Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 67 (10.9.1920)
- Date
- 1920-09-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/3947615-6435930-6437148--0779-3948326- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erscheint je»«» grtitj|. Bij»|l< preis 1.50 9t. M*»cU. Z» trzirhr» hrtf fii»iltch« P»ftl«ter ikn l»rch »«» B»tr»»erl«> t» B»»». VOI^l RHEIN Jüdisches Volksblatt >»zrißr»prris: 1.50R.f*r»li»l«t< l«f>. Prtitieil«. Die t#ajt Gelt« »»f»ßt 8S0 Zeile». P»ftschecks»»t» B»t«,»erl«i«»»», Qll» Nr 74747. q-raurgegeb«n von Rabbiner vr. Kmit Kohn. Bonn. Schristleitung und Geschäftsstelle: Bonn, Brüdergasse S2. Kummer 67 ZSonn. 10. September 1020. — 27 ®CuC 5680 2. Zichrgimg. r- } Neujahr 5681. { v j Sdiuld.und Klage. Was klagt der Mensch im Lebe»? Ein j>deS klage über seine Sünde»! Klagelieder 3,!tf». Nun kommt der große Tag, der Tag der Weltenschöpfung, der der Tag des Gerichtes ist, der unter dem Schalle des Schofars jedem von uns die große Erneuerung bringen soll, dir ja wirklich nichts anderes ist als eine imnicr lviederholte Neuschöpfung der Welt in uns selber. Immer wieder am Neujahrstage bläst Gott uns seinen ewigen Odein ein, löst immer aufs Neue.sein verzerrtes Ebenbild in uns zum klaren Spiegel reinen Menschentums gleichwie am ersten Tag. So decken sich Gericht und Schöpfung im "Himmel droben wie auf Erden drunten: Jeder wahre Richter ist ein Schöpfer, jeder wahre Schöpfer ebenso ein Richter. Aber ach, wie klein steht der gewöhnliche Sterbliche vor dieser großen Tatsache. Des Menschen Teil ist viel mehr das Klagen, als das große Gericht nach innen. In „Mudder Melvs", dem erschütternden niederdeutschen Drama Fritz Stavenhagens wird uns eine Frau geschildert, die durch Einmischerei, Hetzen, Bohren und Hcrrschenwollen ihre ganze Familie ins Unglück bringt. Nachdem sie ihren Mann unter die Erde, von ihren Söhnen den einen zum Ztveifel an seiner Frau, den andern zum Saufen gebracht hat, treibt sie die Schwiegertochter in den Tyd. Als aber die Leiche der armen Ertrunkenen vor ihr ließt, und die Schuld gewaltig vor ihr aussteigen will, findet Mudder Views kein anderes Wort als das eine: „Nee, ne«! wa t ickok alls dörchmaken mött l" Ettvas ergreifend Menschliches liegt in diesem Worte. So sind wir, so sind wir alle. Jeder von uns hat etwas "von dieser Mudder Mews. Ob wir Not leiden am täglichen Brote, ob wir Sorgen haben um die Zukunft, Krankheit im Haus«, geschäftlichen Arger, Geldschwulitäten, iinmer denkt jeder:. „Was ich doch alles durchmachen muß!" Ich! Daß andere das Gleiche und Schlimmeres erleben, daran denkt man nicht. Ja, wenn das alles laut ausgesprochen würde, tvas.jeder von dieser vlesinnung im Herzen trägt, du lieber Gott, gäbe das eiiren Zank! Eine tvahrc Revolution würde ausbrechen! In hundert Prozeßen mit ganz klarem Rechte schlösse man lieber einen Vergleich mit seinem Nächsten, als in dem großen, heimlichen Streite, lver mehr durchzumachen hat, du oder ich. Selbstverständlich ich! Ja, soweit geht dieses Lebcnsgestöhn des Menschen, daß auch im tiefen Grunde der seelischen Nöte, der