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Jüdischer Bote vom Rhein · 1921-03-11 · 93 (11.3.1921) · p. Seite 77

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
3 (1921)
Issue
93 (11.3.1921)
Date
1921-03-11
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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Tarrach sei den Juden seit Urzeiten ihr Berbältnit zu dem Vaterlande vorgeschrieben. Dort, wo der Jude lebe, sei sein Vaterland. Tie Idee veS Judentumsei unabhängig von den territorialen Grundlagen der Reiche. Tie Juden hätten eS nie an Dankbarkeit und an dem Willen zur Eingliederung in da? Ltaatswesen, wo sie lebten, fehlen lassen. t. Krefeld. Am 23. Februar wurde in Essen e'u in weilen Kreisen bekannter Lchulmann. Rektor Liegsried Graf, zur letzten Ruhestätte geleitet. Im Oktober erst war der 73jährige von seiner ^chultätigkeit zurnckgetreren: iein Gemeindeamt des ersten Kantors versah er nahezu bis zu seinem plötzlichen Eingang. '>0 Jahre wirkte er in Essen als Lehrer, davon etwa 3" ^ahre als Leiter der jüdischen Volksschule, die unter seiner Führung zur sechsklassigen Anstalt ansgebant wurde. Jwei Jahrzehnte fast war er aucb vorsitzender des Vereins jüdischer Lehrer in Rheinland und Westfalen. An den Verbesserungen in der Lage des Lehrcrslandes. an der erhöhten Fürsorge für dessen Hinterbliebene hatte er seinen rühmlichen Anteil. Ter Entschlafene war auch ein Vorbild in der Mannhaftigkeit, von gerechtem Selbstgefühl erfüllt und erfüllend — im Ganzen eine kernige Persönlichkeit. Krefeld. Eine wohlverdieme Auszeichnung wurde Herrn Philipp Frankfurt, Bismarckssr. 44, zinei!. Ihm wurde ivegen seiner großen Verdienste im ZanitälSwesen die Roie Krenzmedaille verliehen. Ferner erhielten von hiesigen Glaubensgenossen die gleiche Auszeichnung die Herren (idgar Barsdorl. Fritz Heymann. Hugo Ullmann, alle vier Mitglieder der Freiwilligen ^anilärvlolonne Krefeld-Bocknm. ZSbisches Zlüchtliitgselend. Stil August v. I. li'-nl5t üd> der Wande'.ersttvni wieder durd) olle Lande. Tas Ziel in Aiuerika. Die ein Orkan, plötzlich und unerwaucl. letzte er ein. und wann er auspören wird, ist wohl nicbr abzusehen. Inden und Jüdinnen, die Verwandte in Amerika haben — und welche ostjüdische Familie haue ihrer nicht in der neuen Welt — entfliehen der Holle Polens, der Ukraine und Ungarns, um wenigstens das uackre Leben zu retten. .\t ö l n als Turchgangsstalion sieht täglich die elscbütlerndsten Bilder des Jammers und des Elends. 2\c hier zu schildern, sträubt sich die Feder. Frau Tr. E a r o - Köln haue die Freundlichkeit, letzten Sonntag eilt Referat zu übernehmen, um eimnal den Juden Bonns die Tragödie des ewigen Ahasvers vor Augen zu führen. Fesselnd und eindringlich aus dem Vollen schöpfend, weil selbst milarbeitend, erzählte uns die Rednerin zunächst, weshalb die Aermsten der Armen entfliehen, dann aber über das Hilfswerk selbst. Opferfreudige Irrden und Jüdinnen arbeiten rastlos Tag und Nacht, helfend und nostend', ein Stück jüdischer Geschichte des dunkelsten Mittelalters rollt sich vor unseren Augen ab. Es sind keine Schnorrer, meistens ehemals wohlhabende Bürger, jetzt fällt das Los des Wanderns auf sie. Konnten die Juden Ungarns je ahnen, dass sie sobald aus ihrer Heimat, mir der sie mebr verwachsen sind, wie alle anderen Juden der Welt mir ihren Heimatländern, vertrieben und verjagt werden? Tie Furcht, die leider viele Juden mit den Antisemiten teilen, daß die Elenden und Vertriebenen hierbleiben, ist grundlos. Sie alle wollen nach Kanada, nach Argentinien oder in die Vereinigten Staaten. Großer Summen bedarf es, das Hilfswerk aufrechtzuerhalten. Deshalb bittet die Rednerin, Herzen und Hände offen zu halten und zu geben, unermüdlich und