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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-12-25 · 82 (25.12.1920) · p. Seite 485

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
82 (25.12.1920)
Date
1920-12-25
Page
Seite 485 (sequence 5)
Language
German
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Ehamckageld. '*■ v«» Schalo« Siech««. («#■*.) Dieses weinerliche Wesen, behielt, sie auch nach der Hochzeit. Nr Mann, Scholom Seidel, ist dagegen ein lustiger Mensch, der gern scherzt und spielt und uns mit besonderer Vorliebe Nasenstüber versetzt. Aus letzterem Grund können wir ihn nicht gut leiden und besuchen ihn selten. Aber man vergißt alles, besonders Nasenstüber — und wie sollte man sich nicht daS Cyanukageld holen, gar vom eigenen Schwager? „Das ist schlau von euch, daß ihr gekommen seid! Ich habe das Chonusageschenk für euch schon vorbereitet!" So begrüßte uns Scholom Seidel. Er nimmt seinen Geldbeutel aus der Tasche und zählt jedem von uns'ein paar neue, glanzende, silberne Münzen auf. Wir nehmen sie und bekommen Nasenstüber. Ich zuerst einen aufs Ohr und mein Bruder in die Nase, dann ich in die Nase und mein Bruder aufs Ohr. „Hör doch auf, die Kindes zu quälen!" sagt Eidel mit Tränen in den Augen. Sie ruft uns zur Seite und gibt uns Süßigkeiten und noch einmal Chanukageld. * „Komm, Mottl, jetzt wollen wir zählen, wieviel Geld wir haben! Zuerst Mle ich meins, dann zählst du deins." Ich zähle also: EiiNRubel, drei Zwanzigkopekenstücke, vier Fünfkopekenstücke und fünf Kupfermünzen — wieviel macht das zusammen? Nun — einen Rubel, drei Zwanzigkopekenstücke. vier Fünfer und fünf Kupfermünzen../"' Mein Bruder Mottl kann nicht erwarten, bis ich zu Ende bin und nimmt seine Kapitalien vor. Er legt-die Münzen aus einer. Hand in die andere und zählt: „Ein halber Rubel und ein Zwanziger und nöch ein' Zwanziger sind' zwei Zwanziger,und noch ein Zwanziger sind drei Zwanziger und zwei Sechser macht drei Zwanziger und drei Füyfer, und ein Zehner und noch ein Zehner, das macht drei Zwanziger und drei Sechser, das heißt, drei Sechser und zwei Zehner, ätsch, was sage ich? Ich muß noch einmal von Anfang zählen/ , Wir zählen und zählen und können zu keinem Ende kommen. Besondere Schwierigkeiten machen die Kupfermünzen des Onkels Mojsche-Aron. Wir versuchen, dieses Geld bei der Mutter einzutauschcn, dann beim Vaters bei unserer Köchin Breinc, — keiner will es nehmen. „Was sind das für Münzen? Wer hat euch dieses Geld gegeben?" Wir schämen uns, es zu sagen und schweigen. „Weißt du." sagt mein Bruder Mottl zu mir, „laß uns die Münzen in den Ofen werfen oder im Schnee vergraben!" „Wie schlau du bist!" erwidere ich, „wir wollen es lieber den Armen gehen I" Aber wie zum Trotze sind keine Bettler zu sehen! Wo sind alle Bettler hin, die sonst am Rock.' zupfen, feilschen, schimpfen, schwören, fluchen <— alles um einen Pfennig? So haben wir Chanukagelder gesammelt.' Beethoven und MoscheleS. Bon Mathilde Weil, Wien. Im Hause der feingebildeten jüdischen'Bankiersgattin Fanni Arnstein geborene Eskeles leichte Beethoven ,ein schlankes, junges Bürschlein kennen, das ihm die Hausftau als tüchtigen Musiker pries. Ignaz M o s ch e l e s, ein gebürtiger Prager, war nach Wien gekommen, um hier bei Albrechtsberger und Salieri feine Musikstudien zu vollenden. ■> Baronin Fmutk Amchetn' Ufer eine HauptgÄndaein der Gesellschaft der Musikfreunde. In ihrer temperament. vollen Art, di« einst