Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 107 (17.6.1921)
- Date
- 1921-06-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Tisch,,»» jcka 9itt»i| veO»G» yctÜ 3.— M. nattL L» Sezietze» fSn| ittna^C pfpUutt MtT v»rch ki Bkwtrtoi ia 8m. VOM RHEIN Jüdisches Volksblatt >»t«Gr»p,erO: 2.— 8R.fftrlic»iet' sestz. Petitzelle. Die ,»»ze Seite »»sicht 36V Zeile». P^ische«»»tv^eaaeri», »s«, «U»Nr. 74747. Jjnamsqtiztbt* von Rabbiner Dr. gmtf Kohn, Bonn. Schriftleitnng nnd Geschäftsstelle: Bonn, Brüdergasse 52. P»»rr 107 ZLonn, 17. Juni 1921. — 11 Kirvan 5681 3. |«kam* aeeoeooooeoooooooooooooooooooooooooooGoo I Lugend und Atter ß &X>OOQOOOOOOO&X^ OOOOOOOOOOOOOOOQ fvicmals ist der Groll des Alters gegen die Tugend und der Tugend gegen das Alter stärker als in Zeiten des Niedergangs, wie wir sie heute erleben. Die auflösenden Tendenzen solcher Zeit spiegeln sich in heftigen Krisen wieder, durch die alle Autorität erschüttert und auf allen Gebieten der geistigen Lebens die Herrschaft des Gefühles proklamiert wird. Wenn wir heute an einem Buchladen Vorbeigehen und die Titel der Bücher und Zeitschriften prüfen, die dort ausliegen, so beweist uns nichts sicherer den Niedergang des Zeitalters, als die Nolle, die die Worte „Fugend", „Feuer", „Flamme", „Fackel" ufw. dabei spielen. Nicht daß dies etwas gegen die Jugend bewiese, aber „der jüngste Tag", das „junge Deutschland" oder das „junge Rheinland" sind Beweis vom Groll der Lebensalter gegeneinander, der immer der Sterbesang eines Zeitalters ist. Soziale Dinge spielen hinein. Die Spätehe der letzten Generation dringt es mit sich, daß der sechzigjährige Vater dem zwanzigjährigen Sohn gegenüberstehk, und ist — wie gerade bei uns Juden so oft — noch dazu der Vater Kaustmmnu und der Sohn Student, so erreicht der Groll des Alten gegen den „grünen Jungen", die bewegliche Klage iLer „bic heutige Jugend" ihren Höhepunkt und selbstverständlich auch die scharfe und noch schärfere Ablehnung des Alters durch die Fugend. Die Gegensätze sind dckbei umso schroffer, je schneller das Tempo der Air ist, und es bedarf kaum der Betonung, daß die Fahrt bergab sausender gebt als beim schweren Bergauf. Wir fahren beute bergab. Die Fugend kämpst mit äußerster Kraft und hemmungslos gegen das Alter, und je schwerer ihr der Kampf gemacht wrrd. umso früher fängt in ihren Augen das Alter an. Es gchr beute in allen Lagern, auch bei uns, eine ganz bestimmte Fugend, bei der schon der Dreißiger ja, der Fünfundzwanzigjährige bereits als ein Mensch fortgeschrittenster Arterienverkalkung gilt. Das nimmt nicht Wunder in einer Zeit, wo die überschwänglichen Ergüße der Vierzehn- bis Sechzehnjährigen die Iugendzeiffchristen füllen und mancher noch nicht volljährige Dichter schon weiß, was Ruhm ist. Darüber zu jammern oder ironische Betrachtungen anzustellen, ist ebenso müßig wie falsch. Die Dinge liegen einmal so. Es ist gar kein Zweifel, daß das Bewußtsein des absteigenden Lebens dem Menschen leicht zur Qual wird, in der er sich selbst verzehrt. Das fft eine Art negativen, rückläufigen Gärungsprozeßes, der der positiven Gäkung des zur Mannbarkeit erwachenden Jünglings genau entspricht, der seiner Kräfte sich bewußt wird, aber noch nicht träfe» wie er sie gebrauchen soll. Hier wie dort ein „gefährliches Wer", eine Krise, nur daß objektiv das ansteigende Leben wertvoller als das absteigende ist. Das wirre Stammeln und Gefühlsbrausen der Jugend mag erschrekkend wirken, häßlich wie die zerknitterte Berbisienheit des Nch verzehrenden Alters wirkt es nie. Darum muß ein Wort über Fugend und Alter immer erst eine Mahnung* ans Älter sein, und erst in zweiter Linie — doch nicht minder ernst — an die Fugend. Es gibt ältere und alte Leute, die rühmen sich: „Wir gehen immer mit der Fugend!" und glauben sich auf diese Weise „jung erhalten zu können", wie sie sagen. Sie glauben, das Problem chres Alterns restlos. gelöst zu baden, indem sie sich unter die Jugend mischen, und nicht nur ihre Arbeit wn, sondern auch ihre Gedanken denken, ja, sogar mit ihrer Sprache reden. Es ist möglich, daß sie auf diese Weise über chr Altern hinwegkommen, gelöst ist die Frage des Gegensatzes zwischen den beiden Alterspbasen aber darum keineswegs. Sie helfen sich selbst, ohne der Jugend zu helfen. Fa, sie treiben dadurch, daß sie als Erfahrene hinter der Fugend herlausen, statt.sie. zu führen, die Fugend noch tt'efer in die Ablehnung und den Kampf binein. Nur eine Lösung gibt es: Fedes Alter muß seine eigene Phase bestätigen, und in dieser gerade erreichten Phase Ziel und Höhe zu sehen. Solche Selbstbestätigung ist aber nur dort möglich, wo wahre Lebensanschauung vorhanden und frühzeiffg gepflegt worden ist. Wer seine fünfzig Fahre als das Ergebnis seines Lebens wertet, wird schwerlich dazu kommen, auf seine zwanzig mit Neid und Qual zurückzublicken. Ob man zwanzig oder sechzig ist, gitt gleich) man muß nur immer wißen und glauben, daß man „auf der Höhe" ist, dann wird man froh der Fugend „gönnen", was der Jugend gehört, weil man eben noch mit seinen Sechzig ein eigener Kerl ist und in der Fülle seines Lebens lebt. Aber auf die Lebensanschauung kommt es freüich an. Das Fudentum, das stets aus überströmender Lebens¬ und Liedesflille diese schöne Welt bejahte, hat nie in der Herdasche vergangener Tage herumgestochert, um den Lebensfunken zu finden, und der Jude gibt noch heute „fürs Gewesene nichts". Fuuyer hing sein Blick an den kommenden Tagen. Eo wird er^wenn er sein Fudenstyn recht versteht, in jedem Lebensalter nur die Brücke sehen zum kommenden und das ganze Leben als Steigerung und Au^tieg seiner suchenden Seele empfinden. Er wird, wenn er jung ist, seine Fugend lieben und doch das Atter ehren, und ist er att, so wird seine beste Weisheit sein, aus der Fülle des i n i h m Gewordene« die Fülle des Werdenden a u ß e r. ihm anzuerkennen, und aus des Lebens Klärung, die er selbst erwarb, des Lebens Gärung zu lieben, die nun einmal der Jugend Teil. So schwindet der Groll, und nichts bleibt als die Liebe von Alter zu Alter und von Geschlecht zu ^Geschlecht. Emil Cohn.