Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 107 (17.6.1921)
- Date
- 1921-06-17
- Page
- Seite 189 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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189 eimgung sollie stets lediglich der natürliche Ausfluß innigster, seelischer Gemeinschaft sein. Ein Verfall dieser Auffassung bat letder in n-eiresten Schichten Platz gegriffen. Diesen Krenen wird durch diese Aufführung die ganze Jämmerlichkeit des in ihrer Mine inehr und mehr einreißenden fuilid^n Tiefstandes nachdrücklichft vorgeführt. Es wird gezeigt, wie gedankenlos unb würdelos durch einen unedlen und unvollkoinmenen Genuß des Augenblicks zu Boden getreten wird, was der Menschheit das Heiligste sein sollte. Die Wirkung 'oll nach der erklärten Absicht der Direktion gipfeln in der Erziehung eines fiirlEkels vor dem Tiefstand der Haltung tveitefter Vevölkerungsfchichlen auf dem Gebiete des Geschlechtslebens. Auf diesen Erfolg ist jede Einzelhest berechnet. Dieser Erfolg wird bei jedem reiten, gebildeten Zuschauer auch erzielt. Vor allem beruht dieie Wirkung auf d-er ernsten Hingabe der Direktion an ihre Aufgabe und auf ihrer überlegenen .Kenntnis der Wir kung der szenischen Darstellung. Do bedeutet diese Aufführung eine sittliche Tal." Bedenkt man. welche maßlose antisemitische Heve sich an die Aufstihrung von Ddinitzlers „Reigen" insbesondere in Österreich knüpfte laber auch in Deutschland versuchen Rohlinge, die Aufführung planmäßig zu sprenget! und konnten hierin nur durch das energische Einschreiten der Berliner Polizei verhindert werden», so wird man die Oöiektivitär. d;e aus dem vorliegenden Urteil spricht, doppelt anerkennen müsien. ganz gleichgültig, wie inan sich zu der Aufrührung des ..Reigen" selbst stellt, Ich ivill dieses künstlerische Problem abstchilich nicht in den Bereich meiner Erörterungen ziehen. An dieser Diellc kemnn cs mir lediglich darauf an. daß die deutschen Ricbicr bemüht waren, eine künstlerische und nuliche Frage rein als Dache zu behandeln. ohne sich hierbei von nanonalistsicher Voreingenommenheit irgendwie beeinflussen zu lassen. — Auch im svamilienrechie. insbesondere iin Eherechte und bei der »Drage der Minderer Ziehung, baten die deutschen -^richte wiederholt 0>dcpcnhcii gehabt, zu jüdischen fragen Drellung zu nehmen. Auch hier haben sie nach meinen Erfahrungen und Kenntnisten durchaus den Willen gehabt, die besonderen religiösen Verhältnisse objektiv zu beurteilen. Ach werde einige bisher noch nicht hinreichend bekannte grundfaylicbe Entscheidungen der deutschen Gerichte bei Gelegenheit in einem späteren Artikel des näheren besprechen. Roch auf einen ^sstchtspunki inöchre ich an dieser Drelle binweiien.^ Es wäre stbr zu wünschen, daß sich auch un'ere jüdischen :L\iibürpcr. wenn sie vor Gericht stehen, stets der Veramworiuna bewußt tverden. lvelche sie nicht nur wir sich stlbir. sondern auch für ihre Geineiuschaft tragen. Aus diesem Grunde sollten sie alles vermeiden, was geeignet ist. diele Gemeinschaft vor dem Richter herabzufetzen. und ne sollten unier diesen Umständen eventuell auch einmal ein Opfer ihrer persönlichen Empfindlichkeit bringen. Do sollte man insbesondere, wofern nicht ein besonderes Bedürfnis gegeben ist. vermeiden, Klatsch und Zänkereien unter Bekenntnisgenossen im Wege der Privatklage auszutragen, und man sollte, soweit ein Weg zur gütlichen Einigung gegeben ist. diesen vorziehen. Auch bei Ehesachen sollte man alles vermeiden, ivas einem Streite eine unnötige gebästige Zuspitzung geben könnte. Ties sind allgemeine Grundsätze, von denen wir gerü anerkennen wollen, daß ne sich im großen ganzen schon fetzt eingebürgert haben, die man aber nie zu oft wiederholen kann. Oie Notentasche Lwerilauisch'jüdTscher Humor. Impressionistisch. Ein moderner Maler stellt sein Bild aus, das