Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 65 (27.8.1920)
- Date
- 1920-08-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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CtMcttt ißtoM gattet. *«i«**• »ttillJM>at.MMM<l. »«ch stetlicht .«»fUbafrr «kn M feaa SataMMtte« t» Dm. VOM RHEIN Jüdisches Volksblatt CaidtMkftU: lJWftfltMtalM« ftfc PatttzeUt. U« GMDt C«tH ■afa|t 860 Beiles. PaßscheLkasiO 8etcs»crU| 8mm, CIIiHt. 74747k qerau»-a-eben von Rabbiner vr. Arnik Kohn, Bonn. Schristleitung und Geschäftrpelle: Bonn, Srüdergaffe 52. immntb Norm, 27. August 1020. — 13 $CuT 6680 2. |i|r|K|. r W-che>«hsch«M Mxn 1 uDoaiiaoaaiiaoaoofuiKiDniiiiaDaiiaoaaaaaaaaooD Sdilcksalsbandt. verabscheue nicht den Tdomiter, denn er ist dein Bruder! verabscheue nicht den Egypter, denn ein Fremdling ivarst du in seinem Lande! 6. Mose, 23, 8. Wie oft wird unserm Judentum der Vorwurf des Begrenztnationalen gemacht! Der Jude sei immer Jude, auch im Menschlichen, und wenn die Tbora lehre: „Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst!" .so sei mit diesem Nächsten doch wieder nur-der Volksgenosse, der Jude, gemeint. Me so ganz anders das Christentum! usw. usw. Man kennt diese Einwände einer billigen Kanzelweisheit nur zu gut! Freilich, je tiefer das Judentum steht, umso glorreicher muß sich das Ewigchristliche offenbaren. Nur ist und bleibt es eine seltsame Manier, die Tochter zu - ehren, indes» man die Mutter schmäht. Da oben stehen zwei Sätze, die geeignet sind, wie mit einem Hammerschlag solche tönerne Weisheit zu zerschmettern. Zwei Sätze reinster Menschlichkeit, die einer den andern ergänzen und vollenden. Der erste sagt, daß cs noch andere Brüder gibt als' di« des nächsten Blutes, der andere, daß Beziehungen innerer, geistiger Art möglich sind, v die noch besser kitten als Blut. Man wird an das Wort des iveisen Salomo denken: „Es gibt einen Freund, der mehr ist als ein Bruder." Doch weit gefehlt, noch viel Feineres unh Zarteres lehrt uns die Thora, und wenn man paradox sein wollte, könnte man ihre Ähre salomoartig umschreiben mit dem Worte: „Es gibt einen — Feind, der mehr ist als ein Bruder!" War nicht der Egypter ein Feind getvesen? Löste der Name nicht in jedem Sohne Israels die Erinnerung an jahrhundertlange Knechtschaft, an jdnabcnmord, Fron und Peitsche aus? Und dennoch: „Verabscheue ihn nicht, denn ein Fremdling warst du in seinem Lande!" Dieses Wort reinster Menschenliebe erinnert an manche Erzählungen unserer Frontkhmpfervon jenen heimlichen Verbrüderungen zwischen denSMMgräben, die nicht etwa aus einer Kriegsmiwigkeit zu erklären waren, sondern deren geheimnisvoller Grund in tiefempfundener Schicksalsgemeinschaft lag. Diese Schicksalsgcmcinschaft schlang ein Zauberband um Jsryel und Mizraim. Als zweitausend Jahre später Israels großer Dichter Jehuda Wlevi den Strand Egyptens betrat, überwältigte ihn der Anblick der uralten Pyramiden so. daß er in folgende Verse ausbrach *): Di« Städte sieh und sieh den Strand, Wo «inst ihr heimisch »vart: So ehre auch das fremde Land •' . Und tritt es nicht zu.hart! l> «II» „Jehuda Haltvi, ein rivanübersetzt und mit einem Lebensbild versehen von Emil Bernhard, Verlag Erich Reiß, Berlin k. ... Mach deine Sohle sanft und tveich. Die durch die Straßen geht, ¥ Denn einst durch dieser Straßen Reich Schritt Gottes Majestät. Er neigte sich an Tür und Tor Nach deinem Bundesblut. , Und jeder sah's, er schritt euch vor In Wolke und in Glut. ' Ans dieses Landes Felsen kam Dein Bundeshort heraus, Und deine Quadern, alter Stamm, Die waren hier zu Haus! Diese Verse sind nichts als eine wunderbar feilte Umschreibung des Thorawortes:denn ein Fremdling warst du in seinem Lande!" Welch ein großer Ausdruck der Schicksalsliebe, welch eine ergreifende Feindesliebe aus Tchicksalsgemeinschaft! Wenn man solche Verse und solches Thorawort' liest, wird man ganz trübe gestimmt in Gedanken an die Gegenwart, an unsere deutsck-en Juden vor allein, die auch um Land und Heimat und Rechte und vor allem so gänzlich trost- und hoffnungslos um die blondlockige und blauäugige Seele des Recken Siegfxied tverben. Da wollen sie deutscher stin als alle Deutschen, berufen sich auf ihr echt deutsches Fühlen, ihre deutschen Leistungen, ihr dem deutschen Idealismus so nah verloandtes Judentum. Und ahnen nicht, daß es in Haß gewobene Schicksalsbande gibt, viel fester als Geistesbande, oder richtiger, daß es geheimnisvoll Geistiges gibt, das so stark in Schicksal, Erlebnis und Geschichte verankert und verwoben ist, daß Feindschaft, Haß und Groll, die dieses Schicksal schufen, davor in Rauch zergehen könnten. Könnten, wenn inan das alles zum Bewußtsein brächte. Fester, vor allem rcidjer als das auf den deutschen Schlachtfeldern vergosiene Blut, fesielt den deutschen Juden an sein Vaterland, daß er tausend Jahre lang sein Stiefkind war. ("Die Zeiten der Krcuzzügc, des schwarzen Todes und des gslben Flecks sind uns wie Mizraims Fremdlingstage, einstmals Tage der Not, l)eute Cchicksalstage, und morgen, wenn wiix wollen, eine große Liebe. Eine Liebe zu Stätten, die Geschichte wurden, zu einem Lande, das unsere Märtyrer birgt, aber auch letzten Endes eine Liebe zu Menschen, die wohl unsere Feinde waren, aber eben durch Geschichte doch noch etwas mehr geworden sind als unsere Feinde. Emil Cohn. Mocbenfcbru. Tatsachen und Ergebnisse. Deutschland. Berlin. Ein geradezu unglaublicher Vorfall hat sich in der vorigen Woche in K a t t o w i tz abgespielt. Tie Tagespresse wußte zu berichten, daß anläßlich der dortigen Unr