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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-08-05 · 114 (5.8.1921) · p. Seite 242

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
114 (5.8.1921)
Date
1921-08-05
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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gelauscht fcoben mtb mit Harem Empfinden gelauscht haben, dann haben Sie den Ton des Niedergangs dieses Zeitalters und den Ton des Aufkommens eines neuen Zeitalters vernommen. Das Ergebnis des neunzehnten Iahrunderts ist fragwürdig geworden, fragwürdig geworden nrch den Zusammensturz der ganzen Welt im Kriege. 3m Krieg ist nicht nur Europa zugrunde gegangen, sondern im Kriege haben Vernunft und Naturwissenschaft als beherrscheine Geistesmächte den Todesstoß erhalten. Kurz, das 19. Jahrhundert ist in feinen letzten Werten fragwürdig geworden, denn das menschliche, das sittliche Ergebnis des Bernunstzeitalters war der „Gebildete", der Mann der Bildung, der Akademiker, zu dem die Händler und Kaufleute emporblickten, und von dem die jungen Mädchen träumten, daß er sie einst heimführn möchte; der Mensch Westeuropas, der die Ehrfurcht verlernt hatte vor dem Volke, die Demut vor der unter ihm träumenden Masie, der sich für gebildet hielt, und doch nicht wußte, daß wahre Bildung nicht möglich ist als durch den Glauben, den letzten Glcmben an das Volt, an das Neservoir, aus dem er geflossen, an den Humus, dem die Blüte seiner Bildung entstammte. Solch eine Anschauung ist vielleicht nicht gefährlich für ein Volk, das auf eigenem Boden, auf eigener Scholle lebt, für ein Volt in der Zerstreuung aber, wie wir Juden, bedeutet diese „Bildung", dieses Emporblicken des Kaufmanns zum Akademiker, dieses Herabblicken auf das Volk — das ist für uns die ostjüdische Masie —, etwas ganz Verhängnisvolles; es bedeutet eben, daß der „Gebildete" sich nicht mehr als wurzelhaft verschlungen und verstrickt, gebunden und untrennbar gesesielt fühlt an die Gesamtheit, der er angehört. — Dazu kommt als zweites sittliches Ergebnis, das aus den Naturwisienschaften und der sich im rasenden Tempo entwickelnden Technik hervorgegangen ist, der Hochmut des Materialismus, das ist das verfluchte Ich, an das der Mensch des 19. Jahrhunderts geglaubt hat, das ist Nietzsches Uebermensch, das ist der Glaube, daß man mit seiner eigenen Seele alles kann, daß man selbst Uebermensch ist. Und das ist in Verbindung mit dem Bildungsdünkel der vollkommenste Hochmut, und an diesem Hochmut der Vernunft, der Naturwissenschaften und der aufs höchste gesteigerten Technik, daran ist die Welt im Kriege zugrunde geangen. Und heute ist alles fragwürdig geworden. Was wir an Zeitströmungen sehen: der Expressionismus in der Kunst, der Kommunismus in der Polest, der RÄaüvismus in der Wisienschaft, dies zusammengenommen ist nichts anderes als ein schlagender und uawLerleglicher Beweis, daß wir in einer Zeit der Fragwürdigkeiten, des Umsturzes der Werte, d. h. in einer KrPs leben. Wenn wir das aber erkennen und mit klaren Blicken erkennen, meine lieben Freunde, dann gibt es eben eine ganz besondere Einstellung in der Welt und Zeit, dann ist der Augenblick gekommen, wo man sich einmal sagen muß: Die kommen wir aus der Krisis heraus? Denn ein ewiges Verharren in Unruhe und Gärung, in leidenschaftlichbewegter Inbrunst, einmal emporjauchzend bis in den Hbwüel,' dann wieder hinabtauchend bis in die Hölle, ist unmötzüch. Wie kommen wir aus der Krisis heraus? Das ist die brennende Frage unserer Zeit. Emil Cohn. (Fortsetzung folgt.) Wochenschau Tatsachen und Ergebnisse o c oc o csoooo OAOA0AOA0A0A0A0A0A0A0İAO, c'oYoVo-o'o'oVoVo'o'o'oWoKo'oWo' c c c c o o o c Deutschland. * Hwiii. Die Repräsentanten-Bers^mmlung der jüdischen Gemeinde beschäftigte sich in ihrer letzten Sitzung eingeyend mir der Frage der Abvstmg der ltnsnulgetthren und der dadurch bedingten Neufestsetzung der Rabbinergehälter. Gegen die aus der Versammlung gegebene Anregung, tuest Frage m geheimer Sitzung zu behandeln, wurde von Professor Dr. Turk llib.) Einspruch erhoben. Die