Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 106 (10.6.1921)
- Date
- 1921-06-10
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Iirde» tüif, foofeern sie omt quäle und verstümmele. Freilich erreichte er selten sei» Ziel, denn sie starben schon vor der Zeif. Tie'es verdenwne I»de»pack..! Ganz verwirrt mochten mich rüese Bericht!, mein Her; krampne nch rwaounen ws, unter einer glühenden Eiscnzange und ich tvurde von einem Veinkromps befallen, den ich mit aller Mühe nicht znrückhalten konnte. Im Vagen entstand eine Crreanng. Biele Mäner und Frauen umrinmen mich mitleidsvoll und ein Kwake reichte mir iogar ein Glas Vaster mit einem Stückchen Zucker, Keiner hielt mich für einen Juden. Frauen gaben der Meinung Ausdruck, daß ich wahrscheinlich einer rer den Bielen i«, die von den jüdischen 8onwrunisten mißhandelt wurden. Ich verhüllte das Gesicht und betete in meinem Innern, wenigstens unveriehri nach Charkow yi gelangen. Meine Angst und Erregung sollte aber noch manche Steigerung erfahren. Ter Zug hielt ciwa sechs Stationen vonKrcmrntich-ug entfernt in Koweifak. d-a wurde ich von einem er- ^ÄinerndLN Sckwei aufge^chrrck:. Am Perron 'tank eine d:iche Frau rn mittleren Jahre.-, mir zerichundenem Gcüch: und blutenden Händen. Ihre Hitte'chreie in ollen in der Ukranw üblichen Sproßen durchschnitten die Lw:. Soiafcn harren sie mir ibrcn beiden Töchtern ans dem Zuge gezerrt. m:ßhandct. und dre beiden Mädchen forigeichleppl. Ein großer Mcn'ch?:. :wlaip entstand um die unglückliche Frau. Aber de dauern und To'.ta'.en beantworteten die Hilstru'c mrr Spo:: und dc- ''chi nrpw.it a. Ter Zug stchr ab urrd rch konnte das westere Scbck. stl tez ^ran n-ckn abwarien. Arck; er'chütre^uder war der Anblick, der sich mir rn Pol- 'nwa b<?.. An der langen Mauer vor d-em Varrestral stand eine Re-.be jü-di''chct Soldaten. Gestn.gcne aus dem ttaaer der P-lickewisten. darun.tcr drei Juden in Ka'.a,-. und Pejos und drei Frauen, d'.e eine mit einem Ktwd am dem Arm. Ter dahrckommandant befahl. den Zua kalten und alle Reuender, aussteigen n la'ien. damit sic ..mi: eigenen Augen stden. wie :n der Ukrarne jüdische Kommunisten best rast roerden". d.acb. wenigen Minuten tra: eine Compagnie mir drei Mmchnenge- 7 - TZ ** ♦ — - a».. <r.r. kurzes Kommando und die jüdischen n7"er stelen eines nach dem andern wie die rcistn Acdrcn unter Sen.e. Ter „Schma Isroel-Rwi" stieg;irm Himmel hinau' und grub sich in. unsre Seele st ein. daß wir ibn nie im Leben niebr reraenen. werden. Gegen abend kamen wir endlich in Charkow an. Ich rvar n.ückn.ch wieder Juden, zu sehen, die öffentlich d:e Sn.aßr pausieren dutnten. Ich getraute mich jedoch nicht, nachts :n die S'.ad: u gehen und .zog es vor. im Bahnhof bei einem Gegangenen, ransprrt u überreichtcn. Mit 17 Chaluzim. verlieb ich d.'un. .'ur Morren. Charkow, um meinen Weg nach Teodoßja strtrustrLN. In unserer Gruppe befanden sich Männer im Alter ran 15 b s 47 Jahren, zum größten Teil Pa lästr na- R ei 'er r e. d:e sich den Ackerbau in iwe: Heima: t^rbereitc: Haien. Cs bestnd sich darunter auch ein Kaufmann höbe re n. Alr.rs. namens Tchueiersobn. der ensti'chcr Staa.sangehörigcr