Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 106 (10.6.1921)
- Date
- 1921-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint jede» Freitag. Bezugspreis 3.— M. monatl. Zu beziehe« durch sämtliche Postämter oder durch de» Boteuverlag iu Bouu. JÜdiSCheS Volkflblatt VOM RHEIN >»zeige»tzrei»: L.- M.sLr die vergesst. PeNtzeUe. Die gouze Seite umfaßt 360 ZeL'e». PostscheiNout- Voteuverlag Vs»», EäluNr. 74747. ^erausgegeben von Rabbiner Or. Krnit Kohn. Bonn. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Bonn, Brüdergaffe 52. Kummer 106 Monn, —WM— 10. Juni 1921. — 4 Siwcrn 6681 3. Jahrgang. | Gchowuaus 566*1 I Offenbarung Daß die Offenbarung am Sinai für den Juden und feine Jahrtausende ein Tag der Entscheidung war, das weiß man und dementsprechend feiert man den Tag mit groben Worten und — wir hoffen es — mit ebenso großen Empfindungen. Man atmet sehr tief, wenn man das Wort Offenbarung in den Mund nimmt. Und trotzdem wagt man sich an das erhabene Wesen dieses Wortes nicht recht heran. Wie am Sinai steht noch heute „das ganze Volk von ferne". Und doch ist in Tagen wie diesen unser Fest nicht recht gefeiert, wenn man sich nur dem ungeheuren Mysterium des bebenden Sinai hingibt. Vielmehr gilt es heute, Offenbarung als eine sehr gewisse und sehr lebendige Sache zu erfassen. Sie ist so lebendig, daß man sie fast eine Zeitsache nennen mag. Man mutz es heute, wo ein Jahrhundert, grausig zerschossen, im Verenden ist, wißen, daß Offenbarung für uns Dämmerungsmenschen der Zeit wieder einmal einen neuen Weg bedeutet, hinter den Sinn des Lebens und der Dinge zu kommen. Hundert Jahre lang hat man'die Vernunft als die göttlichste aller Gottesgaben gepriesen, nicht nur den einzigen Erkenntnisweg neben der Erfahrung in ihr gesehen, sondern auch alle geistigen und sittlichen Werte der Despotie der menschlichen Vernunft unterworfen. Wenn unsere Rabbiner und Lehrer im verflossenen Zeitalter mit Stolz verkündeten, daß unser Judentum die „vernünftigste aller Religionen", eine Religion „ohne Dogma" sei, so mochte.das so lange hingehen, als man unter „vernünftig" ungefähr dasselbe wie „menschlich und einfach" verstand. In dem Augenblicke aber, wo die Vernunft zu dem Tyrannen wurde, der die Seelen mit Zirkel und Lineal mathematisch und kritisch bearbeitete, begann oer Niedergang unserer Religion wie aller anderen Religionen auch. Was die barocke Gartenkunst des vernünftelnden Zeitalters uns an gradlinig geschnittenen Bosketts und Buchsbaumkugeln eines öden, seelenarmen mosaischen Konfzssionalismus beschert hat, ist so geschaffen, daß man Gott nur bitten kann, uns vor allen Üebeln und besonders vor diesem weiterhin zu bewahren. Man muß die ganze Verelendung der Zeit, die Aushöhlung der sittlichen Begriffe, die Verflachung der Lebensi anschauung erfahren haben, um endlich wenigstens zu ahnen, daß' es noch ganz andere Wege der Erkenntnis gibt als Vernunft und Erfahrung. Das da sind nachrechenbare Wege. Die unnachrechenbaern führen tiefer hinüb und weiter hinaus. So lange es nur darum geht, die Erscheinungen des Lebens Und der Welt festzustellen, kommt, man mit der Vernunft schon eine Strecke. Sobald es sich aber umdenSinndesLebens und das, was hinter den Dingen liegt, handelt, sind die Gewaltanstrengungen der Vernunft nichts anderem zu vergleichen als den Dichtübungen eines erbärmlichen Dilettanten: ungebildet, eingebildet und darum lächerlich. Wir sehen heute diesen Hexensabbat!) übergeschnappter Vernünftler im Lager der Spiriüsten, Theosophen und Anthroposophen, deren rattonalisttscher Größenwahn meint, man könne durch die Vernunft das Jenseits packen. Nein, nur durch Offenbarung im Großen und im Kleinen kommt man hinter die Dinge. Es gibt, jawohl, es gibt ein seelisches Organ, das weder Wille, noch Vernunft, noch Erkenntnis, noch bloßes Fühlen ist, sondern die rätselhafte Verwobenheit all dieser Dinge im Labyrinthe der Brust, ein Organ, das wir den religiösen Sinn nennen und das, wenn es erwacht, mit tiefer und unmittelbarer Klarheit die Dinge und das Leben erkennen kann, wie es eigentlich ist. Fragt die Künstler, die Schöpfer, die großen Männer des Geistes und laßt euch erzählen von den Rätselbahnen iyres Schaffens, den scheinbar wirren Umwegen ihrer gärenden und reifenden Kräfte, und vor allem von der ungeheuren tragischen Vergesienheit, die sie nach der Vollendung ihrer Werke befällt, und ihr werdet erkennen, daß das Größte und Letzte auf Erden nicht aus Vernunft, sondern aus Offenbarung stammt. Das muß der Jude wißen, wenn er durch den Torbogen seines Offenbarungsfestes tritt uqd heute, au der Grenze zweier Zeitalter stehend, nicht recht weiß, wie er es eigentlich feiern soll. Er feiere es als die Totenfeier einer — ich muß es mit triumphierender Absicht sagen — verreckenden Zeit, und als die Lebensfeier eines aufkommenden Tages neuen Denkens, Schauens und Werkens. Neue Köpfe beginnen auf neue Weise neue Dinge zu denken. Der Riese des vernünftelnden, materialistischen und eigennützigen Jahrhunderts ist „am Verzappeln", wie man sagte. Gebt dem Tode, was längst dem Tode gehört, und grüßt das heilige, göttliche, ewige Leben! Emil Cohn. » Wochenschau Tatsachen und Ergebnisse [0 o oVo 0 o oVo o o o o o oVoVo o o o o o o o o o o o o o o o'o o O 0 O roioroToIoToIoIoIoIoToToIoToToToToToToToToToroToToToToroToToroToToroToToToIo.o v Deutschland. Berlin. Das Arbeiterfürsorgeamt dev jüdischen Organisationen Deutschlands teilt uns folgendes mit: Wie bekannt, existiert feit ungefähr einem Vierteljahre ein Internierungslager für sogenannte „lästige Ausländer" in Stargard. Wahrend in der ersten Zeit haupssachkch Ausländer dort interniert wurden, die juh irgendwelcher krimineller Vergehen schuldig gemacht hatten, stad jn ketz-