Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- 94 (8.2.1921)
- Date
- 1921-02-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHER «rjchet»» {da gctttai. Ve-»g» pttii 230 M. uufl. A»8e-i«he» M fiftaltt dn M de» BkrWfrin i» 8m. VOM RHEIN Die Jüdisches Yolksblatt «»m, T«»«r 74747 fjetaasQtgebcn pok Rabbiner Dr. Arnit Kohn. Bonn. Schriftleitang und Geschäftsstelle: Bonn, Vrüdergaff« 52. St I Storni, 18. Mörz 1921. — 8 SBeaöar 5881 I 3. O000O0OOOOOOO0OOOOOOO0O0OO0OOOOOOG0OOOOO jüdischen Ein regelrechtes jüdijckcs Tbeaier har es bis in das i9. 'Jahrhunden nickt gegeben. In den jüdisct)en Geschichis- und Lireralurbüchern ist nicbis enthalten, was auf die Existenz einer jüdischen Bühne hinweist. Tie dürftigen Quellen. die etwas über oieicn (Gegenstand mitteilen, besagen nur. daß im 3. Jahrhundert nach der Zerstörung Jerusalems unter den Juden eine völlige Entfremdung vom Theater eingetreren sei, und daß in den Zeiten der Gaonim in Babylon alljährlich am Purimfest ein .^Haman-Spiel" aufgeiühn zu werden pflegte, wobei Haman-Puppen auf einem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Weder in Spanien, noch in Frankreich, noch in Italien, har es eine jüdische Bühne gegeben. Nur in Tcuticküand. wo die ersten Anfänge zur Schaffung einer jüdifch-deuticken Literatur gemacht worden sind, entstanden anfangs des Id. Jahrhunderts einige öloinödieu in jüdisch-deutscher Mundart, die in mehreren Großstädten, wie in Frankfurt am Main, Hamburg usw. zur^ Aufführung gelangten. Es toaren zumeist Zlarnevalspoyen. Hanswurstiaden. in denen Pickelbering die Hauptfigur bildere. Im Jahre 1710 erschien in Frankfurt am Main ein Theaterstück „Tie Berkaufung Josefs", das einen gewisien Beermann aus Jimburg als mutmaßlichen Verfasser nennt. Tiefes Stück wurde von jüdischen Wanderstudenten. Belh- Hamidrosch-Bachurim. aus Hamburg und Prag, „mit außerordentlichem Aufwand von Tekorationen, Maschinen und ionsrigen^ szenischen Effekten" ausgeführt. Ein „Achaschweroich-Spiel" fiel sogar einer strengen ..Theaterzensur" zum Opfer. Tie'e Thearerzeniur übre kein gringerer als der Vorstand der Frankfurter jüdischen Gemeinde; er untersagte die Aufführung und ließ die gedruckten Exemplare verbrennen. Aus welchen Gründen das geschah, ob aus religiösen oder aus politischen, darüter schlveigt sich die Geuwindechronik aus. Tagegen wurde in Prag öfter die „Actio Ester mir Achaschwerofch" von den Schülern des berühmten Rabbi Tavid Oppenheimer ,^»uf einem ordentlichen Tearrum mit Trompeten und anderen Instrumenten" ausgeführr. Besonders zahlreich waren die. zur Aufführung am Purimfest bestimmten ,'Purimscherze", von denen die„Actio von Lönig Tavid und Goliath" und .