Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-11-25 · 130 (25.11.1921) · p. Seite 411

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
130 (25.11.1921)
Date
1921-11-25
Page
Seite 411 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3947615-6435932-6437271--1396-3948892
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

kr ui bie Perlon und vre Wirffaurkeit veS Sd«rko«»üffark»psie. LllS Andenken überrxichte er im Namen der Ge- «eiiüe -eia E i, auf dem in wunderbarer Kleinfchrift das ganz« Hohe Lied und mehrere Psalmen angebracht waren. Dieses in Lilbereiniaffung gehaltene Meisterwerk jemenitischer Kunst ergriff Herbert Samuel sichtlich. Er sprach in bewegten Wörter, seinen T<ink und die Hoffnung aus, daß recht viele Juden auch in Jemen ins Land kommen werden, um auS Palästina ein Erez Jisroel zu machen. Das Modell der Schmerzen Novelle von Israel Zangwill tForlsetzung.j Diese übertreibende orientalische Dankbarkeit hätte auch den lobgierigsten Wohltäter befriedigen müssen, sie stand in keinem Verhältnisse zu dem, was ich für ihn getan hatte. Er schien gar nicht zu begreife», daß er mir schließlich doch eine Gegenleisttmg für das vereinbarte Geld bot. wen» er unermüdlich und in jedem Detter einen meilenweiten Weg machte, um rechtzeitig in meinem Atelier zu sein. E» ist ja wahr, daß ich chm so schnell wie möglich dazu behilflich war. seine Penaten eiuzulöfe», aber konnte ich weniger für einen. Mann tun, der immer noch kein Bett zum Schlafen hatte? Ich gab chm das nötige Geld, um das Gepäckbündel in Rotterdam einzulöseu. Die AgeMen in East-End forderten drei Ecyilling für jeden Brief, den sie in dieser Angelegenheit schrieben, und zogen die Sache so viel wie möglich in die Länge. Ader erst als einer dieser Herren erkläne. daß Kazelias ein sehr ehrenhaster Mann sei, befestigte sich in mir und meinem Modell der Verdacht, daß die lange Kette der Betrügereien sich dis nach London hinziebe, daß man absichllich die Sache hinziehe, damit der Pfandschein Onarriars verfalle und die Eisenbahn das Recht hätte, das nicht eingeloste Gepäck zu verkaufen, wobei sie sicher Nutzen gehabt hätte. Onarttar sagte mir dann eines Tages, daß seine zweite Tochter, die Aelteste war auf einem Auge blind, sich entschlosien habe, allein nach Rotterdam zu fahren, da dies der sicherste, kürzeste Weg sei, das Eigentum der Famüie zurückzuerhalten. Ich bewundette den Mut des Mädchens und gab Onarttar das Reisegeld für sie. Eines schönen Morgens erschien dann mein Israelit freudestrahlend in meinem Atelier. .Sann freut sich der Mensch am meisten?" rief er. „Wenn er ellvas Verlorenes wiedersindel!" „Ach, dann haben Sie wohl endlich Ihr Bettzeug bekommen: ich hoffe. Sie haben gut darauf geschlafen", sagte ich. An seine wunderliche Ausdrucksweise hatte ich mich schon ganz gewöhnt. „Rein, wir konnten nicht schlafen, well wir die ganze Nacht Segen aus Sie herabflehten. Wie sagt der Psalmist? Alles, was in mir ist, lode den Herrn", war die unerwattete Antwort. Doch war die Sache bis zuletzt noch keineswegs glatt abgegangen. Die Bande des Kazelias in Rotterdam tat, als ob sie überhaupt gar nichts von dem Gepäck wisse, und schickte das Mädchen zum Bahnhofe, wo man chr sagte, daß die Unkosten durch das Lagern des Gepäcks jetzt auf zehn Pfund Sterling gestiegen seien. Wieder wurde ibr der Becher vor dem Munde weggezogen. denn ich hatte ihr nur 9 Pfund Sterling gegeben. Ader sie ging zu dem Rabbi in Rotterdam, bat ihn, ihr zu helfen und sich dafür durch die zwei silbernen Sabbatleuch- 1er, die einzigen wettvollen, ererbten Familienstücke, die in dem Bünde! waren, bezahlt zu machen. Während sie noch ihn anflehte, kam