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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-09-23 · 121 (23.9.1921) · p. Seite 314

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
121 (23.9.1921)
Date
1921-09-23
Page
Seite 314 (sequence 6)
Language
German
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denke, daß' ich 'Ihnen dazu verhelfen kann", sagte -ich. „Wünschen Sie Geseßesrollen von mir ausgeschrieben zu haben?" erwiderte er in ungläubigem Ton. „Sie sind ja gar kein Jude!" , „Dennoch habe ich vielleicht Beschäftigung für Sie", sagte ich. „Wollen Sie mit mir kommen?" Ich merkte, daß einer der Pedelle uns schließlich aufmerksam beobachtete und ging daher mit ineinem Modell rasch in eine Seitenstraße hinein. Es fiel mir auf, daß er lahmte, als ob er wunde Füße hätte. Er verstand nicht ganz, welche Art von Arbeit ich von ihm verlangte, aber er begriff, daß er wöchentlich ein Pfund Sterling verdienen könne und das genügte, denn er )var dem Hungertode nahe. Als ich ihm dann sagte, daß er Brighton verlassen und mit mir nach London gehen müsse, faqte er wie von heiliger Scheu ergriffen: „Das ist der Finger Lottes!" Seine Frau und seins Kinder waren in London. Sein Name war Israel Onarriar. seine Heimat Rußland. Das Bild wurde schon am Montag morgen angefangen. Israel Onarriar beehrte das- Atelier mit seiner Gegenwart. Seine edle Gestalt, das ernste, tragische Ant- I litz, das demütige, gesenkte Haupt, der lange Bart, der! ihm das Aussehen eines Propheten verlieh, machten einen rührenden und zu gleich anregenden Eindruck auf mich. „Es ist der Finger Gottes", muriitelte auch ich und machte mich begeistert an die Arbeit. Ich arbeitete meistens in verzücktem Schweigen — vielleicht wirkte die Schweigsamkeit ineines Modells ansteckend. Aber ganz alltnählich, während des tagelangen, ungestörten Beisammenseins überwand seilte scheue Seele die Zurückhaltung, und nach und nach erfuhr ich die Geschichte seiner Leiden. Ich gebe die Erzählung, soweit mir das möglich, mit seinen eigenen Worten wieder: habe ich doch während der Pausen seine Worte, wenn sie besonders charakteristisch erschicneli. sorgsam niedergeschrieben. Zweites Kapitel. Die Geschichte des Bi o d e l l s. Ich bin hierher gekommen, weil das Leben in Rußland mit der Zeit ittierträglich fürniich gelvorden lvar. Durch ein paar Generationen hindurch sind wir Onarriars Inhaber eines Wirtshauses gewesen, auch meine Eltern und ich haben dadurch unser Brot verdient. Aber Rußland hat uiis den Lebensunterhalt genominen, indem es das Branntweininonopol einsührle, und hat uiis dadurch dem Elende preisgegeben. Was sollte ich mir meiner großen Familie anfangen? Ich hatte immer gehört, daß maii in London wie in Amerika menschlich dächte und obdachlosen Fremden ein gelvisses Mitleid entgegenbrächte. Das sind nicht Länder wie Rußland, lvo es keine Wahrheit gibt. Die Sorge um meine Kinder drückte schnür auf mir. Es sind alle fünf Mädchen, und.in Rußland ist ein Mädchen, wenn es auch noch so schön, gut und klug sein sollte, wenn es keine Mitgift bekommt, gezwungen,' jede Gelegenheit zum Heiraten zu ergreifen, selbst wenn - der betreffende Mann ihm so unsympathisch wie möglich sein sollte. All dies kam zusammen, um mir Rußland zu verleiden. Ich machte also all meine Habseligkeiten zu Geld und brachte dadurch eine Summe von 350 Rubeln zusammen. Man hatte mir versichert, daß die Reise nach London für mich und meine Familie kaunl mehr als 200 Rubel kosten würde, und ich berechnete daher, daß mir dann immer noch 150 Rubel bleiben würden, um das Leben in dein neuen Lande zu -beginnen. Dennoch wurde es mir unendlich schwer, mein Vaterland zu