Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 120 (16.9.1921)
- Date
- 1921-09-16
- Page
- Seite 303 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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303 ich fegen wollte. Vielleicht gelingt es meiner Feder, die andere Halste zu fegen, besonders da diese aus Dingen besteht, die ich teils selbst gesehen, teils mir habe erzählen lasten. Zuerst möchte ich erklären, daß das Bild, das jetzt in seinem goldenen Nahmen dahängt, weit verschieden von meiner ersten Auffestung ist, daß es sich nur langsam aus dieser entwickelt hat, denn ich beabsichtigte ursprünglich nichts anderes, als ein realistisches Christusbilö zu malen, ein Bild des Heilands, wie er in der Synagoge von Jerusalem saß und an den Gestaden des Sees von Galiläa wandelte. Als Maler, der die moderne Richtung vertritt, schien es mir, hah trotz der unzähligen Darstellungen, die die Meister aller Nationen von Ihm gemacht haben, nur wenige, vielleicht keiner ein realisWhes Bild von ihm geschaffen hat. Jede Nation hat, sichselbst unbewußt, der Christusgestalt ihren Nationaltvpus verliehen, und die Berechtigung dazu läßt sich nicht ableugnen, denn dasjenige, was jedes Volk verehrt hat, war doch wahrhaft der Gott, den es nach seinem eigenen höchsten Ebenbilde wieder geschaffen hatte. Indesten war das nicht die Aufgabe, die ich zu lösen suchte. Ich verwarf'von vornherein den blonden, bartlosen Typus, den Da Vinci und andere der Welt aufgcdräng! baden, denn mein Christus .mußte vor allen Dingen ein Jude sein. Selbst als ich aus der Suche nach einem passenden jüdischn Modell zu der Erkenntnis kam, daß es auch unter den Juden blonde Typen gibt, schienen mir diese doch germanischer Herkunft zu sein. Was mir als das Charakteristische eines orientalischen Gesichtes erschien, war jene düstere Majestät, wie Rembrandts Trabbis sie uns zeigen und die in direktem Gegensatz zu den rotwangigen Göttern Walhallas steht. Das dAi Juden charakterisierende Gesicht muß viel eher an den Araber als an den Goten erinnern. Ich weiß nicht, ob der nicht fachmännisch gebildete Leser es begreifen wird, wie überaus wichtig für den Künstler. sein Modell ist, wie abhängig er von dem Zufall ist, in der Natur das Werk,"das er schaffen will, vorgebildct oder doch in schwachen Umristen angedeutet zu finden. Für mich als Realisten war es unumgänglich notwendig, in der Natur das Original zu finden, denn ohne das kann kein Künstler jemals die garten Nuancen wiedergeben, die seinem Werke deck Schein des Lebens verleihen. Wenn ich trotzdem behaupte, daß ich die Natur nicht kopiere, sondern sie nur benütze und zu einem Kunstwerk umgestalte, so fürchte ich, daß man mir vorwirft, ich widerspräche mir selbst. Aber das muß auf Kosten meiner mangelhaften Fähigkeit, mich auszudrücken, gesetzt werden. Vielleicht wäre es am richtigsten gewesen, wenn ich nach Palästina gegangen wäre und mir dort ein Idealmodell gesucht hätte; aber gerade um jene Zeit war die Gefendheit meines Vaters so bedenklich,, daß ich nicht wagte, eine größere Reise zu unternehmen, und mich stets dem Pfarrhause so nahe hielt, daß ich es in einer kurzen Fahrt mit der Eisenbahn erreichen konnte. Außerdem sind ja die Juden so über die ganze Erde verstreut, daß es unmöglich war, überall jüdische Typen zu finden, ganz besonders aber in'London, wo sämtliche Wanderströme zusammenstießen. Aber ich wanderte vergebens lange Tage und Wochen durch das Iudenviertel und verzweifelte schon an dem Erfolge meiner Bemühungen. Ich fand Typen und Modelle zu den'Aposteln, aber nicht zu dem Meister. Um mich etwas zu erholen, fuhr ich zum Sonntag nach Brighton, wo ich mich der Kirchenparade auf dem freien Platze anschloß. Es war an einem schönen sonnigen Morgen eines der ersten Novembertage. Die