ein edeldenker Jude dazü, er bezahlte das fehlende Geld, brachte sie in ei» Logis, ließ ihr zu essen geben und sorgte dann selbst dafür, daß sie sicher mit den lange verlorenen Schätzen an Bord kam. Bnttes Kapitel. Ich werde Lumpensortierer. Wochen gingen vorüber und meine Befriedigung über die Fortschritte meiner Arbeit wurde sehr dadurch gedämpft, daß ich mir sagen mußte, daß nach Vollendung meines Bildes mein Modell wieder brotlos fein würde. Es kam mir manchmal so vor, als welle fein Auge mit einer An von hoffnungsloser Angst auf meiner Leinwand. Meine Besorgnis, was aus chm und seiner Familie werden solle, wuchs von Tag zu Tag. aber es gelang mir nicht, ein. Mittel ausfindig zu machen. Onarriar endgültig zu helfen. Er war rßhrend gewissenhaft. dot alles auf, um mich zu befriedigen, und klagte niemals über Kälte und Hunger. Einmal gab ich chm ei» paar Schilling, um ein Paar aste hohe Stiefel zu kaufen, die ich für irgend ein Bill» gebrauchte. Es gelang chm, diese auf dem Ghetto-Trödelmärkte lächerlich bülig zu erstehen, und er brachte mir gewfffenhast Pas übrig gebliebene Geld zurück, es war über zwei Drittel der ch» anvettranten neinen Summe. Ich verkaufte um diese Zeit zufällig eine englisch« Landschaft an Sir Afher Aarvnsberg. den berühmten Philanthropen und Kuust- «äce» von Middleto», der sich zur Ken seiner parlamentarffche» Pflichte» halber in London aaftieft. Da ich wußte, wie unermüdlich er und baß er in steter HÄknug mit den Wohttätigkeitv-LnDesegenr heiten der Londoner Süden steht, wandte ich «üch an ihn «it der j Frage, ob er mir kein Komitee angeben könne, an das ich mich »«»den könne, um dauernd« Hllfe für Onarriar zu erlangen. 6« Wer stich« , meine Bitte in nicht sehr ermutige«der -Weife auf. ^Der Müp» verstünde kein Handwerf. Indessen solle" Ostatnar^ aEd eUeM^ststr übergebenen Papier gestellten Fragen auf das Geiviffenqüft^fl chstchistworten: er wolle dann sehen, was sich machen ließe. Ich^dtMLaflir. daßDnarttar den Fragebogen, wie es-sich gehörte, ans füllte Alter und Geschlecht seiner fünf Kinder angad usw. •<, Aber das Komitee kam zu dem Schlüffe, das einzige^ .wavres am ' könne und wolle, fei, den Mann in fein' Vaterland - znttnfpAchjcken „Rach Rußand zurück! Niemals!" rief Iftaek «rmetzL. - ' Gelegentlich fragte ich ihn wohl, ob er selbst sich figendeineu Fstj kunstsplan gemacht habe.. Aus eignem Antriebe sprach erniemalstzvN! seiner bedrängten Lage, und das ernste Schweigen, die gelaflenvWßtche . dieses armen Mannes erschien mir unendlich rührend und pathrkW. ' Hin und wieder kamen etwas hellere Aussichten. Seine zweite Tuchler wurde, wenn die Arbeit gut ging, für einige Schilling von hem Hauswirte, der ein Schneidermeister war, zum Helfen engagiert. .Die Familie war dadurch instand gesetzt, zwei kleine Epeiche^immer zu mieten. Die halbbllnde Tochter suchte durch Waschen, etwa» W verdienen. Der Hauswirt gestattete ihr den Gebrauch der Dasthniche. Eines Tages aber entdeckte ich, daß er einen Zukunftspla» gemacht habe, — es war schon mehr, er hatte ihn bis in alle Details ausgearbertet. Für niich war der Plan, den er entwickelte, ganz, »eu , und überraschend; er bewies mir, wie sehr die Kunst, unter den fchvierigsten Verhältnissen einen Lebensunterhalt zu suchen, sich in - einem Volke entwickelt hat, das seit Jahrhunderten gezwungen ist, unter fast . unmöglichen Bedingungen zu leben. Sein Plan war kurz folgender: In den unzähligen Schneiderwerkstätten dieses Distriktes sammelten sich große Haufen von kleinen Stückchen Tuches jeglicher Art und Qualität, und eine tzewiffe Klaffe von Leuten, die sogenannten Sortierer, waren immer bereit, diese Tuchadschnitte zu