^Hamans Testament und Tod" die bekanntesten sind. Alle diese Stücke, die teils in belustigender, teils in belehrender Form Begebenheiten aus der Üblischen und jüdischen Geschichte behandelten, haben im Ghetto des Ostens wenig Anklang gefunden. Sie wurden dort wenig gelesen, selten oder fast gar nicht aufgeführr. Volkstümlich im eigentlich» Sinne wurden nur zwei Spiele, die für gewöhnlich auf fliegenden Bühnen in den Häusern der Reichen am Puri«abend z» Ausführung gelangten, nämlich: das .Achafchwerchch Spiel" und das „JoschSprel", Eines die. ja im jilipftri Seuche abgesi^e« Sp«§e, das Achaschwerofch-Spiel, ist in mehreren Bearbeimngen vorhanden- und wurde auch mehrfach als Beitrag zur jüdischen BoWtunde oder als literarische Seltenheit in deutscher Schrift gedruckt und unter dem Titel „Purim-Spiel" herausgcgeben. Auch sonst wird bei den Juden des Westens und in teil Geschichtsbüchern der jüdischen Literatur das Achaschrverosch-Spiel schlechtweg P u i i m s p i e l genannt. Demgegenüber sei festgestelit. daß im Ghetto diese Bezeichnung nur als Sammelnaine für eine bestimmte Literaturgattung gebräuchlich ist. Tas Ghetto kannte nur das Achaschverosch- Spiel oder das Josef-Spiel und nannte auch die Darsteller teingemäß Achaschwerosch-Spieler oder Josef-Spieler. Vom „Purim-Spiel" im „westlichen" Sinne war im Ghetto nie die Rede, obgleich beide Stücke am Purimfest von „Behelfern" aufzefühn zu werden pflegen. Erwähnenswert ist, daß das Josef-Spiel bei den Ghettoju-en viel beliebter und volkstümlicher war als das Achasckwerosch-Spiel. ungeachtet seiner Aktualität am Pwrimfest. Tas Josef-Spiel war sozusagen das Aaffenstück; das sahen und hönen sie gerne. Der alte Vater Jakob und der keusche Josef, die waffengewaltigen Brüder Simon und Lev: und der Neine Benjamin standen offenbar ihrem Herzen nabe: als der Tölpel auf dcm Throne. Achaschwerofch. und der am ("Zalgen baumelnde Haman, ja selbst als Mardochai. der Sohn Jairs. und die gründlich anmutige Esther. Tas Josef-Spiel sagte ihnen vielleicht auch deshalb m!chr zu, weil es im Grunde ein sehr ernstes, beinahe schon rühricliges und vor allem ein belehrendes Stück war, während dos Ackaickwerosch-Spiel mit seinen faden Witzen doch eigentlich nichts bot. was aufheiternd und belehrend zugkich hätte wirken können. Tas Josef-Spiel enthält in ber Tat einige Szenen und Bilder, die recht eindriuKvoll und zum Teil sogar dramatisch wirksam sind. Der unbekannt Verfasser dieses Spieles verrät in mancher Beziehung ein gewisses dramatisches Talent, nur wird er mit Aristvieles' Poetik nicht sonderlich oernam gewesen sein. Er dichte darauf los. ohne sich den Teufel um Regel und einen geordneten Szenenbau zu kümmern. In einem Punkte zeigte er sich kühner als Goethe. Der deutsche Dichterfürst, der in Weimar auch Theawrdirettor war, har bekanntlich gegen das Auftreten eines HundeS auf der Bühne in schärfster Weise Stellung genommen. Der „Dichter" des Josef-Spiels dagegen läßt einen leibhaftigen Wolf vor dem Erzvater Jakob erscheinen. Die Siche tragt sich nämlich folgendermaßen zu: Nachdem man de» alt» Jakob das blutgetränkte Aermelkleid Josefs überbringt mit den Worten: .^Haker no, hafthoneth ttncha hi im lo" (Sieh tmch, ob es der Rock deines Sohnes ist ober nicht?) — merkwürdigerweise wird dieser Satz im ^osef-Spiel nicht jüdisch, sonde» hebräisch gefproch» — klagt Jakob: „Ein böses Tier hat ihn Tier hat Josef zerriß«." Er befiehlt dieses reißende Tier zn fang» nnfr vor wacher Dlftrag demr anch prompt, böse Brli.erjchchUr