war nnd eine nambaste Geldsumme mst sich führte. Absichtlich ix:- :ei!:en wer uns in verschiedene Vagen. Aber cs näv:c nichts. Auf der Station Tinlanikow hielt der Zug und sofort standen .er den Vagen kubanische Kosaken unter der Führung eines jungen T-ttzirrs. die schrien: .»craus mn den Juden aus allen Vagen"! Es ertönten Schüsse und einer von uns fiel ,'ostrt blutüberströmt zu Boden. Auch an den alten Schwicriobn iraen sie heran und strdeitcn ihn am, aus dem Vagen zu steigen. Es nützte ihm richcs. daß er sich als englischer Untertan Ic-qiiimierte. Schweiewobn. ein Mann von eminenter 8rast, icpic sich :ur Vebr wnd stieß zwei Kola'en hinnn-cr. obwohl er in der Haud nichts anderes haue, als ein Geberbuch, Nun hieß es. die Juden würden die Kosaken angrcistn. Es kamen n.nc Korakcu v'cd nach »tentgen Minmen lag Tchneiersohn buchstäblich rn Ziüdt ^rriffcn aus dem Perron. Vic wir hörttn, entging abcr der christliche Mirrciseabe, der Tchneiersobn in die Hände der Kosake» avÄgeliesen hotte, seiner Ttrast n:chr. Er wurde, als er nachts aus die Plainorru trat, von einem der Cbaluzim bei voller Fahrt hinuuiergeschleudert. Eine kurze Strecke vor der Station Aleraudrowsk sollte nch auch das Schicksal a» mir voll st recken. Zusaunuen mit fünf Kollegen nrfef ich vorn Vage» gestoßen. Vir konnten nick»; e »»al «ser Gepäck «it hinunter nehmen. Außer den spärlichen Barchasten besaßen »oir nichts. Nachdem wir uns ein wenig erhalt hatte», träte» wir de» Veg, etwa 80 Kilometer, bis Äleraudrvwsf £» F»ß cur. Wie erschüttert waren wir aber, als **r~vor de» Vorlesaal in Aexaudrowsk am drei verstüor- »eVe Leiche» füeße», r» demMWk utjinr Framde ntanri«. n$«iit cd deimihe nicht itfftr «taip^ak E»ir ' den Zua besteigen wollten, stürzten sich Kosaken mit ihre» Lanzen aus uns. Zwei Meiner Freunde gerieten unter die Rüder. Ich wurde dadurch gerettet, daß im letzten Moylenre, da sich die Mörder an mich heramnochen wollten, der Zug absuhr. So kam ich allein, verwundet an Leib und Seele, nach einer wahren .Höllensthri endlich in Teodoßsa an. Die Boientasihe Die große und die kleine Menschenliebe. Cs war einmal ein weiser Mann, der hatte drei Tchülcr, nnd mehr wollte er nicht haben. Aber auch nicht weniger. Tenn er pslegte zu sagen: „Ei»-Schüler — kein Schüler, zwei Schüler — halbe Schüler, drei Schüler — ganze Segler, vier Schüler — fein Lehrer." Tiese drei Schüler nun liebte er von ganzem Herzen und ganzer Seele und widmete ihnen nicht nur stine Lehre, sondern sein volles Leben. Cr batte sie schon als .st naben zu sich genommen, lebte mir ihnen in seinem a-sten i)ohcn Haust und verbrachte in der edelsten und liebevollsten Gemein- 'ckxiti mit ihnen seine Tage. Tie Schüler dieses weisen Mannes aber waren ihrer Natur nnd Artnach ganz verschieden. Gabriel, der älteste, war ein stnriger Jüngling, der leicht mi: den Händen nach den Sternen griff. Ter zweite, Uriel, ein versonnener und suchender Mensch, in sich geehrt, aber freiiia? auch nie fertig mit sich stlbst. Bon Ranael. dein dritten, aber konnte man nicht rech: 'agen, was er eigentlich war. Teurlich war nur. daß er im Teufen und Lernen nicht Schritt