Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 99 (22.4.1921)
- Date
- 1921-04-22
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
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126 sondern auck» icbon im Talmud ziemlich put Bescheid wußte. 6s war kurz vor dem Pestachseste. Mein Sinnen und Trachten galr -cm berannahenden schönen Feste und stanz besonders den wonnerollen, von unbeschreiblicher Freudigkcir und Eiliger E.babcnbeit getragenen Sederabendcn. Wer einen solchen Seder in einem frommen, nach alter Sitte und Art lebenden Elternbaus in 'einer Kindheit nütcrlebt. weiß, wie umntslöschlich er nch illin einpiägt. Wie ein heiliger Zauber aus fernem Mäicbenlande lebt er noch in des Mannes Seele auch in iväieren Fahren und selbst andersartigen Lebensverhält nisten immer fort. Tie nahenden Sedeiabende füllten mein Innenleben ganz au-. Jeder derselben barg in sich einen stillen, geheimnisvollen Wunsch, den ich lief in meinem Kerzen trug, toi meinen Ellern mirzu teilen i?n mich sedoch schämte. Es n?ar dies nichts geringeres als das verlangen. Eliahu hansbi mir eigenen Augen zu feden. Ick» wußte es genau, daß Eliabu während des Seders. ''ob.,!d man die Tür vor . Schfoch cbamoscbo" meii öffnet, in iedes indische Haus kommr. von dem für ibn bereiisiebenden Becher uinti nild, nachdem er die Anwesenden aewone:. das Haus unedel vor- Laßt. Schon in früberen Fahren baue uh alle n-.öalichen Anstalten getroffen. C5fiafiu zu 'eben. Am Tage vor dem Sederabende Ixmc ick — nach aller Tradition. — mich schla-?cr gelegt, dornit ich am Abend wäbrend des ganzeil Seders wach bleiben und Eliahu kommen sehen könne. Am Seder darre ich ani dem „Heneberr" 'u Füßen meines Vaters, der lü: gegenüber. Platz genonln'en. unn ja Eliahu bei feinem irinrietfii beobachten zu können, meine schon halbschläfrigen Augen im geeigneten Momcnre scharf nach der n>eit geöffneten Türe gerichtet, aber geloben habe ich ihn dennoch nicht. Lobt glaubte ich. curas wie einen Schatten vorbeihuschen gesehen zu haben, sa ick meinte ,'ogar bemerkt .zu haben, daß der Spiegel des Deines im Eliabu-Becher. der bis an den Rand acnrll: war. nch ein wenig gewirkt hätte, ein untrügliches Zeichen, daß Eliabu von demselben genippt. Allein inein sehnsüchtiger Dunich ging nicht in Erfüllung, ich konnte mir nicht sagen, daß ich Eliahu geschaut. Mein Barer »agte mir. daß nur dem vor Gott Würdigeil Eliahu! lichrbar sei. alle anderen 'eben ihn nicht, obioohl er in ihre? Nabe erscheint. Ich n«bm mir vor, gut und fromm und rdorabeflissen zu sein, darnir ich im nächsten Jahre wert sei, Eliahu zu sehen. Nun kam der denkwürdige Seder, von dem ich hier erzählen null. jj Es war erwa zwei Tage vor dem Pessachfeste, als mein Großvater bei uns erschien und verlangte, ich solle bei ihm den ersten Sederabend zubringen. Mein Großvater war nicht nur durch feine außerordentliche Frömmigkeit, sondern auch durch »eine tiefgründige ralmudische Gelehrsamkeit und bedeutendes Dissen auf dem Gebiete der Kabbalah weit und breit verehrt. Tie Eltern schlugen dem Großväternatürlich die Bitte nicht ab. Mir jedoch erschien diese Ein-' ladimg nicht sehr verlockend. Ich mochte den schönen, frohen/, von süßen Gelängen getragenen und von größerer Familien^rhl gefeierten Seder im elterlichen Hause gegen den vielleicht uninteressanten bei 8en Großeltern, bei dem nur Großvater und Großmutter teilnehmen, nicht gerne einreuschen. Ich schwieg. Tem scharfen Auge meines Großvaters aber schienen die Beweggründe meines Schweigens nicht entgangen zu sein. Nun lvarf er mir ein Lockmittel hin, daß unfehlbar fangen mußte. „Wenn du zu nnr zum Seder kommst", rief er mir zu. „sollst du etwas sehen, was du gewiß bis heute nicht gesehen hast: Eliahu ha-nahi." Mein stiller Widerstand war gebrochen. Ich lvar gefangen. „Ist es dein Ernst?" fragte ich den Großvater mit weit aufgeriffenen Augen. „Ww ich gesagt", antwortete er, ,4mm du zu mir zum Seder kommst, sollst du Eliahu schar." „Gut, ich komme", gab ich freudig zur Antwort. Ei» Fingerzeig Gottes, ich solle Eliahu sehen, schien dieses