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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-08-26 · 117 (26.8.1921) · p. [Seite]

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
117 (26.8.1921)
Date
1921-08-26
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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VOM RHEIN (Üsicheiat jetea %rxiu%. v«-RKs Preis 3.— 5L awaafl Za ke-iehea »arch ji»iliche fijtetn «kn »n* »ca SftmcxU« ia 8nt. JÜdiSChöS Voltsbl&tt Herausg. von Rabbiner Dr. L»i1 Lsha, Sonn. Geschäftsstelle Äonn: Ärüdergaffe 52. SefchHisOkUe1 mfr. 2.- M. flir Ihittr» Die r.74747. 52. Tel. B 996». $mtr 117 Köln. 26. August 1921. — 22 Ak S«81 [ 3. zctzr^a-^ Sin boykottierter Philosoph Vor nahezu einem kalben Jahre ist ein Buch von Hermann Cohen erschienen: „Tie Religion der Vernunft nach den Quellen des Judentums". (-29 weiten stark; das einzige große, systematische Buck über das Judentum. Man sollte meinen, das Buck werde in seiner ersten Auslage bald vergriffen sein. Bie arm sind wir doch an zusammenfassenr»en Berken über das Judentum; und wie tief ist — versichert man uns — das Unteren* der jüdischen Jugend an solchen Berken. Bie leider sie — nach ihren eigenen Aussagen — unter ihrer Unkenntnis des Judentums; und wie sehnt sie sich danach, es zu enasien. es zu erkennen. Wenn ein Tenker vom Range Cobcns. zudem einer, der so ganz im Geiste des Judentums — wie er ihn ausfaßte — verwurzelt war. ein großes jyi'remansckes Berk über das Judentum in die Belr sendet, müßte man nickt meinen, die jüdische Öffentlichkeit werde es dankbar und freudig aufnehmen, gewillt an ihm zu lernen? Vor nahezu einem halben Jahre ist das Buch erschienen. Binen weitere jüdische Kreise, auch die interessierteren, überbaupt davon; war schon irgendwo ui einer jüdischen Zeitung das Buck eingehend besprochen worden? Vielleicht in irgendeiner entlegenen Stelle, die mir entgangen ist. Babrbafl zur Kenntnis genommen hat die jüdische Öffentlichkeit noch gar nicht, daß das Buch erschienen ist. Beiß man aber, was oieies Berk bedeutet? Seit vielen Jahrzehnten wiederum ein großes umfassendes System des Judentums, aufgebau: in mächtigen Quadern von einem der großen Baumeister im Reiche des Geistes. Ich nenne nur einige der Kapitel: die Einzigkeit Gottes; die Schöpfung; die Offenbarung; die Schöpfung des Menschen in der Vernunft; die Entdeckung des Menschen als Mitmenschen; das Problem der religiösen Liebe; die Versöhnung; die Idee des Messias und die Menschheit; Unsterblichkeit und Auferstehung; das Gesetz; das Gebet; die Gerechtigkeit; die Treue. Tieie Überschriften allein deuten schon an, was das Buch enthält und was sein Inhalt in überreichem Maße erfüllt: nichts Geringeres, wie gesagt, als ein totales System des Judentums. Es mag eigenwillig sein in vielem; man mag es ablebnen in seinen Grundkonzeptionen. Begreift man aber nicht, daß jeder, der das Judentum erkennen will, gezwungen ist. sich mir diesem Buck auseinanderzusetzen, das überreick an Bissen, überfließend an Gedanken und grandios in einer systematischen Architektonik ist? Hier wird der Versuch unternommen, das Judentum vor der gesamten Kultur zu begründen und zu rechtfertigen; wird versucht. über alle Zufälligkeiten der historischen Entwicklung hinweg das Judentum als die Religion der Vernunft aufzuweisen, als apriorisch notwendig und ewig wahr; hier wird das Judentum