hielt mit den andern beiden und wtmals, wenn Meister und Schüler sich in den erhabensten .Legionen des Lebens und der Lehre bewegten, wie ans einer anderen Dell in diese Erhabenheiten, herüberznstarrcn schien. Vas nichts daran hinderte. d<isi der Meister ihn mit gleicher Liebe umsing, wie die andern beiden und nm umso größerer Geduld.' Tenn sein. Herz rvar gut, sein Auge klar und ''ein Leib non woh-Igc'älligcw. und geradem Vuchse. So vergingen die Jahre. Ta kam ein Krieg ins Land, der mehrere Jahre währte und die halbe Veil erschütterte. Mißwachs schm Hunger, Huygcr schm Seuche, svdaß, was nicht vom Schwerte siel, durch den Hunger und allerlei Kr-an.'heircn hinacrani wurde. Bei all dem Jammer aber war das Schlinmrste, daß das ganze Leben im Lande wie aus den Angeln geristcn schien. Alles Glück und alle Freudigkeit war von den Lernen gewichen, an jedem Herde saß das Leid und würzke die schnrale stosi mir Biiterfeit, über dem Leide aber hob sich der Haß mit seinen drei Trabanten Selbstsucht, Vi'cher und Gewalt und M'mipcic breit und frech das Feld mi: lcv.tcm Vvrte. In dieser großen No: berief eines Morgens früh der Meister feine drei Jünger um sich unk sprach zu ihnen vor der Tür ''eines Hauses wie folgt: „Ver von euch, meine -Söhne, versteht iiod) die Velt? Ich verstehe sie n'chl mehr. Varum lassen sich die Leute? Var um sind sie io dumm, sich zu Hagen, da sie pch koch ebenso gut liebert fönnien. Warum so töricht, zu wuchern, zu stehlen und zu rauben, da sie doch alle bekennen, daß sic dabei unglücklich sind? Wenn sic nicht so gut sind, um gut zu sein, warum sind sic nicht io f Ina, es zu sein, wir um nicht so schlau? W-abrhastig. ich vcrsrel;e die Welt lticht mehr. Aber ein? vcr st ehe tch nun: d^iß der tveise König Salomo recht hatte, lvenn er meinte, cs gäbe eine Zeit zum Reden, u>id es gäbe eine Zeit "am Schrveigen. Heute, meine Söl;ne. ist die Zeit zum Reden aefonrmeu. So viele Jahre leben wir nun zusammen, einträchtig lernend und lehrend, und selbst der Krieg hat der liebevollen Stille unseres Lebens nichts anhabcn können. Ich war eurr Meister, ihr meine Schüler. Tie Zeit ist gekommen, da ihr versuchen solltet, stlbcr Meister zu sein. Tenn seht, die Wei: braucht Führer, um sich zurückzutindcn zu sich selbst. Ferne stl cs von mir, euch :vic der Kuckuck seine Jungen as dem Neste zu werfen, ohne vorher mit euch einen Fkng über die Zweige versucht zu haben. So zieht denn heute einmal aus und predigt den Leuten nnd besiert sie, lvenn ihr könnt. Serd liebevoll zu ihnen, denn nichts als die Liebe fehlt der Welt. Sehl, dort steigt l^rrlich und groß die Sonne über den Wald. Wemi sie sinkt, erwarte ich euch. Vielleicht, daß wir mit der sinkenden Sonne die Welt besser verstehen als jetzt. Vielleicht nur wenig, aber wenig ist viel in einer Zeit, meine Sühne, wo viel so wenig ist. Lebt wohl!" Mit diösen Worten segnete und entließ der weise Mam: seine Schüler, die nun sehen möchten, was mir des Meisters Worten cm.zufangen war. ttzne Weile standen sse nrxh da und blickten halb verwundert über die plötzliche Anrede, die sie soehe» errghren. halb glücklich über Le» lebendig e»vs,»tde»en