Beseitigung der Kafualgebühren stiche aus' dem Programm aller Parteien der Reprästntantenversammlung. Es sei eine ungeheure Ungerechtigkeit, daß ein Teil der Rabbiner durch die Kafualgebühren zum Wohlstand komme, während bei den anderen kein Ausgleich durch die Besoldung erfolgt. Tie überlasteten Rabbiner müssen von den Kasualien befreit und ihre Kräfte für wichtigere Aufgaben frei o^macht werden, für wirkliche Seelsorge, die nicht -lediglich in Trauungs- oder Bcerdigungsreden bestehe. Das Arbeitsfest> der Rabbiner sei das soziale Gebiet und der Religionsunterricht an höheren Schulen. Aus einer gemischten Kommission sei als Ergebnis langer Beratungen der VorWaa hervorgegangen, alle geldlichen Beziehungen ztvischen den Rabbinern und den. Geincindcgliedern fortsallen zu lassen; die Gemeindemitqlieder sollen für die Tätigkeit des Rabbiners einen bestimmten Betrag an die Gemeindekasse zahlen, von dem zwei Drittel dem Rabbiner, ein Drittel der Gemeinde zufallen. Für diejenigen Rabbiner, die wenig Kasucklgebühren haben, wird ein Garantiefonds gebildet. Tie Rabbiner haben zu der Neuregelung ihre Zustimmung gegeben. Es sei desbsalb zu hoffen, daß der ideale Zweck, die Rabbiner für höhere Aufgaben freizumachen, erreicht werden wird. Rechtsantvalt Stern ftib.j gibt, seiner Befriedigung über die Vorlage Ausdruck. Herr Kirstein vom Gemeindevorstand gibl der Hoffnung Ausdruck, daß die Vorlage in der Versammlung ebenso einstimmig angenommen wird, wie in der gemischten Kommission. Es bleibe nach der Neuregelung jedem Gemeindemitglied unbenommen, sich auch weiterhin an einen Rabbiner seines besonderen Vertrauens zu wenden. Schließlich wird die Vorlage einstimmig angenommen. Berlin. (I. E. B.) Tie Universität Gießen, als erste Universität Teutschlands, hat eine Fakullat für Mische Wisstnfchaßicn erhallen. Ter ehemalige Rabbiner Weinberg aus Pilwischok sGonv. Lomscha); der in den letzten Jahren in Deutschland seine Studien absolvierte, übernahm die Vorlesungen für das kommende Semester, in welchem über folgende Gegenstände gelesen werden wird: 1. Bibelrrilik, 2. Einführung in die Mischna, 3. Kommentar zum talmudischen Traktat Baha kama. Im Wintersemester wird auch über tlamudifche Logik im Vergleiche zur allgemeinen Logik gelesen werden. München. Der im Frühjahr gegründete „Verband israelitischer Gemeinden Bayerns" gewährt den Frauen sowohl das aktive wie das passive Wahlrecht. Bei den vorgenommenen Wahlen wurden fünf Frauen als Delegierte zur Tagung gewählt. Österreich. Wien. (I. C. B.) Der Klub der. jüdischen Mandatare in Wien hat an den Bundesminister des Innern eine Eingabe gerichtet, in der es u. a. heißt: „Die Gemeinde Eferding (Oberösterreich) hat beschlossen, die Aufenthaltsdauer in der Gemeinde Eferding für Nichtarcer auf 24 Stunden zu beschränken. Wir sind gezwungen, darauf aufmerksam zu machen, daß dieser Beschluß die Gesetze dieses Bundesstaates in ganz unerhörter Weise verhöhnt und daß dieser Beschluß überdies gegen dre Bestimmungen des Friedensvertrages von Saint Germain über den Schutz der Minderheiten verstößt. Mr erheben gegen diesen Beschluß namens der jüdischen Bevölkerung Wiens entschiendenst Protest und ersuchen Sie, sehr geehrter Herr Bundesminister, dafür Sorge tragen zu wollen, daß dieser Beschluß kassiert wird." Diese Eingabe, die von Landtagsabgeordneter Stricker und den Gemeinderäten Dr. Bruno'Poltak, Dr. Jakob Ehrlich-und Dr. Leopold Plaschkes unterfertigt ist, wird in Abschrift gleic^eitig der Kanzler des Bundeskanzlers Schober mitgeteilt. Polens Lemberg. (I. C. B.) Hier ist eine neue Gruppe-jädücher Pogromopfer aus der Ukraine eingetrosien. Bei einzelnen Kindern sind beide Arme abgehauen, wodurch die Scheichlichtziten der ukrainischen Pogromhelden alles Tagewestne übersteigen. Dessen ungeachtet haben die polnischen Grenzbeborden. Öfteali* iens mit dem Rücktransport der jümjft nach Ostgalizien angeommenen Flüchtlingskolonnen über die Grenze zurück^nach der Ukraine begonnen, was unter den unglücklichen, Heimlosem die größte Panik hervorrief.

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