Gewissensqualcn, der Pflichtenkämpfe dieser Unterton deutlich zu vernehmen ist. Wollte man nur an den Zellen der Eiefängnisse lauschen, wo die Räuber. Diebe. Heißer, Wucherer, Erpresier, Totschläger sitzen, ich gehe eine Wette ein: Aus 99 von 100 Zellen tönt lediglich der Jammer: „Was ich doch alles durchmachen muß!" Upd das ist keiire Verstocktheit, keine Bosheit, keine Nnbußsertigkcit. das ist das Menschlichste vom Menschlichen, unser aller Teil und Erbe, mrd beinahe rmser Schicksal, — Halt! E i n Tag kommt, ein einziger in jedem , Jahre, der »vie ein Blitz in die Seelen schlägt und von einem ewigen Donner überrollt wird. Lausche, Jude, diesem Donner, schau in die nietwrleuchtende Nacht und erkenne dein Land. Tie Schwäck)c des Menschen ist wahrlich sein Schicksal, aber indem er um dieses Schicksal »veiß. ist ihm die Macht gegeben, es zu überwinden. Und überwindet er es nicht ganz, so ist ihm doch die Macht gegeben, den großen Kampf des Lebens zu kämpfen, der für den Juden mit jedem neuen Jahre neu beginnt. Sein Anstmg aber ist die Plötzliche, ruckartig« Wendung des Menschen nach innen, die ans das Donncrlvort erfolgt: „Was klagt der Mensch im Leben? — Ein jeder klage über seine Sünden!" Emil Cohn. N9»HNaHHKSKIEl£CWi£m[lDnnHKI»&«aSHUS 1 £ 8 (öocbcnfcbau. I jS « Tatsachen und Ergebnisse. > « _ _B «« SMISMMW» I «HsraBaaramasig, ssubssbsh&n Deutschland. Berlin, 31. August. Infolge der polnischen Judenhctzen und Pogrome kommen Hunderte von jüdischen Fanulien nach Berlin. Nicht nur aus dem eigentlichen Polen, sondern auch aus den besetzten Eiebieten Posens und Schlesiens. Ehemalige gut situierte Bürger sind plötzlich bettelarm und heimatlos getvorden. Familien mit Frauen und Kindern liegen buchstäblich auf der Straße. Alle Jnstitu- - tionen stel)en dem Elend ratlos gegenüber. Mit Hilfe der Jüdischen Gemeinde, die in danke »silierter Mise geeignete Räume zur Verfügung gestellt hat. hat die JüdischimtionalcFraucnvereinilMng ein Flüchtli'ngsl)eim in der August straße gescklafsen. Hier sollen K i n d e r, eventuell auch Mütter mit Kindern, ausgenommen''»'erden und so lange Wohnung und Nahrung bekommen, bis die Väter entweder tveiterreisen können oder Artxut gefunden haben. Geldsendungen sind an Frau Li n a Wagner-Tauber (Jüdischnationale Frauent»ereiuigung). Berlin-WilmerSdorf, Uhlandstraße > 10/117, Postscllkckkonto 16 520. zu Achten. » Breslau. Jnr Anschluß an die Demonstration der bürgcrlickien Parteien gegen die polnisckien Aufstände fanden hier Ausschreitungen zunächst gegen das polnische und französische Kosnulat statt, die sich at>cr gegen Alvnd zu einem kleinen Pogrome ansivuchsen. Nachdem der Pöbel vor den Hotels, in diiien die alliierten Offiziere wohnen, auf Widerstand der Sic1>erlleitspoli,zei gestoßen war. zog er wich der Antonienstraße, um gegen die Juden zu demvn strieren. Die meisten der Erzedeenten waren mit Guinmiknüppeln ausgerüstet. Es \ „Gegen die eingewanderten Ostjuden". In Wahrbeit wurden aber sowohl in der Antonienstraße wie in d - Sohraustraße jüdisclle EN'jchäfte, u. a. auch das große Warenhaus Herzfeld, geplündert.