Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 107 (17.6.1921)
- Date
- 1921-06-17
- Page
- Seite 186 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Tatsachen und Ergebnisse 0006000000000000000000000000000000000000 i Deutschland. Berlin. Wie von uns schon in der vorletzten Kummer milgeteilt, ist Dr. Walter Na che na u zum Wiederaufbauminister ernannt worden. Ter neue Minister für Wiederaufbau sreht im ’A. Lebensjahre. Er wurde als Lohn des Begründers der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft am 29. September 1667 in Berlin geboren und hat in Berlin und Srraßburg Phnük und Chemie, Mathematik und Philosophie swdierr, in München außerdem Maschinenbau. Nach Vollendung »einer Studien war er mehrere Jahre technischer Beamter einer Aluminiumgesellschaft in der Schweiz, von 1693 bis 1*^99 leitete er die elektrotechnischen Werke, für die er große Anlagen in Deutschland, in Rußland und in Frankreich baute. Später trat er in die A. E. G. ein, 1902 wurde er Mitglied der Direktion der Berliner Handelsgesellschaft. 1907 bis 1908 bereiste er mit Staatssekretär Ternburg die deutschen Kolonien und verfaßte die amtlichen Schlußberichte über das Ergebnis beider Reisen. Seit mehreren Jabren ist Dr. Rathenau Präsident des Perwallungsrares der A. E. G. Das sind die Stationen des äußeren Lebenslaufes eines Mannes, der zu den geistigsten des gegenwärtigen Teuftch- . land gehört. Sein 9luf als Organisator ist weit verbreite:: bekannt ist, daß er bei Kriegsaubruch als erster und einziger die Wichtigkeit der Rohstofffrage für Kriegführung und Volksversorgung erkannt und selbst die Srganiiancn der Versorgung und Verteilung in die Hand genommen da:. Literarisch ist Dr. Rathenau durch^einige vielbeachtete und vielgelesene Schriften — „Impressionen", „Reflerionen". „Zur Kritik der Zeit", „Zur Mechanik des Geistes" —^bervorgetreten. Spandau. Hier erscheint das „Spandauer Tageblatt", an desien Kopf gedruckt steht: ,.Ziemliches Srgan für or:spolizeiliche Verordnungen und Bekanntmachungen mir verbindlicher Kraft für das. Publikum und sämtliche Behörden." Dies Blatt bringt in seiner Nr. 116 einen Leitartikel .„Börsenschlachten und Heldenmut", der mit dem Satze schließt: „Wir fordern ein rücksichtsloses Judengesetz." Diese Forderung wird begründet mit allerlei Phantasien, wie siwirklich nur einem kranken antisemitischen Gehirn entspringen können. U. a. wird behauptet, der englische Minister Churchill habe bei Skagerrak „die Niederlage der deutschen Flotte durch geschickte Manöver vermeiden lassen", tveil er von Sir Ernest Cassel im Interesse von Börsenspekulationen bestochen gewesen sei! Ein Blatt, das so etwas schreibt, würde sicherlich selbst bei den Intasien von Dalldorf nur teiltveise auf Glauben stoßen. Aber der Spandauer Polizei erscheint es als Publikationsorgan passend. Hohenlimburg. Die jüdische Gemeinde har mir Rücksicht auf ihre behütenden Zuschüsse zu den Schullasten ihrer Privatschule den Antrag gestellt, die Stadt möge einen Zuschuß geben. Ter Antrag wurde abgelehnt, aber der jüdischen Gemeinde anheimgegeben, einen Antrag zu stellen, ihren Lehrer in den Schuldienst der Stadt übernehmen zu lassen und die Kinder in die allgemeinen Volksschulen einzugliedern. Kirchhain. Eine von jeher hier bestehende Ungerechtigkeit gegenüber den jüdischen Bürgern wird jetzt endlich le'eiligr nerden. Wie in zahlreichen Gemeinden Kurhessens lcssthr auch hier ein sog. Gemeindenutzen, aus