Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 128 (11.11.1921)
- Date
- 1921-11-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Erschein jede» Jftitef. Srr»ßO Preis 3 M. »„-ttich Z» beziehe» v»rch se»tliche P,Pi»trr »der »,rch k> S*teBB(rt>a i» B»»». VOM RHEIN Jüdisches Volksblatt S»z«iGe»hreiH: SM. fit die »ter,ef». PetÜheüe. Die >»»ze Seite »»f»ßt 360 Zeile». P,ftfcheckl»»t» v»te»- »en«G G. b. ». H.,L-l» Ne. 74747. Herauf von Rabbiner Ur. Smil Lohn, Sonn. Geschäftsstelle Lom»: Brübergaffe 22. Geschäftsstelle ff Mn: Mauritiuswall 52. Tel. B 9968. gbuBmn 12S Köln, Jl.'gTowemßer 1921. — 10 WarcHeschwan 5682 3. Iahrgaig. «rmr> rrrnri i mn mn >T ittttti rrrTTT) r E Was sagt der Go» dazu? ... i nTTTTTmnmn» imrnmii iti 11 liTTXX Da siebt das Won, und mein lieber Srcjer wird entsetzt [ein: „Um Gotteswillen", wird er rufen, „wenn das einem Goi in die Hände gerat, was wird er dazu sagen?" Ader cs ftebt einmal da, so soll beute ganz cvnstbast davon geredet sein. Das drückt dies Dort aus? Nicht eine Frage unter Fragen, nickt den ängstlicken Nus eines schücktern durch die Welt tappenden, an der Wand entlang streichenden, vereinsamten Menschen, sondern die Geistesbaltung einer ganzen Generation, einer ganzen jüdischen Zeit und Gcsellickast. Darin liegt Verhängnis, liegt Tragik. Alles Elend und aller Kammer unseres modernen Judentums entstamm! dieser Geistesbaltung, sie allein ist es, derentwegen man den Antcsemitismus sürchtcn mutzte, denn wenn irgend etwas, dann gibt sie allein ibm einen Schein von Recht. Wer;c mit rechtlichen Nichtjuden rubig und unbesangcn die Fudensragc und das Wesen des Fuden besprach, wird immer wieder einem Vorwurf begegnen, der ibn zuerst überrascht, dann verlegen, dann gar beschämt verstummen macht: Das ist der Mangel an Freiheit und Würde, den man uns vorwirit. Alle Vorwürfe, Geldgier, Materialismus, Kritiklust, Protzcntum satten auf die zurück, die sie machen, sind Eisckeinungen der Zeit, denen alle unterwarscn sind. Dieser eine Hieb aber sitzt, denn Mangel an Würde und Freiheit sind eine speusisckc Erscheinung bei uns. Die Geisicsdaltur.g „Was sagt der Goi dazu?", d. b. ik GoistLsdaltung des Seitenblicks, ist der große Beweis iär das immer neck nickt abgestreinc Gbetto. <)bre gcgen- -elare Geifresbalt::::-» ist die Geistesbaltung der Würde. Würde fließ: unmittelbar aus der Diese des Menschen c'bn. Es ist also nur eine Perversion unserer Zeit, ein liWickes Zeichen irrer Entartung, daß sie all das für wurje'rs crllar». was „Anstoß" erregt, Und es mutz hier t ir.mc* iiiii a'.iem 5W.ckdruck erklärt werden, datz B. der- >m.:e ','ude, der in seiner nicktjüdiscken Umwelt aussättt oder gar Anstoß erregt, noch lange nicht würdelos zu bandeln braucht. Der Matzstab für würdig oder unwürdig liegt r.ichl außer mir. sondern in mir, und nur der Verlust dieses Maßst^bs siebt Würdelosigkeit nach sich. Mit Rech! töricht man von „innerer" Würde, und möchte sie von der äußeren Würde unterscheiden, die aber überhaupt keine Würde ist; es gibt nur eine innere Würde. Alles andere, was man so nennt, »st nur die Würde, wie sie sich räuspert