konfrontiert mir der griechischen Antike, mit der Alltur des Christentums, mit den Sphären des Schönen und des Wissenschaftlichen. und' all diesen Welten gegenüber das Prima: des Judentums behauptet. Und der owr tut. ist nickt ein Schriftsteller. besten geisttger Horizont innerhalb der Grenzen des jüdischen Geistes eingespannt ist, sondern ein Tenker. der vorher ein System der Philosophie ausgebaut und darin die Totalität anderer Kultur gedanklich umscklosien und durcktacki har. Ahnt man die Bedeutung dieses Werkes, das man nicht überwertet, wenn man es an die Seile des „Moreb Rebuchim" stellt, dem es an Weite der Gedankenwelt, an Umgang bfi Kultursphären, mit denen es sich uuseinanderietzr. neck übeririffl? Nahezu eln dalbes Jabr ist seit dem Erscheinen des Buches vergangen, und die jüdiscke Oeffenrlichkeit weiß es ko um. Tie liberalen Juden haben es ignoriert, trotzdem sie doch Cohen — unberechtigterweise — als ihren geistigen Führer auszugeben Regien, Ick verstehe, daß das Buch ihnen nicht zusagr. »n dem Cohen das jüdische Gesetz als isolierenden Fakior reckiseriigr und das Recht des Judentum zur Isolierung verkündet. Tie rradiciouolleu Judeu haben es ignoriert, sie, die doch an einer Erkenntnis des jüdischen Geistes mehr als andere interesilerr sind: auch dies ist zu verstehen, da Cohen kein Strenggläubiger in ibrem Sinne war, vielmehr die religiösen Togmen rationalisieren unternimmt. Und auch die Zionisten, die dock» ioust so eifrig nach jedem Essay über das Judentum greifen, baden es ignoriert; weil wohl Cohen keilt Schekelzahler war. Tas ist. es sei gesagt, eine Schande. Wenn ein Schriftsteller. der gerade einen Satz aus dem Talmund gelesen und — mißverstanden hat, dank dieses Mißverständnisses ein Buck über das Judentum schreibt, wird es bejubelt und ist bald rergrinen; wenn aber einer, der'als Tenker wie kein anderer, als Kenner des Judentums wie nur wenige, berufen war. über^das Judentum zu sprechen, als Fazit seines geistigen Schadens gleichsam der jüdischen Öffentlichkeit ecn System des Judentums hinterläßt, bleibt es unbeachtet. Taß Eobeu von den offiziellen Kath^derphilosophen ignorierr und boykottiert wird, ist Unrecht genug, aber aus seiner Stellung -um Christentum heraus begreiflich: daß er auch von uns Juden boykottiert wird, ist mehr als ein Unrechr. Es ist. es'»ei wiederholt eine Schande. Nicht um für das Buck js propagieren — dem einer, der das Judentum nanonal anffaßt. in vielem Wesentlichen widersprechen muß — »ei dies hier gesagt. Bücher von diefein Range brauchen sich nickr um das Alteresse oder die Indifferenz der Generation, der sie gegeben werden, zu bekümmern. Sie sind für die Tauer bestimmt, und spätere Geschlechter werden erkennen, was in diesem Weck dem Judentum geschenkt ward. Hier wird dies alles nur erwähnt als Symptom anderes unseres jüdischen Lebens: als 'ckmähliches Symptom rar die Seichtheit und den Unernst, der bei nns in geistigen Tingen vorherrscht. Jeder Für macht sich semeKonzepnou deSJadentnms zurecht,noch bevor er das Alphabet hevräiick tön kann. Jede geistreich formulierte, Phrasenhaft anfgedonnerte. rhetorisch umputzte, modern ausftaffterre Predigt'über das Judentum wird gelesen, bewundert und oeglanbr. Wo aber ein wahrhaft Großer endlich einmal das Wort nimmt,'»» vom Jiwentum zu sprechen, bescheiden, sachlich, vornehm, im Bewußtsein

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