kaufen. Der Verkauf solcher Abfälle nach Gewicht und gegen Barzahlung brachte den Schneidermeistern eine ganz annehmbare kleine-Rente ein, die um so willkommener war, da sie eine Art von Nebenverdienst war. Die Schneidermeister dursten sogar Botherdezahlung für diese Abälle fordern und die Sortierer kamen bann am Schluffe jeder Woche, um das abzuholen, was sich angesammelt hatte, bis die Vorschußzahlung, die sie geleistet hatten, beglichen war. Onarriar wollte ein Sortierer werden und hoffte, bann auch feine Töchter in diesem Geschäfte beschäftigen zu können. Die ganze Familie kennte ihm beim Sortieren seiner Einkäufe helfen. Die Tuchabfchnitte mußten nach Qualität und Größe geordnet werden, wurde« bann als Rohmaterial verkauft, um von neuem zu billigeren wollenen Stoffen verwebt zu werden. Einige seiner Landsleute hatten sich warm für ihn verwendet, und infolge deffen hatten sich mehrere Schneider berett erklärt, ihm den Vorzug zu geben. Besonders fein Hauswirt hatte chm fest versprochen, ihm freundschaftlich entgegenzukommen, und sammelte . jctzl schon alle Abfälle, um sie ihm zu überlassen, sobald er über bare» Gold verfügen würde, lleberdies hatten seine Freunde ihn mit einem s:dr achtungswetten und ehrlichen Sortierer bekannt gemacht, der sich mir ihm affoziieren, ihn das Geschäft lehren und ihm gestatten wollte, daß seine Töchter sortieren hülfen, wenn er nur zwanzig Pfund Sterling deponieren wolle. Seine Freunde hatten sich berett erklärt, chm acht Pfund Sterling auf die silbernen Armleuchter vorzustrecken, wenn es ihm gelingen sollte, irgendwo die anderen zwölf Pfund Sterling aufzutreiben. Dieser verlockende Plan nahm wirklich einen Alp von meinem i Herzen. Ich beeilte mich, dem Philanthropen von Profession, der gar! keinen Ausweg hatte finden können, die Mitteilung zu machen, baß ich i die Absicht hätte, Onarriar dazu zu verhelfen, Sottierer zu^verden. j „Ach", antwortete Sir After sehr gleichmütig, „dann sollten Sie! sicd an einen gewiffen Conn wenden, er tut viel derartige Arbeit kür mich. Er wird schon einen paffenden Partner für Onarttar finden, der - ihn auch in dies Gewerbe elnführt." ' „Aber Onarriar hat schon einen Partner gefunden", erklärte i ich ihm. „Das ist einer, der ihn unfehlbar betrügen wird. Zwanzig Pfund i Sterling zu fordern, ist einfach lächerlich. Fünf Pfund Äerlkng ist! ganz genug. Nehmen Sie meinen Rat an und laffen Sie alles durch Conn besorgen. Wenn ich mein Porträt gemalt haben wollte würden Sie mir nicht raten, daß ich mich an einen Dilettanten «enden sollte. Uebttgens, hier sind fünf Pfund Sterling für Ihren Schützling, aber i bitte, sagen Sie Conn nicht, daß ich sie gegeben bade. Ich glaube nämlich kaum, daß mit dem Gelbe irgend etwas Guter ausgerichtet wird, und Eonn möchte dann die Achtung vor mir verlieren." Mein Intereffe für Sottieren — eine Beschäftigung/vo« der ich bisher noch niemals etwas vernommen hatte — »ar ' abnorm gewachsen: ich interefflette mich für die Details, hatte «usgyechnet, welcher Botteil bei hundert Pfund Abffälle, die zü fünfzehn Sch»sipg eingekavst worben, zu erzielen wäre, nachdem sie fordert, georb»rt und ' zu verschiedenem Preise verkauft wurden. Ich machte KeseBerech-! nungen mit einem Eifer, als solle' ich mir selbst den Lebevsonterhott I durch Sottieren verdienen. Ich gestehe, daß es mich einigermaßen befremdete, daß Sir After i der Ansicht war, die Kosten einer Partnerschaft seien so sehr piel geringer, wie Onarttar mir gesagt hatte, aber ich war dazu ZeuSgt, den Skeptizismus dieses Herrn auf Kostendes Peffimirmu» zu/sitzen, der di» Plag» professioneller Philanthrop«» ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.