die Überschrift trägt: „Auszug der Kinder Israel aus Ägypten". Zwei Jungen stehen vor dem Fenster des Kunstladens und suck-en das Bild zu enträtseln: Mar: „Wo ist das Rote Meer? Ich sehe nur einen weißen-Strich." M c i c r: „Das Meer ist eben ausgetrocknet, damit die Kinder Israel trockenen Fußes hinüber können." M a r: „Ja, »uo sind denn aber die Kinder Israel?" M e i er: „Die sind schon hinüber." M a r: „Und wo sind die Ägypter?" M e i e r: „Die sind längst ertrunken . . ." Er hats leichter . . . E h a j i ni: „Wie geht es, Berl?" B e r l: ..Immerhin leichter als vor dem Pesiachfeste." li n j i m: „Das freut mich, hast wohl verdient". B eil: „Das gerade nicht. Aber zu Pcssach schleppte idi dir Bettdecke n ins Pfandlwus, jetzt, nachdem diese Hi'tl sind, nur noch die K i sie II. Das ist doch bedeutend leickner . . ." Ter „(Genosse". In Moskau sühn ein Händler zwei schöne Ochsen über die Diraße. Ein Jude kommt ihm in den Weg und fragt: „Wer ist der Herr dieser schönen Ochsen?" ..Herr?", schreit ihn der Händler an. „es gibt keine Herren mehr in Rußland." „Also, wer ist E i g e n t ü m e r dieser Ochsen?", fragte der Jude unbeirrt. „Es gibt auch keine Eigentütncr inehr," erregte sich der Ochsenführer noch mehr. „Also, frage ich", ließ der Jude nicht nach, „wer ist der G e n osse dieser Ochsen?" „Der bin i ch s e l b st," schrie der Händler im Eifer. Beim Doktor. Monolog von D ch o l e m A l e ch e m. Tcm Jüdisch-Deutschen nachgebildet von Damuel Meisels. Hören Die mir nur .zu, Herr Doktor, ich bitte Sie darum. Meine .zerriinele Gesundheit spricht aus mir. Aber davon später. Meine zerrüttete Gesundheit ist eben eine ganz besondere Dache, und ich werdeDie amllären, wie sie gekommen ist, wie sie entstanden ist, und worin sie besteht. Aber das ist nicht der Ziveck meines Redens: der Zweck meines Redens ist, daß Sie mir zuhören. — Nicht jeder Doktor will dem Kranken zuhören, nicht jeder läßt zu sich reden. Vorhanden.Doktoren, große Doktoren — ein reines Unglück! — die lassen gar nichb zu sich reden. Die verstehen nur den Puls zu fühlen, auf die Uhr zu sehen, ein Rezept zu verschreiben, und sich für die Visite bezahlen zu lassen. Nu, bezahlen, — meinetwegen, es verlangt doch keiner umsonst — aber nicht zu sich reden lassen, das ist schrecklich.... Von Ihnen, Herr Doktor, hörte ich sagen, Sie sind noch ein junger Doktor, und nicht wie die anderen Doktoren ... Ans einen Rübe! mehr oder weniger, sagt man, kommts Ihnen nicht an. wie den anderen Doktoren. Deswegen, sag ich, bin ich auch zu Ihnen gekommen, um mich mit Ihnen .'.u beraten wegen meines Magens. Ich bin, wie Sie mich sehen, ein Mensch mit einem Magen. An sich ist das noch nichts sonderbares. Nach der Weisheit der „Toktorei" hat ja jeder Mensch einen Magen. Nur ist es eine ganz andere Sache, wenn der Magen wirklich ein Magen ist; wenn aber der Magen gar kein Magen ist, wozu nützt das Leben? —- Werden Sie wahrscheinlich antworten mit dem bekannten Spruch unserer talmudischen Weisen: „Tu bist gezwungen, zu leben." Nu, diesen Spruch kenne ich auch ohne Sie, das brauchen Die mir nicht zu sagen. Was ich weiß, weiß ich eben.. Ich rede nur von dem, daß der Mensch, solange er lebt, nicht sterben will. Tie Wahrheit gesprochen: ich selbst fürchte mich nicht im geringsten vor dem Tod, denn erstens habe ich bereits die sechzig überschrilt-'n, und zweitens bin ich von Natur aus so ein Mensch, dem leben und sterben derselbe Iontew (Feiertag) ist, das heißt, leben ist selbswerständlich gescheiter als sterben ... Welcher Mensch will denn sterben? Ueberhaupt ein Iüd? Ueberhaupt ein Vater von-els Kindern, sollen gdmcksein, , und einer Frau dazu! Zwar die dritte Frau, aber doch eine „ Frau... Kurz, ich will Sie nicht lange aufhalten. Ich bin ein „ Kamenetzer, das heißt, ich stamme nicht aus Kameuetz selbst, .. \