Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-09-03 · 66 (3.9.1920) · p. Seite 353

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
66 (3.9.1920)
Date
1920-09-03
Page
Seite 353 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3947615-6435930-6437146--0774-3948322
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

dieri, tr fle automatisch Zersägen konstte. Er stand oft auf dem Almemor und dachte an sein Haus, sein Weib, an die älteste Tochter; die man schon läntzst verheiraten müßte, und "die Predigt floß in einem fortohne daß er mutzte, ohne dah er hörte, bi» fU selbst zu Ende kaM.vis zum' gewöhnlichen Schlnßpassv^: „Und cs komme Zions Erlöser usw." Und oft passierte es ihm. daß er die Predigt bereits zu Ende gesagt hat und er mutzte es nicht, und stand noch weiter auf seinem Platze in sich gekehrt und an seine Angelegenheiten denkend! Den Zuhörern in der „Schill" kam es recht sonderbar vor und nur die klingenden Stimmen der Waisen, die den üblichen „Kode sch" nach der Predigt sagten, weckten ihn aus seiner Geistesabwesenheit, und er erschrak, zuckte zusammen, kützte hastig den „Poreichos". drückte sich rasch hinaus und setzte sich hinter den Almemor. » Manchmal kam ihm der Gedanke in den Sinn, noch ein paar Predigte» einzustudieren. ° Am häufigsten geschah das in den Jahren, nachdem er bereits in jedem Städtchen zu wiederholten Malen alle seine sechs Predigten gesprochen hatte. Er wußte zwar, daß die Juden der Kleinstädte, zu denen er kam, zuviel mit ihren täglichen Sorgen sich den Kopf zerbrachen und kaum sich erinnern werden, tvas er vor ein paar Jahren gesagt hat. Aber auf Wunder darf man sich doch nicht verlassen. Außerdem haben in manchen Städtchen zwei van seinen Predigten keine Anziehungskraft mehr besitzen können. Das waren die über falsches Maß und Gewicht. .Dort sind nämlich. strenge Beamten, sehr schlechte „Gojim", und. geben selbst darauf acht, und haben den armen Krämern zu wiederholten Malen ein Protokoll gemacht und darauf bestanden, datz die Wage gestempelt sei. Diese zwei Städtchen hätten wirklich ein paak neue Predigten nötig, an der Stelle der alten zwei über Maß und Gewicht. Aber diese Ausgabe war für ihn zu schwer. Müde und abgehetzt langte er gewöhnlich in dem Städtchen an, mußte dann in der „Schul", wo er sein Logis hatte, sich waschen, im Sommer sich den Kaftan aus Lüster, die Mütze, das Käppchen und die Stiefel von Staub reinigen, im Herbste die Kleider trocknen und am Ofen sich erwärmen. Nach der ermüdenden Wanderung von einem Städtchen ins andere und nach der Vorarbeit in der Schul, mutzte-er sich ein wenig auf die Bank hinstrecken und ausruhen und sogar manchmal einnicken, bis der Schames ihn nicht allzusanft aufrüttelte: „Reb Magid! Sie müsien sich schon vorbereiten. Die Leute kommen schon zum Beten und sie schlafen noch!" Und so mußte er darauf-verzichten, neue Predigten einzustudieren und dachte sich wohl: Ah werde schon mein lebelang mit den, alten Predigten auskommen. Es ist verloren .; . I Es kam aber eine Zeit, wo der alte Prediger 4iue siebente Predigt einstudieren mußte, eine Predigtvon der er nie geträumt hatte, die »hin schwerer fiel, als sich mit Universttätsstudien zu bcfasien. Was kann man aber mit der heutigen Welt anfangen? Immer Neues will sie. sogar neue Predigten; eine sündenvolle Welt! Er erfuhr von der neuen Art Pi^digten zum erstennral, als er nach einem kleinen Städtchen kam und dort an der Tür der Schul' ein eigenartiges Plakat erblickte: Es sollte der Form nach dort von einem Prediger die Rede jeirv und doch sah es nicht-darnach aus. Es begann ja nach der üblichen Weise: „Heute...", aber anstatt „wird pretngen", stand „wird vortragen", anstatt „der Magid" (Prediger) stand „der Redner" — sonderbar, wie türkisch tvar es in leinen Augen. „Uber Zion" — w<H heißt das „über ZionV? Und dann zum Schluß anstatt des üblichen Pasius: „ui^d der'Hörer wird einen Genuß haben und er möge gesegnet sein", stand ein Mogen-David und die Unterschrift, Vor- und Zunanw; gar nicht jüdisch... Schrecken überkam ihn: er spürte, einen starken Konkurrenten. Es kam ihm zwar .auch früher nickst selten vor, mit solchen Konkurrenten-Predigern zusammenzutreffen, aber, mit ihnen ging es anders. Sie warfen ein Los untereinander, um zu entscheiden, wer früher sprechen solle, unh darin, hatte er immer Glück. .Hier, beim neuen Prediger. tvcrdcn diese Künste wohl nicht gelingen; er fühlte es. und er ahnte, datz er den Platz lverde räumen müssest. Und daS Unglück wäre schließlich noch nicht so groß, n>cnn es nur für dieses Mal der Fall wäre. Gibt's denn wenig Städtchen in der großen Welt! Hat er höchstens umsonst einen Weg zurückgelegt. Der Magid aber fühlte, daß er diesem neumodkschen Prediger oder „Redner", wie cS dort hictz, alle Tribünen werde abtretest müssen und werde gezwungen sein, wie ein einfacher Bettler von Haus zu Haus mit dem Sacke zu gehen und zu betteln. Ein Schauder durchrieselte ihn. Bruchstücke von seinen Predigten flogen, ihm durch den Kopf und schienen über ihn zu spotten und sich über ihn lustig zu inachen, schnitten Fratzen, wollten hinaus, sich losreitzen und davonfliehen, ihn allein lassen.... Gegen Abend stieg sein Schreck. In der Schul' versammclten sich Juden, kamen scharenlveisc und in einer Viertelstunde war die Schul übervoll; er hatte noch nie so viel Besucher bei seinen Predigten gesellen. > Und alle sahen jetzt so ernst aus, als ob man ihnen eine wichtige Reuigfeit mitzuteilen hätte. Und der alte Magid sieht, wie eine lebhafte Betvegung entsteht. Der neue Magid ist eingctretcn. Das Publikum macht ihm Platz. Der alte Magid rückt sich ehrerbietig seittvärts, um ihm Rauin zu geben, und sieht ihn forschenden Blickes an. Und was sicht er! Einen jungen Mann von ungefähr dreißig Jahren, mit einem schwarzen Bärtchen, ein tranig zugestuht (er könnte schwören, es sei geschoren) mit einem weißen Oberhemd, mit einem halblangen Rock... „Gott im Himmel!", hätte er beinahe aufschreien mögen. „Dieser wird predigen?" „Ihn wird man den Almemor besteigen lassen?" Er begreift es nicht, der Zorn kocht in ihm. „Ketzer"! möchte er -ausruscn. er hält sich aber zurück, er wird erst hören, >vaS der da sagen wird. Und er sicht, wie der neue Magid die Tribüne besteigt, das Publikum forschenden Auges betrachtet und zu reden beginnt: Und flammensprühend tvaren seine Worte. Und merkwürdig, er spricht auch über.Palästina. ISchlich folgt.) Silbenrätsel. Folgende 25 Silben sind zu 9 Wörtern, zu ordnen, die bedeuten: l Biblischer Weinbergöbesitzer, 2. Planet, 3. Blume, 4. einstiger russtscher Minister, 5, Name, 6. asiatisches Land, 7. japanische Insel, 8 Wurfgeschoss der Naturvölker, 9. rin BolkSstaium. Die A faugSbuchstaben von oben nach unten, die Endbuchstaben von unten nackt oben gelesen, ergtbeu ein Wort Mosed' an Josua. a, «rck, der, bot, di, da, c, cn, linwk, in, ko, ku, mit, tut, noff, nun, rn, rn. ro, so, ssa, so, si, to, u. Unter den Einsendern der rechten Lösung wird ein Preis auSgelost, der Name hier veröffentlicht. Lösung deS StusrnrötsrlS aus Nr, 03: ' A A 8 T J 0 8 I A J' E n E M 1 A 8 A M A K I T E U Richtige Lösungen ginge» ein von: Buchwaltcr, Schmitz^ Erich und Greie Winter nt Pinn; Bombach i» D«rt«nnd: 2inner in Elberfeld; Hilde Berlin, Erwin Iuhl und Walter Woiss in Mecken-, hei«. Unter den Einsender» wurde gelost. Ten Preis erhielt Calomon Bombach in Dortmund, Lletnstraße i>l.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.