Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 126 (28.10.1921)
- Date
- 1921-10-28
- Page
- Seite 372 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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TOTTI Die DstmtaMe Trrrrn i tttttttttttti iTTin IMIMT1 rm Oie Quelle des Glücks. Bon S«h«le« Aleche». Ich bin, wie Ihr wißt, kein Rothschild, bei iwite'm fein Rothschild, kaum daß es mir gelingt, ein Ende mit dem andern zu verknüpfen. Aber ich lebe, Gott sei Dank, glücklicher und bester, als irgend ein Rothschild. Wieso? Weil ich ein Jude bin und den Feiertag halte! Der Feiertag ist eine große Sache! Nicht dadurch unterscheidet sich der Feiertag vom Alltag, daß der Mensch sich satt ißt. Salt esten kann sich auch ein Pferd. Aber der Mensch ist kein Pferd. Um soweniger der Jude! Nehmen wir z. B. den Festtag der Esther, der uns daran erinert, daß unsere Ahnen vor langen, langen Jahren ihren schlimmsten Feind, den berühmten Haman, dessen Name für ewige Zeiten verschwinden möge, vernichtet und noch dazu wie vernichtet haben. Nun, es ist äm Vorabend des „Fasttags der Esther". Es hilft nichts, man muß fasten. Man saftet 24 Stunden .. . Was ist dabei? . . . Wie angenehm ist es dafür, nenn am Abend alle Söhne, Töchter, Schwiegersöhne und Schnieqertöchter, unberufen etwa sechzehn Personen sich zu Tisch setzen, ohne die Enkelkinder mit zu rechnen, mit denen ich Gort sei Dank reichlich versehen bin, denn Gott hat mich in dieser Hinsicht nicht benachteiligt: alle meine Töchter und Schwiegertöchter und pünktliche Lieferanten: es vergeht kein Jahr ohne Zuwachs. Nur bei der mittleren Schwiegertochter klappte es nicht, acht Jahre vergingen, ohne daß sie Binder zur Welt brachte. Acht Jahre, Gott iei's geklagt! Nun ging die Sache los mit Ärzten, Quacksalbern. Apotheken! Sie fuhren zum heiligen Wunderrabbi, zu dem einen oder dem anderen, aber es half nicht. Da leschlosten sie, sich scheiden zu lauen. Nun,- also geschieden, trenn es sein muß! Als es ab-er soweit war, kam man nichr von der Stelle. Weshalb . . . Sie wollte nicht. Was bar ne zu wollen? Sie liebte ihn. Hört ihr? Sie liebte . . . „Das rut's, daß sie dich liebt? Sie ist ja kinderlos!" sagte ich zu ihm, das heißt zu meinem Sohn ... Ihr würdet nichr erraten, was er mir darauf antwortet: „Ich habe sie ebenialls lieb!" Wie gefällt Euch das? . . . „Sie ist doch kinderlos", wiederhole ich ihm. er aber erwiderte: „Ich habe-ne!ieb." „Kinderlos" — sagte sch. — „Ich habe sie lieb," meinte er. Ein Sonderling! Und sie ließen sich wirklich nicht scheiden! Aber Gort irr nicht unerbittlich, sie bekamen Binder, und w-as für noch! Wenn Sie sich überhaupt meine Enkelkinder anseben ... eins hübicher als das andere! Und klug sind sie! Und wie sie lernen! Sie lesen und - schreiben hebräisch, rustisch, deutsch und französisch. Wenn ich einmal ein Telegramm zu lesen oder einen wichtigen Brief zu schreiben habe, so schreien sie um die Wette: „gib mir", „Großpapa, mir!" Sie wollen mich schier in Stücke reißen. Solche begabte Kinder habe ich unberufen! Aber ich weiß, ich sehe es ihnen an der Nase an, tvelche Frage sie an mich richten wollen. Und die Geschäfte? . . . Ach die Geschäfte. Dem Allerhöchsten im Himmel sei es gedankt, wir drehen und wenden uns in unserem gottverlaffenen Hungerdorf so gut es geht; manchmal geht es so, manchmal anders, und ehe man es sich versieht, ist ein Jahr vergangen. Wir brauchen uns also ein Jahr weniger in dieser Welt herumzuguälen. Geschäftlich geht es meinen Söhnen nämlich nicht gut. Der älteste z. B. hatte sich ganz guteingerichtet. Als er heiratete, ließ er sich in Spitzbubendorf nvcher, vertrug sich ausgezeichnet mit den Bauern, befreundKe sich sogar mit chnen ... da kam das berühmte Gesetz vom 3. Mai, und der Sklave Gottes wurde aus dem Dorf gewiesen. Er wehrte sich, reichte Gesuche ein, schrieb Bitten, Klagen, Hing zum Senat ... es half nichts. Ter Mensch verlorallesimdfitzt mir seitdem mit Frau und Kindern auf dem Halse. Das ist der älteste. Der zweite ist ein Pechvogel. Was