und spuckt. Scheinwürde nur, knechtische Verleugnung des Gebens und seiner tiefen strömenden Freiheit. „Was sagt der Goi dazu?" Welch eine Entartung des Menschlichen in uns: Nur immer nach dem Nichtjuden sehen, von chm sein Urteil über die eigensten, sogar heiligsten Dinge diktieren lasten, nur ja nicht Anstoß bei chm erregen, Prüfung aller Dinge, auch der beiligsten, ewigsten. ob sie nicht „Master auf die Mühlen der Antisemiten gießen", ob sie nicht „Nischus machen", — welch eine grauen- Kaste Entartung liegt darin? Heißt das nicht alle Dinge auf den Kopf, das Ewige unter den Maßstab des irdischen, das Eigenste unter das Nichtamt des Fremden stellen? Und welch eine Verbiegung. Verkrüppelung, ja welch eine hündische Versklavung des Charakters muß die Folge sein? Es ist die Perversion des Judentums, die Pch da äußert. Denn Judentum und Iudesein besteht seit dem Augenblick, da Gott mit seinem Volk in den ewigen heiligen Bund vom Sinai trat, nur in e i n e r Aufgabe: Anders zu sein als die andern. Das und nichts anderes ist Judentum. Es ist eine schwere Aufgabe, es gehört eine Tragfähigkeit der Seele dazu, wie sie von keinem Menschen sonst verlangt wird. Das Judentum birgt in diesem Sinne die Forderung des Martvriums in sich, gleichzeitig aber auch die Kraft des Martyriums. Wer dieses Martyrium leugnet, leugnet des Judentums tiefste Freiheit und Würde. wem die Erzählungen unserer Märtyrerleiden nichts auslösen als den :>iuf: „Um Gotteswitten, was sagt der Goi dazu?", verkennt den wahren Sinn seiner selbst und seines Judentums tiefstes Wesen. Mag eine ganze Welt von Gojim ausiteben gegen mich, mag die zehnköpst'ge Hydra des Nischus für jeden abgeschlagenen Kopf zwei neue wachsen lasten, ja. mag das Pogrom selbst vor meiner Türe lauern, ick handle nur nach einem: Nach der W ü r d c und Freiheit, die aus mir selber stießt. Emil Cohn. Borachi naffchi l^psalm 101.) Vvn Radbiner D». Samuel (Esten). Seil dem Sabbat Bereschis liest man zu Mincha Borachi nasichi. Dem denkenden Leser, entgeht es nicht, daß er einen Preisgesang aus Gottes Schöpfung vor sich hat, der deutlich auf Bereschis boro Bezug nimmt. Aber er fühlt auch, daß der Dichter zugleich völlig aus eigenem schöpft. Ein Kunstwerk kann hier von dem anderen Licht empfangen. Hinter dem Kapitel Bereschis, so. meint ein moderner Forscher, taucht das kluge Gesicht eines ehrwürdigen Priesters auf, der den Jüngern letzte, nicht erste Weisheit bietet. Nur vor wenigen, würdigen Schülern darf man Maaste bereschis, die Geheimniste der Schöpfung, behandeln, sagt der Talmud; für die andern gill: Forsche nicht, was vorher war und was nachher fein wird; schaue, staune, glaube! Du stebst vor deinem Schöpfer. Darf das Gebilde zum Meister sprechen: Was schaffst du? Genug, er ist der Zauderer, der die Elemente kreisen läßt, die Erde im leeren Raum oufhängt, ohne daß sie wanket, und auf chr türmt und formt, und allen Wesen von seinem Geiste austdft: der Pflanze, dem Tiere, dem Menschen. Und der letztere trägt gar seine, des Schöpfers Züge, sein Ebenbild, sei» Gleichnis. Genug, daß du gewürdigt bist, in Gottes Werkstatt zu