Evä^is für mich zu sei». Unter höherer Eingebung schien »ei» Großvater für diesen Sederabend nach mir verlangt jt halbe» Mit Ungeduld erwartete ich schon den großen, verheißungsvollen Moment. Am Abend konnte ich kein Äuge schließen. Daß ich Eliahu sehen N>erde, unterlag für-mich feinem Zloeisel. Eine Soige jedoch ließ mir keine Ruhe: Denn Eliahu mich unrd „verhören" wollen? Werde ich ihm in Ruhe Rede stehen können und nicht, was Gott ver- Iiüiou möge, befangen durch Aufregung, ohne richtig zu antworten, unwürdig und unwissend vor ihm erscheinen? Mit solch quälenden Gedanken wälzte ich mich den ganzen Abend auf meinem Lager unb schlief erst bei Tagesanbruch ein. Kaum war ich eingeschlafen, als mich schon der Vater weckte, rasch aufzustehen, zu beten, tun noch rechtzeitig das letzte „Chumez"-Mahl e nzunehmen, da bald alles „Gesäuerte" aus dein Hause weggeschafft werden müsse. Nachdem ich nun nmh rasch erhoben, gebetet, in Eile das Frühstück eingenommen, half ich, alles, was am Peßach nicht ins --immer gehört, wegzuräumen, den „Chumez" verbrennen und nachdem ich von der Mutter gebadet und gewaschen worden war, legte ich die nagelneue, für Peßach vorbereitete Kleidung und Wäsche an. Zu ben herrlichen Traditionen ovo schönen Peßach festes gehört auch diese, daß es fast in j.dent jüdischen Hause neue Kleider den Kindern bringt, was nicht wenig zur Freudigkeit des Festes beiträgt. Ein neues Kleid liegt mitunter unbenutzt monatelang, damit es erst aur Peßach zum ersten Male angelegt werde. Wie die Natur soll auch der Jude am Frühlings- und Freiheitsfeste im neuen Gewände prangen ... Kanin hatte ich meine neuen Kleider angelegt, als ich ö-11 den Großeltern hinrannte. Wie ein Maglret zog es mich dorthin, u-o heute nacht meiner ettvas Großes harrte. Im Hause der Großeltern schien alles wie verändert. Es waren dieselben Zimmer, dieselben alten Möbel und doch trug alles im Hause ein frisches, fast jugendliches Gesicht. Der weißgedeckte Tisch, die schönen, für Peßach bestimmten Gläser, Porzellangeschirre und sonstiger Hausrat verkündeten, daß das Fest in dieses Haus bereits seinen Einzug gehalten. Die ein betäubender Blütenduft schlug es mir entgegen. Großvater und Großmutter waren schon festlich geneidet und begrüßten inich freudig, als ich mich in meinen nagelltcueit Kleidetn ihnen vorgestellt. Großmutter war in der Küche vollauf beschäftigt. Großvater schien zu einer anscheinenb sehr wichtigen Arbeit Vorbereitungen zu treffen-. Äuf einem mit großen Papierbögen bedeckten Tisch legte er Hammer und Zange hin und verschwand für eine Weile aus dein Zimmer. Nach kurzer Pause erschien er knrchend wieder, eine große Kiste tragend, der bald eine zweite'folgte, und stellte sie nebeneinander auf den Tisch. Staunend fragte ich den Großvater, was denn eigentlich die Kisten enthalten, doch schien er meine Frage nicht Zti hören. Mit leuchtenden Augen und geröteten' Wangen, tuie verträumt, hantierte er an dem Oeffnen der Kisten, tvas aber, da sie fest vernagelt waren, nicht so leicht gelingen wollte. Still, wie um den Großvater im heiligen Weck nicht zu stören, raunte mir die Großmutter ins Ohr: Die Kisten kommen von sehr, sehr weit her, nämlich aus Evez Israel, und bergen allerlei Köstlichkeiten vom heiligen Lande, die Freunde und Verehrer des Großvaters für Pßach bereitet und ihm geschickt. Mit Aufmerksamkeit folgte ich der vor sich gehenden Arbeit und erwartete gespannt, n>as aus den seltsamen Kisten ans Tageslicht nun kommen wird. Kaum war ein Teil eines Deckels gesprengt, als ein weißer Stand emporquoll und! sich auf den Tisch ausbreitete. Behutsam sammelte der Großvater, bevor er an die weitere Arbeit ging, den verstreuten Staub in ein Glas, daß ja nicht ein Atom davon auf den Fußboden falle, 'Auf meine Frage, was dies zu bedeuten habe, erklärte mir der Gwßmater, es sei dies heilige Erde aus Evez Israel, die auf ungeweihten Boden nicht fallendürfe. Kaum waren die Deckel geöfjuet, 4^ strahlend die in den Kisten enthaltenetr S waren dies: Blechdosen, die Oel, ~ ~ fem 9Rrt<ftfv»vm) jiJirjnL-. fr.-