Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 63 (13.8.1920)
- Date
- 1920-08-13
- Page
- Seite 329 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Stimmungsbild aus Palästina. Jaffa, den 12. Juli 1920. Seit 12'Tagen haben wir nun einen Herrscher in Pa» lästmch der alle Vorstellungen von dem neuen ZivilregiineNt bei weitem übertroffen hat. Die jüdische Bevölkerung des Landes darf sich mit Recht darüber freuen, aber auch di^ nichtjüdischen- Einwohner des Landes sind froh und zufrieden, denn nun hat das Provisorium aufgehört, d'c klare und präzise Politik Herbert Samuels hat keinen noch so geringen Zweifel an seinen Absichten gelassen und der nahen llmwanblung Palästinas in eine national-jüdische Heimstätte unter Wahrung der Rechte, aller nationalen und religiösen Gruppen im Lande steht nunmehr nichts im Wege. Dies bedeutet eine Stabilisierung der Verhältnisse, einen Beginn gesunder wirtschaftlicher Tätigkeit und daran haben die Araber nicht minder Interesse, als die Juden selbst. Herbert Samuel hat in der Deklaration über die Politik der britischen Regierung im Lande eine ganze Reihe von Punkten besonders scharf betont, weil sie den Verhältnissen nach stärkeren Nachdruck fordern. So hat er dem „Backschisch" und dem ganzen Körruptionssystem, wie cs seit undenklichen Zeiten herrschte, ein für allemal und init größtem Mchdruck den Tod angesagt. Cr hat ferner auf die Ereignisie von Jerusalem angespielt und betont, daß er solche - im Wiederholungsfälle mit äußerster Energie unterdrücken'werde. V ' ' Rerbcrt Samuel* („Atlantic ) Der Eindruck, den Herbert Samuels Auftreten und seine Deklaration in Jerusalem sowohl wie in Häifa gemacht hat. ist «in ganz gewaltiger. Die bis gestern unzufriedenen Araber, aus deren Reihen noch am Tage der Ankunft des Hohen Kommissärs Propste und Verunglimpfungen des neuen Herrschers gehört worden waren, haben seit dem ausdrücklichen und deutlichen Köniaswort und der energischen Deklaration Samuels eine Haltung eingenommen,-die darauf schließen läßt, daß sie sich zunächst pon diesen Ereignisien übertvältigt fühlen und ihre Ohnmacht gegen den Gesandten des britischen Königs anzukämpfen, einsehen. Die große Mehrheit der arabischen Bevölkerung aber freut sich aufrichtig, daß nun eine Zeit kommen wird, in der nfan etwas zu verdienen haben wird.Henn mjt der großzügigen Politik Her Hetzer war ihnen natürlich noch lange nicht geholfen. Der Bodenkauf wird nun freigegebcn. die Einwanderung kann beginnen, die Errichtung neuer jüdischer Kolonien an die Hand genommen iverden. Das alles bedeutet für den Fellachen, den Stadtaraber, den Kaufmann und den Arbeiter Arbeit und Brot. Auf die Juden-war per Eindruck der Deklaration des Königs und Samuels unbeschreiblich. Es gibt keinen einzigen Juden im Lande, der sich nicht durch das großartige Ereignis, daß nach zweitausend Jahren wieder ein jüdischer Herrscher in Palästina regiert, bis ins tiefste Innere seines Herzens gerührt fühlte. Die traurige und gedrückte Stimmung der vergangenen Monate ist verschwunden und die Palästinenser schöpfen frischen Mut. Wenn nur die Zionistische Organisation sich in diesem hochhedeutenden historischen Augenblick als auf der Höhe des Momentestehend zeigt, und die großen, für die Aüfbautätigkeit notwendigen Mittel herbeigeschafft^verden. dann wird es wirklich nicht allzugroßer Geduld mehr brauchen, bis Palästina ein Land deS Lebens und der Freude für Jedermann sein wird. Ern»ähnt sei noch, daß mir der Ankunft Herbert San-uels auch die