Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 80 (10.12.1920)
- Date
- 1920-12-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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JÜDISCHER BOTE Erscheint jede, Kreit«,. Sri«»» »reit 2.50 M. »,»«ti. Z> »r, ehe» d«rch st«lliche P,stii»trr »der d»rch de» v»tr»»rrl»^ t» v,»». V0I^ RHEIM Jüdisches Yolksblatt >»rri,r»pr«i<: 1.5V M siir di« »irr- ,«sp. Petitzeile. Die ,»»zr Seite «»f»ßt 36V Zeile«. P.ßscheckk.,«, V,t»»»rrl,, Diu, dH« Kr. 74747. ^«rausgegeben von Rabbiner Or. Krnik Kohrr, Bonn. Schriftleitung und GefchLftsstelle: Bonn, Brüdergaffe 52. Pommer 80 Worin, 10. Dezember 1920. — 29 Aisten? 6681 2. Jahrgang. Chanuka-Preisausschreiben. „Das jüdische Kind“. Den 1. Wreis von 100 Work erhielt: Helma Friedmann, Duisburg. Den 2. Wreis von 50 Work erhielt: Carlos Hars, Luxemburg. Aus der großen Anzahl der eingesandten Bilder wurden von den Preisrichtern, an deren Spitze liebenswürdiger Weise der auch als Zeichner jüdischer Typen rühmlichst bekannte Berliner Maler und Radierer HermannStruck stand, als pveiswürdig noch folgende befunden und mit einem Trostpreise bedacht: Erna Bernauer-Troisdorf, Edith Siegclwachs-Mülheim-Ruhr, Elmi Rosenberg-Neuwied; und ferner: Rübenfeld, Barmen; Alice Heumann, Berlin,-' Norb. Weißfeld, Bochum; Anneliese Herz, Bonn; Hilde Katzenstein, Castcllaun; H. Heger, Esten; Anni Roth, Hörde; Willi Mendel, Jülich; Walter Strauß, Katernberg; Kurt Werner, München; v. Praag, M.-Gladbach, Rudi Meyer, Neuß a. Rh.; Bernhard Haas, Irier; Bester, Wanne i. W. f I Sabbath-Chunulrah 5681. | V j Befdierungen. * Durck den Mund von Kinder» und Säuglinge» du deine Macht gegründet. Psalm 8, 3. „Ich will kein jüdisches Christfest!" hörte ich einmal ein jüdisches Kind sagen, das sich damit seine Chanuka-Bescherung verbat. Das Wort machte damals einen fabelhaften Eindruck auf mich, denn cs zeugte von einer bei Kindern ungewöhnlichen Charakterstärke und war gleichzeitig ein für die Entstehung der Chanukabescherung nur zu bezeichnendes Wort. Später stellte ich fest, daß die Sprecherin iminerhin ein vierzehnjähriges Mädchen war, der eigentlichen Kindheit also fast entlvachsen. Das war eigentlich ein Trost für mich. Tenn wenn ich inir vorstellen sollte, daß alle jüdischen Kinder von 6 bis 14 so sprächen, ich würde doch einen gelinden Schrecken bekommen. Denn so charaktervoll das Wort sein mag. ein bisck)en unkindlich klingt es doch. Kein Zweifel, die Chanukabescherung entstammt dem Herzlveh des jüdiscl-en Kindes. Für Eltem gibt es kein größeres Weh, als ihr Kind sich an einer Sehnsucht verzehren zu sehen. Nichts ist schmerzlicher und rührender als das. Ja, rührend ist die Sehnsucht des Kindes nach der« Kinde, denn sie zeigt uns unser verlorenes Paradies. Warum muß diese Sehnsucht des Menschen zum Menschen mit steigendem Alter aus unserer Seele schwindend fragen wir trauernd und sehen dem Kinde nach, das hinter den andern Kindern herläuft, um mit in ihren Reigen ausgenommen zu lverden. Wer jemals ein Kind hat über den Zaun blicken sehen, wie es mit dem Finger im Munde den Spielen der anderen zuschaute und ausgeschlossen war, der kennt den nährenden Reiz am Anblick einer Sehnsucht, die Neugier, einer Neugier, die Sehnsucht ist. Mein Bruder bekam als Sechsjähriger einmal ein Pfeifchen gejck-enkt und lief an jenem Tage immer flötend um unser Haus herum. Als meine Mutter zum Fenster hinausschaute, sah sie einen andern kleinen Buben immer hinter ihm her laufen und betteln: „Ach, lieber Jude, leih' mir doch auch mal dein Pfeifchen!" — Dieser Junge wollte mehr als flöten, wollte Kamerad sein, Mitspicl und Mitfreude haben, und daß er den andern als lieben Juden anrcdctc, beweist, welche Hemmungen seine kindliche Sehnsucht überwunden hatte. Diese Sehnsucht ist für das jüdische Kind zweifellos niemals größer als um die Weihnachtszeit, wo es in jedem Hause, jeder Gaste, in den erleuchteten Läden, den wimmelnden Straßen, allüberall nach jenem Kindheitszanber geradezu riecht, dessen betäubender, seliger Duft alles — nicht nur die Kinder — in Bann zu nehmen versteht. Tas mag traurig sein, aber es ist einmal so, und es entsteht die ernste Frage, ob man Zusehen soll, wie unsere Kinder an der Scheibe fremden Zauberglanzes sich die kleinen Nasen plattdrücken, und die noch ernstere, ob man das Recht hat, dem kindlick-en Genuite die Spannkraft einer Entsagung zuzumuten, die ohne Herzweh nicht zu leisten ist. Mag inan dein Kinde, wie cs Pflicht ist, das Judentum als vollen Reichtum immer erneuter Wonnen zeigen, rnag man ihm jeden Sabbath vergolden, jeden Festtag verzaubern — diese Weihnacht naht auch dem jüdiscl-cn Kinde mit einem Zauber, wie ihn nur das Dichterwort wiederzugeben vermag: „Doch spürt es, was cS griiße. Mit Schaudern und mit Lust, Es rührt ihin >vie ein Riese Das Leben an die Brust." Dem gegenüber vom Kinde Grüße der Neberwindung zu verlangen, heißt verlangen, daß cs seiner Kindl-eit entsage, und das heißt nicht nur zu viel verlangt, sondern ist ein-ganz gefährliches Spiel. Ein Spiel, das lähmt.- Darum bin ich, der ich jede Nachahmung christlicln'n Braucl-es alp Entwurzelung verwerfe, in dieser» einen! Punkte ein Mensch mit seinem Widerspruch und also fürs! „Bescheren" an Chanuka. Fürs Bescheren mit r'lepfel», > Nüssen und Pfefferkuchen, wie es drüben geschieht. Ein jüdisch Kind ist immer — auch im Westen — irgendwie ein \ Chederkind, d. h. eins, das früher älter wird als andere, und das im Osten sogar den Greisenzug im Kinderaurlitz trägt. Aber je später eS kommt, umso besser ist es. Nur aus kindlick-cn Kindern kann uns eine jung« Jugend er- > blühen. Emil Coh n.