welchem alljährlich GraÄose an einen Kreis von Interessenten verteilt werden. Die Teilnehmer werden auf ihren Antrag durch den Magistrat zugelassen, und zwar die eingeborenen Bürger ohne weiteres, die zügezogenen gegen ein geringes I Einkanfsgeld. ^difche Bürger wurden aber bisher, wenn ne sich meldeten, grundsätzlich abgekhnt. Die Stadtverwaltung wollte das Reckt zur Teilnahme den christlichen Einwohnern alKin gewahrt wissen. Alle Anträge und Beschwerden von jüdischer Seite in früherer Zeit waren fruchtlos. Im Jahre 1919 wiederholten mm fünf jüdische Büri ger ihre Anträge auf Zulassung zum Gemeindenutzen, und als diese wiederum 'abgelehnr wurden, ließen sie durch Rechtsanwalt Dl Welsbecker in Cassel den Beschluß des Magistrats mittels einer Klage im Verwaltungsstreirverfabren ansechren. Das Lberverwalnmgsgericht zu Berliu bar nunmehr als letzte Instanz entschieden, daß der bisheripe Ausschluß der Juden ungesetzlich sei. und daß diese ebenso zur Teilnahme zwzulasien seien, wie die christlichen Büraer. Pale». Warschau. Hauprmann Wagner, der Kommandant .-es Internierungslagers zu Strzalkow. wo im Jahre 1919 bunderre von unschuldig internierten Juden andauernd die 'chw-ersten nicht wiederzugebenden Mißhandlungen erlitten, »st wie all ieine Mitarbeiter und Henkershelfer vom Warschauer Gerichte freigesprocben worden. Wilna. In den letzten Wochen fanden ^rischen den Verlierern der progresiiven polnischen Parteien und der 'üdi'-ben Parteigruppen in Wilna Berständigungsverhandlwngen stan. bei denen insbesondere die Stellung der jüdi- 'ck>en Gemeinde und die Frage der Autonomie für die nationalen Minderheiten im Gebier von Wilna zur Diskusston standen. Nwnmehr haben jedoch die jüdischen Delegierten knapp vor dem Termin, der für die weiteren Bern langen festgesetzt war. die Meldung erbalren, daß „infolge einer unerwarteten Störung, deren Gründe außerhalb des Jnnendepariemems liegen", die anberaumte Konferenz auf eine noch zu bestimmende Zeit verschoben werden müsse. London Dem liiaurschen Preßbureau in London wird -elegrapbier:: Polnische Soldaten haben in Wilna den alten lüdi'chen Fricdbos. eines der wenvollsten Kukrurdenkinäler. geschändet und eine Anzabl von historischen Grabsteinen zerstör:. Sawjet-Rnstland. Berlin. Im letzten Monat haben neunzehn jüdische und bebräifcbe Schriftsteller, die über 50 Jahre alt find, von der Räreregierung die Erlaubnis erhalten, Rußland zu rerlanen und ibre Werke im Manuskript oder die Matrizen ihrer bereits gedruckten Werke mitzunehmen. Die Schriftsteller Bialik. Drujanow, Rawnitzky. Jerussalimsky und' andere fabren. iobaü) es möglich ist. nach Palästina. Aus Danzig kommt übrigens die Meldung, daß die rusiiscbe Regierung Bialik ersucht bar. in Rußland zu bleiben. Er ,'oll dorr Präsident der jüdischen literarischen Akademie werden. Danzig. Aus Minsk wird berichtet, daß die Sowiel» zum ersten Male wieder die Bildung einer jüdischen Gemeinde erlaubten. U»»rn. Wie». Der Vorsitzende des Vereins der „Erwachenden Ungarn". Szmrecjanyi, ba: nunmehr die Präsidenlensteüe im Verein medergelegr. Er war durch seinen radikalen Antisemitismus bekannt. Griechenland. Zürich SW .Hewish Times" in London kommen zahlreiche jüdische Familien aus Thrazien nach Konstanrinopel. um sich vor der von den Griechen betriebenen amiiemitiichen Hetze und ihren Drohungen zu flüchten. Genf. Ten internationalen Kongreß der Völkerbundliga haben in seinen Beratungen auch einige für das jüdische