sein. Da stand Israel, von Hätzlichkeit und Gemeinheit umgeben, ohne dabei seiner königlichen Würde etwas zu vergeben — wahrlich, dies war „der Mann der Schmerzen". Ehe ich forlging. fiel mir plötzlich ein, nach den drei jüngeren Kindern zu ftagen. Der Vater sagte mir, daß sie immer noch bei dem fteundlichen Wohltäter seien. „Ich denke, wenn es mit dem Sortieren gut geht und Sie Glück haben» werden Sie die Kinder wieder zu sich nehmen?" ^Nv-tfetzung folgt.» i n ■ nrnra ■ ■ i ■ rrm ■■■■ n *■■■■■■■■■ rirarr Die Botentasche D ... rm ■ ■ ■ in ■ 11 rm i ■ m Alitestamentliche Feindesliebe. Die „Boss. Zeitung" veröffentlichte vor einigen Monaten folgenden Brief: fcie l, 19 August 1921. An die Redation der „Vosfischen Zeitung". £ie berichten in der Morgenausgabe vom 17 August, erste Beilage, unter der tleberschrift „Die Humanitätsidee in der Religion" über einen Bortrag von Professor Dr. Hans Haas in Leipzig. Darin findet sich folgende Bebaptung' „Im Judentum finden sich zwar viele ttebereinüimmungcn mit altcbristlicher Ethik, aber das Gebot der Fcindesiiebe fehlt: das Judentum lehnt es auch als un-?"rchführbar ab. Wohl aber erreicht der Chassidismus im ^?sti-'dentum eine etbiche Höbe, die der des Neuen Testaients kaum nachstcbt." Sollte die Behauptung, daß dem Judentum das Gebot der Feindesliebe fehlt, wirklich aufgestellt worden fein, so würde sich darin eine unbegreifliche Unkenntnis des Alter Testaments offenbaren. Ich verweise auf das Sprn^wort 24, l7 f. und 2ö, 21 f. Diese Bibelstellen gibt I». fta.rr Kautzsch, -Pastor in Dresden, in seiner Schrift „Die Philosophie des Alten Testaments" in folgender fteberfetzung wieder: 24. 17 t.: „Wenn Dein Freund fällt, so freue Dich r.ij-i Und wenn er strauchelt, frohlocke Dein Herz nicht, damit es nicht Jehova, wenn er es sieht, mißfalle. Und er seinen Zorn von ihm adwende." 2ö, 21 f.: „Wenn Deinen Feind hungert, so speise ihn mit Brot, und wenn ihn dürstet, so tränke chn mit Wasser. Denn glühende Kohlen wirst Du damit aus sein Haupt sammeln. Und Jehova wird es Dir vergelten." Als Erklärung fügt Kautzsch hinzu: „Manches warmherzige Wort über die Nächstenliebe finden wir im Alten Testament, und die Mahnung: „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst, lesen wir bekanntlich nicht erst in der Bergpredigt, sondern bereits in der sogenannten Priesterschrift (3. Mose 19, 18; vgl. V. 9 bis 17 die Ausführung dazu!). Man sucht diese sittlichen McUrnungen des Alten Testaments gegenüber der Forderung Jesu bisweilen dadurch zu ersetzen, daß man darin ausschließlich die Liebe zum jüdischen Volksgenossen gelehrt findet. Nun wird allerdings der „Nächste" häufig neben dem „Bruder" oder den „Kindern seines Volkes" genannt. Mer schon in dem sogenannten Deuteronomium (5. Mose 19, 10) und vollends wieder in der Priesterschrist (3. Mose 19, 34) wird das Gebot der Nächstenliebe ausdrücklich auf den „Fremden, der sich bei Dir aufhält", ausgedeht. . . ." „Auch häßliche Schadenfreude über den Sturz des Feindes ziemt sich für die Weisen nicht und erregt Gottes Mißfallen (zu 24,17 vgl. Hiob 31, 29). Vielmehr sollen gerade wehrlose und hilfsbedürftige Feinde mit verdoppelter Liebe umgeben und dadurch feurige Kohlen — nicht die Scham, sondern die Reue auf ihrem Haupt gesammelt werden. Man beachte, daß Paulus in seinem Zitat Röm. 12, 20 den wieder ganz jüdijch klingenden Schluß „und Gott wird es Dir vergelten", wegläßt!" ' Sanitätsrat Dr. Jacob. * 3n einer Meinen Provinzgemeinhe hat der Bor- - beler ein Seitenstück des üblichen Iozer (Pijut) weggelassen. Als ihn darüber ein älteres Gemeindemitglied zur Rede stellte, zeigte ihm der Ehasan das Machsor, wo über dem betreffenden Iozerstück die Bemerkung zu lesen war: „In einigen Gemeinden wird diys gebetet." Da jedoch, fuhr der Ehasan fort, unsere Gemeinde uneima ist, so Mt die» selbstverständlich au». ' M-gr.

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