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Jüdischer Bote vom Rhein · 1920-08-20 · 64 (20.8.1920) · p. [Seite]

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
2 (1920)
Issue
64 (20.8.1920)
Date
1920-08-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Damit sein Herz sich nicht erhebe über seine Brüder, und er nicht welch« von vem Gebote^zur Rechten oder zur Linken, auf daß seine und seiner Kinder Herrschaft viele Jahre bestehe ~~ in der Mitte Israels. 5. Mos«, 17, 18—20. Könige stellt man sich doch sonst ganz anders vor. Man hört von Herrenmenschen, von Tyrannen, von Männern des Rechtes, Helden des Krieges, auch wohl von Friedensfürsten. Vom König des Buches hat man nie etwas gehört. Hier haben wir ihn: Da sitzt er auf seinem Throne, hält «in Buch auf den Knioen und liest. „Alle Tage seines Lebens" liest er in dem Buche und tut es nicht aus der Hand. Welch ein seltsamer König! Welch ein Buch! Es wird chm eine ganz geheime Kraft zugeschrieben: Dieses Buch vermag nicht nur die kleinen Menschen des Tages, sondem gar Könige gottesfürchtig, demütig und gehorsam zu machen. Und so wollte man, daß sie aussehen, Israels Könige: Männer, deren „Herz sich nicht.erhebt über ihre Brüder", die vom göttlichen Rechte nicht weichen „zur Rechten oder zur Linien", und die es „lernen, den Ewigen, ihren Gott, zu fürchten".- Mit wie vielerlei Lektüre füttern wir modernen Menschen unS! Wie verschlingen wir die Detektiv- und Kriminalgesckichten, die Ullstein-Romane, die Novellen unterm Strich! Das kommt und geht, ohne eine andere Spur zu hinterlassen als die Gier nach immer Neuem. Dann gibt es klassische Werke von edlerem und edelstem Werte, die man je nach Erziehung, Gesittung und gesundem Menschenverstand wohl auch zwei« und dreimal liest, die man kennt und nicht vergißt. Und einzelne, ganz seltene und große Wette gibt es sogar in Taschenformat, Faust, Homer, das Buch.der Lieder und Tasso werden auf Reisen und Spazierwegen in der Westentasche gettagen und gelesen, und die Nähe deS Buches gibt seinem Träger,das glücklich beruhigende Gefühl eines schönen und edlen Besitzes. Nur die Bibel ist in unseren Kreisen ausgenommen von dem Rechte des guten Buches, uns täglich nahe zu sein. Sie ist Jüx die meisten unter uns lediglich ein Werk „für die Heranwachsende Jsirgend", daS am Ende einer Schulzeit zweifelhaften Religionsunterrichtes im Ranzen stecken bleibt, und zu einem Zeitpunkt, wo fein Verständnis eigentlich erst, dem erwachenden Geiste aufzugehen beginnt, endgiltig aus der Hand gelegt wird. Schade! Denn sein Wert — seine Sprache, ,Ton, Sinn. «Kalt — übersteigt Goethe, Homer und die Alten «n cin- W«MtjWr-. Die Bibel und zmnat die Thora ist nicht nm ein Werk der Erhebung, Erschütterung und Läuterung zu wahrer Menschlichkeit, sondern daneben und vor allen Dingen auch ein Buch der Versenkung, unergründlich wie das Meer, ewig wie der gestirnte Himmel über uns, voller Rätsel und voller Lösungen auch, mit einem Worte, ein heiliges Buch. Das Bild dos Königs auf seinem Throne mit dem geöffneten Buch auf den Knieen, das er nicht liest, wie man andere Bücher liest» nämlich heute und übers Jahr, aber morgen und übermorgen nicht, sondem „alle Tage seines Lebens", ist -von sinnbildlicher Größe. Man liest nicht in der Thora, sondern „lemt" in ihr. Thoralcrnen, das ja traditionell bei uns geworden ist, ist äußerlich zwar auch ein Lesen, aber ein so intensives, von Andacht. Inbrunst und Hingabe gesättigtes, daß es schließlich aufhört, rin Lesen zu sein, und anfängt, eine heilige Sache zu werden. Heilig ist der Text, heilig die Zeilen, heilig die, Lettern,- umwoben eine jede vom Gehemnis des Göttlichen. Damm ist solchem Buche gegmüber Versenkung das erste Gebot. Sein letztes ist Liebe, denn es ist — unser Buch, deins, meins und unser aller. Dieser König da, das bist du felbst, Jude. Das Buch dein Königreich. Seine Zeilen die Stufen deines Thrones, die emporsteigen zum Göttlichen, das das allein Menschliche ist. Greife zur Thora und begreife sie, greife zu den Profcten und begreife-sie; dies ist deine Scholle, die du pflügen, säen, ernten mußt, dein Weinstock und Feigenbaum, der dir Schatten und Ruhe gibt, dein Haus und Hof und Weib und Kind und alles, wovon du mit menschlichem und mit ewigem Rechte sagen kannst: „Mein!" Emil Cohn. J {Hocbcnlcbaii« Tatsachen und Ergebnisse. Deutschland. Berlin. Die Groß-Berliner Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes hielt ihre Generalversammlung im 2. Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde ab. Die Vorsitzende, Frau Ollendorff, gab einen kurzen Geschäftsbericht, in dem sie auf die Schwierigkeiten hinwies, die beim Frauenbund, ebmso wie bei allen anderen Wohlfahrtseinrichtungen, gestiegen sind. Trotzdem ist es gelungen, die Arbeit in voyem Umfange aufrecht zu erhalten. Nach außen wurden alle Folgerungen aus der Lage gezogen. Der Verein hat sich auch mit der Abwehr des Antisemitismus beschäftigt, wofür eine Abwehrspende gesammelt wurde. Di« Stellung zur Ostjudenfrage und die Forderung der Gleichberechtigung der Frauen in der Jüdischen Gemeinde haben -die Ortsgruppe eifrig beschäftigt. Leider haben die Bemühungen, den Frauen das Wahlrecht in der Gemeinde zu sichern, bisher noch keinen Erfolg gehabt. Der Frauenbund macht es allen seinen Mitgliedern zur.Pflicht, bez. künftigen Gemetndewahlen nur für solche Männer ci»zu-

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