grostzügig. Man traute sich keinen Beifall zu spenden für die bis ins tieffte Mark dringenden Worte der Frau Tr. Caro, die so lebendig und klar das Tatsächliche zu schildern verstand, aber jeder war sich klar: hier muß etwas geschehen. Dies unterstrich auch Herr Rabbiner Dr. Cohn. Er versprach im Namen der vereinigten Wohltätigkeitsvereine alles daran zu setzen, daß Bonn nicht hinter, anderen Städten zurückstehe. Herr Dr. Lichten stein, der ja stets mit vollem Herzen für jüdisch-soziale Arbeit eiütritt, verwies insbesondere darauf, daß die jetzigen Flüchtlinge eigentlich deutsche Juden find, die im Mittelalter nach Polen flüchteten, dort die deutsche Sprache beibehielten und jetzt wieder die Not der Zeit sk-würgt, pan Wmiderstab zu greifen. Hier mit vollen Händen zu Jjdfeit, sei Bruderpflicht. Frau Dr. Caro dankte zum Schluffe für die , versprochene Hilfe — muß man nicht i h r he^lich danken, daß sie den Juden Bonns und Umgegend die Luden öffnete, sie aufrüttelte und zur Tat anspornte? Möge ihr Appell nicht ungehört verhallen, denn: tus re« agitur. tnnmmiigimnimiDG Die Botentasche nmrinii iinirrmn inmnrTmTrTTixrn Tie Kabbalisten ’). von I. L. P e r e z. In sd)led)ren Zeiten sinkt sogar die beste Ware — die göttliche Wissenschaft — im Werre. Und so ist von der Laschtschorver Ieschiwo 2) schließlich nichts übrig geblieben als der Roscl)-Ieschiwo Reb Iekel und ein einziger Schüler. Ter Rosch-Jeschiwo ist ein alter, hagerer Mann mit langeni, zerzaustem Barr und erloschenen Augen. Lemech, sein einziger Schüler, ist ein langer, schmächtiger Jüngling nrir blassem Gesicht, schwarzen Schläfenlocken, schwarzen, nieistens gesenkten Augen, trockenen Lippen und einer spitz hervorrrerenden, zitternden Gurgel. Beide tragen geflictte Stöcke, die vorn offen stehen und den nackten Leid — denn sie haben keine Hemden an — sehen lassen. Der Rosch- Jeschiwo schleppt mit großer Mühe ein Paar sHver Bauernstiefel; dem Schüler fallen seine viel zu großen Stadtschuhe von den bloßen Füßen; denn er hat keine Socken. Das ist alles, lvas von der einst so berühmten Ieschiwo übriggeblieben ist! Die verarmten Einwohner des Städtchenschickten .immer traniger Essen und luden die Schüler immer sette- »cr zu Mahlzeiten ein. Darum verzogen sich die armen Schüler nach anderen Städten. Reb Jckel will aber hier sterben, und sein Schüler will ihm die Scherben auf die Augen legen. Sie beide müssen viel hungern. Und wenn man wenig ißt, schläft man auch wenig. Und nach schkiflosen Nächten und vielen Hungertagen bekommt man Lust zur Kabbala! Wenn man schon ganze Nächte durchwacht und tagelang hungert, so will man davon wenigstens einen Nrchen haben: durch Fasten und Kasteiungen kann man ja erreichen, daß sich alle Tore der Welt öffnen und alle Geheimnisse, Engel und Geister offenbar werden! So beschäftigen sich die beiden seit längerer Zeit mit der Kabbala. Sie sitzen an einem langen Tisch in der leeren Stube. Bei den anderen Juden ist es schon nach dem Essen, doch bei den beiden noch vor dem Frühstück. Sie find eS aber gewohnt. Der Rosch-Jeschiwo hat seine. Armen halL geschlossen und redet: der Schüler hält den Kopf in bewe Hände gestützt und lauscht. „Es gibt darin", sagt der Rosch-Jeschiwo, .vielerlei Stufen der Vervollkommnung: einer kennt ein Stückchen, ein anderer die Hälfte, und ein dritter die gaM DÄÄlie? Der Rebbe, seligen Angedenkens, kannte zum Bespiel die ganze Melodie, sogar mtt einem Nachspiel. — Und fügt er traurig hinzu, ,chin nur der Gnade teilhEig getoorden, ein ganz kleines Stückchen zu kennen — must f* groß . . . ." ___ (Schluß folgt.) 1) «uten „Musikalische» ftMetcm*. Verlag I. Dchklttt. LZerli» 192Y. ‘ ' 2) freie Wifiif fftr

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