schon Kaiser Josef H. sehr gefallen, setzte sie sich für eine Wiener Musikhochschule em. für ein Konservatorium, das Wien noch fehlt«. Sie wußte sogar den menschenscheuen Titanen für ihre Jsine zu gewinnen. Die bedeutendsten Künstler Wiens sangen, spielten unif deklamierten von jeher Im Salon Arnsteins. Eine Einladung zu den musikalisch-deklamatorischen Abenden der noch immer schönen Matrone boten eine bedeutende Aussicht auf ganz erlesene Kunstgenüsse. Kein Wunder, wenn dieses Mische Haus zuk Zeit des Wiener Fürstettkongresses eine hervorragende Rolle spielte. Dem mütterlichen Charme der Hausstau gelang es, selbst den unzugänglicher Ludwig vgn Beethoven zu fesseln. Freundlich kam er dem jungen Kollegen Ignaz MoscheleS entgegen und so warm wurde die Freundschaft, daß viele Jahre später MoscheleS. als er Tsitektor des englischen Konservatoriums jn London war. in seiirer zweiten Muttersprache, in reinstem Englisch, eine Beethoven-Biographie verfaßte. Für die Einführung von Beethovens Meisterwerke in England leistete MoscheleS Hervorragendes. Seine eigenen Kompositionen loaren wohl mehr im Stil eines anderen berühmten Komponisten, der auch aus jüdischem Hause hervorgegangen, im Stile Felst Mcndelssohn- Bartholdys gehalten. Nach besten Tode leitete MoscheleS auch das Leipziger Konservatorium. Dem schtiÄckranken Titanen Ludwig van Beethoven sollte aber Ignaz Moscheles im Jahre 1627 einen großen Liebesdienst erweisen. Ludwig van Beethoven — für sich der bedürfnisloseste Mensch — kam es doch vor. daß er,- wenn Ebbe in seiner genial geführten Künstlerkaste herrschte, tagelang nur von trockenem Brote lebte. Aber für seinen, ungeratenen Pflegesohn. und Neffen, Karl van Beethoven, der nichts als Jawmer und Kummer auf das Haupt des Titanen häufte, brauchte Beethoven iuuner große Summen. Jn seiner letzten Krankheit ivandte er sich um eine Unterstützung an die Londoner Philharmonische Gesellschaft. Ignaz MoscheleS fetzte seinen ganzen Einfluß ein und die Gesellschaft widmete Beethoven hundert Pfund Sterling. Jn seinen letzten Lebenstagen erhielt Beethoven von Moscheles die Nachricht, daß das Geld unterwegs sei. „Gott soll ihn segnen," sprach Beethoven zu seinen: treuen Schüler Schindler, der nicht von seinem Sterbelager wich, „hörst du, schreib': Tausend Dank an Moscheles!" „Es war herzzerreißend, ihn zu sehen," schreibt Schindler, „wie Beethoven die Hände faltete und sich in Tränen der Freude und des Dankes schier ausiösen wollte." Die letzte große Freude seines Daseins verdankte Beethoven dem Juden Ignaz Moscheles. Darum ist es nur gerecht, wenn bei der hunderifünfzigjährigen Wiederkehr von Beethovens Geburtstag ein Ruhmesblättchen auch auf Moscheles' Grab gelegt wird. . » * * J Jn Berlin gab eS einmal — cS ist noch nicht lange hm — einen Rabbiner, der sich eines hervorragenden unfreiwilligen Humors erstellte. Da er ein ebenso kurzatmiges wie weinerliches Organ besaß, kam es in seinen Predigten zu den fröhlichsten Offenbarungen, deren einige wir unfein lieben Lesern 'nicht vorenthalten wollen. 1. Ans einer Psßachpredigt. „Vierhundertsünfzig Jahre, meine Andächtigen, waren die Kinder Israel in Egypten! Vier-s-hundert—fünfzig Jahre! Bierhundertfünfzig Jahre gehen an keinem - Menschen spurlos vorüber!"- 2. ' ■ A us ei ner Gr obre de auf ein altes vcrwachsenes Fräulein. „Sie war — verwachsen — mit allen Gliedern -ihrer weitverzweigten Familie!"-

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