er auch «mfangen mag, kommt verkehrt heraus. Kauft er etwas, so stillen die Preist; verkauft er, so steigen die Preise. Versucht er mir Vieh zu handeln, so fällt das Vieh. Will er Waldgeschäfte machar, hört der I Frost auf. Ein wahrer Pechvogel!. Sieht er das Wasser j an, so krepieren die Fische. Wollte er mir Särgen handeln, i dann würden die Leute sicberlich aufhören zu sterben.! Meinem dritten Sohn ist direkt ein Unglück widerfahren:! er ist ganz und gar abgebrannt, mit Haut und Haar, wie; man zu sagen pflegt, und jetzt lebt er mir seinem ganzen i Sck>atz bei mir aus meine Kosten. Was soll ick tun? Nur; dem jüngsten Scbn ist geglückt. Das heißt, wie ist das! zu verstehen? . . . Reichrümer har er nickt. Vermögen! auch nicht . . . Aber sein Schwiegervater ist ein reicher ' Mann. Nickt so reick an Geld, wie an Geschäften. Er har? eine Menge Geschäfte, obgleich meistens recht verwickelte, j Er betrügt nichr zu knapp! Einen solchen Spitzbuben Hab; , ihr noch nicht gesehen. Behüt euck Gon, in seine Hände zu I geraten! Vor kurzem irrack ick mir ihm über unsere Kin- ' der, warum er innen nickt irgend ein Geschäft einrickrel. „Es ist Zeit, Bruder, ück um die Kinder >u bekümmern." ' scigte ick ihm. „Sie sind dock ebenso gur meine Kinder wie . Eure," meinte er. „Das ist richtig. Bruder, aber es lst immerhin Zeit, sie irgendwie ielbsröndig zu macken." Dar- , auf erwiderte er mir: „Jbr solltet darüber nicht sprechen. Bruder." „Warum denn-nickt?" fragte ick. „Na. well Jckr, Bruder . . . weil . . ." „Was denn? Warum denn ' nickt?" fragte ick. Aber war mir unangenehm, jedes Wort aus ihm herauszuziehen. | Das betrifft meine Söhne. Mir den Schwiegersöhnen ha: Gort mir kein Glück geschenkt. Das heißt, gegen sie i selbst habe ich, Gon behüte, nichts einzuwenden. So vor ' treffliche Schwieger'öbne. wie ick habe, sinder ihr nicht bei ' dein reichsten Mann der Welt. Nehmt zum Beispiel meinen ältesten Schwiegersohn. Das ist ja Gold, eine Zierde, ein Schatz! Man kann sagen, der erste Gelehrre im Lande! Er sitzt fortwährend über dem Talmud! Es ist schade, wirllick! sckade. einen solchen Mcnsckcn vom Buch forrzureißen! Ick halte ihn bei mir seil dem Tage an. da er meine T«bter geheiratet hat. Auch mein zweiter Schwiegersohn ist nickt ' von der gewöhnlicken Sorte, obgleich man ihn nicht einen i Gelehrten nennen kann. Kein Vergleich mit dem ältesten! > Er bat kein Glück im Leben, ebenso wie mein zweiter Sobn. i Ein wahrer „durchlöcherter Sack": — er wird nie voll. ü> viel man auch hineinstovien tnag! Was soll ich tun! Ich , muß auck ihn mir den Kindern bei mir Hallen. — auf die! Straße kann ick ibn nickt treiben. Mein dritter Schwiegersohn ist auch kein gewöhnlicher Mensch, aber er ist »o furchtbar zarr. io mager, durchsichtig. fast ohne Fleisch. wie ein Geist! Man kann nickt sagen, daß er sehr leidend wäre. Gott behüte! Schlimm ist nur. daß er fortwährend schwitzt. — ach, wie er schwitzt! — und in der Nackt hustet. Dieser Husten gefällt mir nickt. Ick babe es nickt gern, wenn ein Mensch hustet und dabei pfeift. Es tut einem leid, unb es hört sich auch unanzep.chm an! Dir waren mir ihm bei mehreren Aerzten: er soll viel Milck rrinken und viel Fleisch essen, meinte der Arzt. Die Ärzte wisien nichr, daß er bin Fleisch vertragen kann. Auck rieten sie. mir ihm aus Sommerwohnung zu ziehen. Dpn würde er sich sehr schnell erholen, meinte der Arzt, Hun warten wir auf dey Somtner, wenn Gott ihn uns erleben läßt, ziehen wir mir ibm auf Sommerwohnung. Eder vielleicht fahren wir mir ihm zu einem Profesior. Entweder zum Professor oder am Sommerwohnung, ich bin noch nicht entschlossen. Wahrscheinlich zum Profesior. Vorläufig muß ich^anch für seinen und seiner Familie Unterhalt sorgen . . . Was soll man mit einem kranken Menschen ansangen? . . . Mein vierter Schwiegersohn ist ein ganz einfacher Mensch, nicht die Spur von einem Gelehrten. Er ist Fischhändler. Seine gan<ze Familie treibt Fischhandel. Sie verstehen nur eins: mit Fischen zu handeln, weiter nichts. Wr wundert «nch.