sich weit ausdehnenden grünen Rasenflächen, die See und der daniber lachende blaue Himmel vereinigten sich zu einem freundlichen Bilde, das selbst durch die verunzierenden Logierhäuser mit ihrer geschmacklosen Stukkatur nicht verdorben werden konnte. lieber den Scharen fröhlicher Spaziergänger schwebten die buntseidenen Sonnenschirmchen der Damen wie ein Schwarm bunter SchmetterLnge. $». mich, zu beobachten, wie die Pedelle ängMch hinüber wachten, daß keine ärmlich gekleDete» Lenke sich M der Sfrchenparade eindrängten, und der Anblick der übertrieben' elegant aufg^utzten Juden, die merkwürdigerweise an der Festlichkeit teilnahmen, erinnerte mich an das von. mir fo sehr gesuchte Modell zu meinem Bilde. Aber mein Auge schweifte vergebens' über sie hin, allen diesen Gestalten fehlte jene Würde und Schönheit, die ich ost bei den ärmsten Israeliten gefunden hatte. Da ganz plötzlich wurde mir ein Anblick, der mein Herz vor Freude hoch klopfen ließ. Auf dem Randsteine einer dem Platze gegenÄ>erlicgcnden Straße saß ein ungeschlachter, zusammengekauerter, mit einem Kaftan betteideter Jude. Unter dem kleinen grünen Mnschefeute und von einem langen, ungekämnsten, schwarzen Barte umrahmt, entdeckte ich das AiMtz, nach vcm ich mich so sehr gesebnt hatte. Er hatte de» Kopf ge- 'enkt und gönnte dem bunten, fröhlichen Trechea keinen Blick, als eb auch bas b.oße Anschauen nicht gestattet wäre. rd) mir gerade im Begriffe, dieses seltsame Besen, das fo unbeweglich und in sich versunken dasaß, anzureden, als ein Maler der kömglichen Akademie, der in Hove wohnte, mir mit o usgestrccktcr Hand und herzlichem Prnße entgegenlam und mich in eine lebhafte und angere^ste Unterhaltung reg. Ich sah sehnsüchtig zurück; es war brauche, als wolle die Akademie mich von der wahren Kunst fortziehe». „Bitte, entschuldigen Sie einen Äugenbllck. Ich möchte mir nämlich nur die Adresse jenes alten Burschen geben lasten", fegte ick. Er sab sich um und schüttelte mit lachendem Borwurf den Kops. ..Ach, so! Ein paffendes Modell zu einer schmutzigen und häßlichen Studie! Oh, über euch jungen Leutes Mein Herz empörte sich gegen die Selbstbefriedigung die er über seine eigenen konventionellen Kli^chen und Niedlichkeiten empfand. ..Hinter dieser Häßlichkeit und dem Schmutze sehe ich das Antlitz des Heilands", erwiderte ich. „Auf der Kirchen- parade habe ich ihn nicht gefunden." „Was, machen Sie jetzt in Religion?" sagte er mit hellem Lachen. „Nein, aber ich muß jetzt gehen", sagte ich und wandte mich rückwärts. Eine Weile stand ich dort, als ob ich die lustige», bunten Sonnenschirmche^wdachten wollte, aber in Bachrheif studierte ich meinen emden. Ja, in dieser eigentümlichen Gestalt, die so seltsam zusammengekauert auf de« Pftaster der Straßh saß, entdeckte ich in ta» Ausdruck des Gesichtes die tiefe Traurigkeit und das Geheimnisvolle, »och Mi ich fo lange vergebens gesucht hatte. Ich wunderte «ich über, die Einsachhett, mit der er so lange in feiner demütigen Stellung verhörrte. Ich sagte mirdaß er der Repräsentant des Ostens fei, der auf den Stemen wie auf einem Diwan tief nachdenkend dafaß. wägend der Beste» mit Sonnenschirmchen und dem Gebetbuch iN der Hand paradierte. Mich wunderte es, daß die Pedelle chn Nicht bemerkt hatten, genügte es ihnen, daß der Jude den heWge» Grund der Krrchenpqxade und die etwas weniger heAyen daranstoßenden Spaziergänge nicht zu betrete» wagte, ober würden sie, wenn ihr wachsmnes Auge die durstige Gestatt erspähte, ihn auch von triefe» Platze verweise»? lß-rqch», fe%k) Beim Aasbleibe« oder bei einer Nummer wollen sieb die Postbezieber stets «sr «■ den Briefträger od. die witi«Bg»lwf|lf-Fwtiidi It wenden. Erst wenn Nachlieferung nd AdkUfwg dfebt in angemessener Frist erfolge«, wende m gäbe der bereits «nt ~