verlassen, aber wie der Muschik sagt: „Wenn es sein muß, so geht es." So trennten wir uns also unter vielen Tränen von unseren Freunden; wir hätten es niemals gedacht, daß wir in unserem Alter uns noch eine neue Heimat suchen müßten. Aber was blieb uns übrig? Wie der Muschik sagt: „Wenn das Lamm nicht zur Schlachtbank gehen will, wird es dahin getrieben." So brachem wir also auf, um nach London zu gehen. Wir kamen bis nach Jsota an der österreichischen Grenze. Als wir dort am Bahnhofe saßen und darüber nachsannen, wie mir es wohl anstellen sollten, uns über die Grenze zu schmuggeln, kam plötzlich ein sehr gutmütig aussehender Jude mit ehrwürdigem Barte, zwei langen Ohrlocken und einem Gürtel um die Taille auf den Perron. Er wusch sich umständlich die Hände an der Wasierleitung und betete laut und mit großer 'Andacht das Asher Jotzer. Nachdem er sein Gebet beendet, blickte er uns alle erwartungsvoll au und wir alle sagten: „Amen!" Dann schlug er den Rockärmel zurück, streckte die Hand aus. begrüßte mich mit den Worten Shalom Aleichem und frug mich dann, wie es mir und den Meinen erginge. Er begann bald von den Schwierigkeiten zu erzählen, die uns an der Grenze gemacht werden würden. Dann sagte er mir:'Ich als ein Jjh kofher (das heißt ein streng ritueller Jude) will euch helfen, und zwar nicht des Geldes tvegen. sondern nur um der Mitzwab (der guten Tat) willen. Ich schöpfte Verdacht und dachte, woher kommt es, daß er weiß, daß wir über die Grenze wollen? Deine Freundlichkeit ist mir verdächtig. Aber wenn wir den Dieb notwendig haben, schneiden wir ihn sogar vom Galgen ab. Elzas Kazelias hat sich wirklich als ein Schuft erwiesen, dessen Hilfe lvir jedoch nicht entbehren konnten. Ich srug ihn, was er dafür verlange, wenn er uns über die Grenze helfen würde. Er nntmortete mir folgendermaßen: „Ich sehe wohl, daß Sie ein kluger und anständiger Mann sind. Sehen Sie ineinen Bart und meine Ohrlocken an undSie lverden einsehen, daß ichSie in keinerWeise zu übervorteilen beabsichtige. Ich will eine Mitzwah (eine gute Tat) vollbringen und nur so ganz nebenbei ein ivenig Geld damit verdienen." Dann warnte er mich, auf keinen Fall den Bahnhof zil verlassen, weil es in den Straßen Juden ohne Bart gebe, die mich ohne weiteres verraten und bei der Polizei angeben würden. „Es gibt eben nicht viele Kazelias in der Welt", sagte er. (Wollte Gott, daß ielbst dieser eine nicht darin existiere!) Dann fuhr er fort: „Schütten Sie Ihr Geld hier auf den Tisch, lvir lvollen zunächst mal feststellet', wie viel Sie haben, und dann will ich es Ihnen wechseln." „Oh," sagte ich, „ich muß mich zuerst danach erkundigen, wie der Wechselkurs steht." (Fortsetzung folgt.) Oie Botentasche Friedrich Wilhelm IV. und der Kastanjude. 9m „Neuen Wiener Tageblatt" veröffentlicht V. Mei-! selo folgende historische Reminiszenz: i Einem „Gelehrten im Kaftan" war es einst vergönnt, der Freund Alexander v. Humboldts zu sein. Der Mann hieß Chaim Selig Slonimski, er war ein gewiegter Mathematiker und Astronom und lebte in Warschau. 9m Jahre 1844 kam Slonimski nach Berlin, um dort eine physikalische Erfindung, die er gemacht hatte, zu verwerten. Hier wurde er mit Alexander v. Humboldt bekannt, und dieser fand an dem kenntnisreichen polnisch-jüdischen Gelehrten dermaßen Gefallen, daß er ihn seines Wohlwollens und seiner Freundschaft würdigte. * Alexander v. Humboldt, der bekanntlich der Vertraute des Königs von Preußen FriedrichWilhelm rv. war, wußte den König für den jüdischen Gelehrten aus Warschau zu interessieren, so daß ihn der Monarch zu einer Privataudienz entbot. Humboldt benachrichtigte hiervon Slo-

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