Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 109 (1.7.1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Erschein, jede, Freitag. Lezngs d fll ffMVT «SK%ea»tctt:2.-StfftrMtMcr. rrl-3.-M.»o»atl. L« beziehe» KMI^In| Petttzette. Dir Sette »rch s»«tttche P,stt«ter ^oder ssfuft360Bettes. Pestsche«»Nl» d»rch kn V,te»verlat» Bo»» JÜdiSCllöS Volfeßblfttt 8«hrterii|8m,«hfc.74747. Heraurgegeben von Rabbin«"- vr. Kmil KoHn, Bonn. Lchriftleitung und Geschäftsstelle: Bonn, BrLdergaffe L2. Kmttmrr 109 Worrn, 1. Juki 1S21. — 25 Kiwcrn 6681 S Zichrg«-. OOOG0O0OO0OOOOOOOOO0OOOOGGGOGGGOOOGOGOOO 1 Genuß und Arbeit. | OCDOOGOOOOOOOOOOOCDOOOOOOOOOOOOOOOOO0OOOOÖ Eine der iragischsten Jroniecu unserer inoderneir au t>ci Vernunft und den 9laturlvissensck)afteu orientierten Zivilisation besteht darin, daß die im "Dienste dieser Zivilisation stehenden „Zkbeitsmenschen" ununterbrochen baiiiit beschäftigt sind, Genußwerte hervorzubringen, aber gerade durch ihre Arbeit die Fähigkeit des Genießens in sich verkümmern lasten; wohingegen die geringe Zahl der genußfähigen Menschen mit den „Arbeitsmenschen" gerade lvegeu ihres Genießens und der darauf verwandten Zeit nicht konkurrieren können, d. h. von den erzeugten Genußmitteln strn gehalten werden. „Wozu schließlich," fragt Mar Tcheler, dem wir diese Beobachtung verdanken, „die endlose Herstellung angenehmer Dinge, lvenn der Typus, der sich darin r»erzehren muß, sie herzustellen und der sie besitzt, derselbe ist, der sic von Hause aus nicht genießen kann; und der, der sie genießen könnte, sie nicht besitzt?" Wenn wir auf das wilde Treiben in den Großstädten blicken, die Fressereien in den Schlemmlokalen, das Raffinement und den Luxus irr Hotel und Kabaret, so erkennen wir mit Schlecken, wie hier „ein großer Aufwand schmählich vertan wird", nämlich ein Äustvand vielfältiger, ja, schier unerschöpflicher Genußmittel um der Erreichung tatsächlich minimalsten Genustes willen. Bezeichnend ist die Atolle der Nacht bei diesem Treiben. Das ist die wahre „Schinach des Jahrhunderts", daß der Arbeitsmensch nicht mehr den Tag zum Genüsse frei hat,' sondern der Nacht abzustehlen versucht, was der Tag ihm nicht mehr gibt. Wobei denn freilich der Genuß auch danach ausfällt und ausfallelt muß. Und der reichere, an Leben und Lebenswerten reichere Mensch nruß zusehen, wie eine Fülle von Genußmitteln verschleudert wird, deren tausendster Test, wenn er ihn hätte, ihm des Lebens Höhe und Vollendung bringen könnte. Aber er hat ihn nicht. _ Von diesem Gesichtspunkte aus gewinnt die Frage der Sabbachriuhe ihre eigene und tvachrlich tiefsinnige Bedeutung. Was^lvar das entscheideirde Argrrment zur Beseitrgung des Sabbaths in der vergangenen Generation? „Wir sind nicht mehr konkurrenzfähig, lvenn wir unsere Geschäfte schließen!" Heute, nachdem ein halbes Jahrhundert der Sabbmhennveihung vorüber ist, hören wir all die lieben, „in ihrem Beruf ausgehenden" Geschäftsleute jappen und stöhnen, daß sie „so gar rüchts von ihrem Leben haben". Freilich, so ist es: Früher hat der Jude sein Geschäft gehabt, heute hat das Geschäft den Juden, und er inuß sich „abzappellt" in seinem Geschäft, wie der Wurm, in den Klauen des Vmnpyrs zappelt. Früher gab es nach sechs Tagen der Arbeit einen Tag der Ruhe, d. h. des Genustes, des Sichwiederfindens und Sichselbstgehörens,. einen Tag, an dem er nach den Verstrickungen sorgenvoller Werktage die Souveränität des Lebens, lmedergewann, deren Maß allein an der Fähigkeit und Freuds, des Genustes erkennbar ist. Heute? — Schlechte Rechner, denen das Gefühl, Herr ihres Geschäftes zu sein und frei waltend entscheiden zu köimen. wann sie feiern wollen und wann nickt, nicht eilt Siebentel ihres Einkommens wert ist. Schlechte, schlechte Rechner! Daß der Franzose immer dem Ideale zustrebr, ein Remner zu w-erden, ein Häuschen zu haben und eines Feieralrcnds zu genießen, spricht nicht gegen den Volkstlmmher des Franzosen, wie die Narren hierzulande daherzureden pflegen, sondern für ihn; wie es — abgesehen voll unseren Zeirverhälnisten — gegen den deutschen Volkschmakter spräche, wenn sein Ideal allein der „Arbeirsmensch" wäre. Der'Lebensreichere ist nicht der. der mehr arbeitet, sondern der, der die reichere Genußfähigkeit aufzuiveisen hat und mit einem Minimum von Genußmirteln ein Maximum tatsächlichen Genustes zu erzielen vermag. Jn'einer elenden Zeit lebend, die. wie der Reichskanzler Wirth sagte, „dnrch Arbeit zur Freiheit" will, verhaftet in der Not eines gektrechleren Vaterlandes, das mm freilich arbeiten uNd arbeiten muß. wollen wir Juden den Geist unserer Väter Hochhalten, die nie wrgesten haben, daß alle Arbeit nur einen einzigen, letzten mrd heiligen Zweck hat: Die Ruhe desSabbarhsund Feiertags. Die Freiheit, zu der man nach dem Reichskanzlerworr dmch Arbeit kornmr, ist ein politisch Ding. d. h. ein Ding nicht iimner zrveiseltosen Wertes. Der Kanzler im Reiche unseres' Lebens, unsere Seele, kündet uns eine andere Freiheit, die einzige Freiheit unbedingten Wertes: Tie Freiheit des reichen, an der Gorresgabe sich innig freuenden, rn der Rrche sich ewig wiedenindendcn Lebens: Du sollst Dick freuen vor dem Ewigen, Deinem Gotte! E m i l Cohn. Wochenschau Tatsache« tsstft Ergebnisse ÄOAoAoXoIoWoIoIoWoWoVo O O O O C 040 00 ODOO C C Deutschland. Berlin. In einem Aufsehen erregenden Artikel im „Berliner Tageblatt" hat Kommerzienrat Siegmund Fraenkel-München unmittelbar vor der Ermordung des „ Abg. Garets auf die ungeheuren Gefahren der unter Duldung durch die Polizei betriebenen deutsch-völkischen Verhetzung in Müncken hingewiesen. Es heißt in dem Aufsatz u. a.: Teutschoölkische Ausschreitungen find zurzeit in Balhorn und insbesondere in München an per Tagesordnung. Der Geist des Unfriedens und der Uabidtytiafrit., der wie ein Fluch seit Jahren auf Deiuschkmds nmttpolrtischer Entwicklung lastet, feiert seit Monaten in der H«u-tstadt Bayern förmliche Orgien auf dem Gebiete wüstester konfessioneller Bochctzung. In den jüngsten Tagen paag- . ten an allen Straßenecken Münchens groste, mU dkm Hak»-