Sicherheit im ganzen Lande wie auf Verabredung ganz plötzlich zunahm, und zivar so. daß die vor einigen Wochen nach den galiläischen Kolonien entsandten Selbstwehrleute bereits wieder heimkehrcn konnten. Ta die Unsicherheit mit ein bedeutender Faktor bei der allgeineinen Stagnation im Kandel und Verkehr war, so steht zu hoffen, daß diese bald normaler »verdcn können. (Jüdische Rundschau.) Köln. Von der Jüdischen Arbeitersürsorgestelle Köln, Barbarosiaplatz 7. erhalten wir mit der Bitte um Veröffentlichung folgende Zuschrift: Die Einwanderung ostjüdisckier Arbeiter nach Deutschland stellt dem deutscifen Judentum schwierige sozialpolitiscl-e Aufgaben. Die Eimvanderer, die unter dem Drucke größter äußerer Not, von Pogromen und der Hölle des polnischen Militärs über die Grenze geflüchtet sind und hier nicht selten von ihren eigenen Brüdern mit feindseligen Augen betrachtet iverden, sind zum allergrößten Teile arbeitsfähige und willige Eleinente. Es entspricht nicht nur ihrem eigenen, sondern auch inst>csondelc dem deutsck-en Jnteresie, sie nicht nach alter unbcwährter Methode als ungebetene Gäste planlos von Ort zu Ort zu schicken. Es ist vielmehr notlvendig, ihnen einen produktiven Erwerb zu verschaffen und sie so der Versuchung zu entziehen, durch Arbeitslosigkeit gezwungen unlauterer Beschäftigung nachzugehen. Die deutsclje Regierung hat in einem ausführlidjen Erlaß die NotN'cndigkeit einer Fürsorgetätigkeit für die Einwanderer betont, die einer Institution obliegen muffe, »vclche mit Eigchwrt und Sprack>e des einwandernden Volksstammes vertraut sei. Das Arl>citerfürsorgcamt der jüdisckM Organisationen Deutschlands, das als solche Institution anerkannt ist, hat jetzt auch in Köln eine Ztveigstelle errichtet, die es sich zur Aufgabe gesetzt hat. speziell im besetzten Gebiet im Sinne der bestehenden Erlässe und im Einvernehmen mit den Behörden ihre sozialen Ausgaben zu erfüllen. Sie will vstjüdisä-cn Arbeitern Ar,beitsmüglichkeit verschaffen und-zugleich ihre Interessen vor den Behörden t>ertreten. Auch dieser Teil oer Arbeit ist nicht zu unterj schätze», da auch die produktiven Arbeiter leicht mit gewissen unlauteren Elementen identifiziert iverden, für die stede Unterstützung nachdrücklich abgclehnt ivird. Tie neugegründete Arbeiterfürsorgestellc ivird niit den bestehenden Hilfsorganisationen Hand in Hand arbeite» und.sich bemülien. gemeinsam mit ihnen lmhrhafl soziale Arbeit zu leisten, j ivelche die Tendenz hat. das Almosen, das trotz seiner zeit-! >»eiligen Notivendigkeit bei aller anerkennensN'ertcn guten | Gesinnung auf die Tauer demoralisierend wirkt durch Ar-! beit zu ersetzen. l Die Arbeitersürsorgestelle ist sich der Schwierigkeiten, die sich nicht zuletzt aus der ungünstigen Lage des deutsckM Arbeitsmarktes ergeben, voll bewußt. Sie wird deshalb gewiß auch nicht immer von heute auf morgen helfen können. Um so begründeter ist ihre eindringliche Bitte um die aktive! Mitarbeit aller derjenigen jüdischen Kreise, die für die Not; der ostjüdisckM Brüder, mehr als passives Mitleid ausbrin-! gen können. Sic bittet,' ihr alle freiwerdenden Stellen. stv- . ziel! in der Industrie, der Landwirtsck-ast, dein Berglxiu und in allen Zweigen des HandiverkSrstandcs sofort initzui teilen. Aste diejenigen, die für die Arbeit der Arbcitcrsür-, svrgestellc wirken können, bitten wir, sich sofort mit uns in! Verbindung zu setzen. Insbesondere wollen sich die bereits > seit längerer Zeit in Betriebe» arbeitenden ostjüdisckien Arj beiter sofort an uns wenden.