Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 60 (23.7.1920)
- Date
- 1920-07-23
- Page
- Seite 304 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein lange» Schweigen folgte. E» war wieder Salka. die zuerst zu sprechen onfing. „Der Vater wird wohl erst gegen acht Uhr zurückkommen." „Ick habe auch schon daran gedacht", sagte Zillah. „Ich glaube, daß du ihn wenigstens noch einmal wirst sehen wollen, und darum wirst du wohl vor neun Uhr nicht abreisen können. Inzwischen aber wird der Kommis . . ., wird er auf Antwort warten. Ich werde sie ihm überbringen." Salkas leidenschaftsloses Reden stach gewaltig ab von Zillahs erregten Worten, als sie erwiderte: „O, Salka, ich hatte die Absicht, dich darum zu bitten, nur die Angst hielt mich davon zurück, denn ich möchte doch bei der Mutter bleiben, solange ich nur irgend kann; jede Stunde, die ich sie zwischen jetzt und heute abend noch sehe, wirmir vielleicht als Erinnerung für ganze Jahrzehnte auSreichen müssen." „Ich begreife nicht, warum du dich gefürchtet, mich darum zu bitten? Erinnerst du dich nicht mehr, daß ich 1>ir noch einen Liebesdienst schuldig bin?" sprach Salka in fast geschäftsmäßigem Tone, so daß' man hätte glauben können, daß sie die Trauer in der letzten Bemerkung ihrer Schwester gar nicht bemerkt habe. „Ich werde ku^z vor sieben Uhr >zum Bahnhof gehen; dort werde ich ihn sicherlich treffen. So wird es am besten sein, denn vorher erlvartet er ja auch keine Nachricht." Sie zeigte Zillah den zerknitterten Brief, den sie mit der Hand wieder halbwegs geglättet hatte, Zillah wehrte jedoch ab; sie brauchte nicht mehr zu lesen — sie kannte den Inhalt auswendig. „Du tust alles Mögliche, Salka, mn mir das Scheiden recht schwer zu machen. Salka verstand sie. Ohne ein tvcitercs Wort ging Zillah zu der kranken Mutter zurück. Sie darf nichts von der kostbaren Zeit verlieren; sie muß sich die teuren Züge tief, recht tief cinprägen — tief genug, damit sie für das ganze Leben unverlöschlich bleiben. Ja. ja; dazu wird es kommen; sie wird die Mutter nie mehr sehen — sie werden es ihr nie vergeben — für sie wird sie von jetzt ab tot sein für alle Zeiten. Ihr Vater wird die sieben Tage auf der Erde sitzen, um sie wie eine Verstorbene zu betrauern, und später werden sie alljährlich den Tag ihrer Flucht als Todestag begehen. Schluchzend preßte sie die kalten Hände auf die brennenden Augen; doch diese schreckliche Vorstellung wollte nicht von ihr tvcichen. Sie schwankte die Treppe hinauf. Auf der obersten Stufe begegnete sie Aron. Er sah sic mit einem schmerzlich verlangenden Blick an. den sie schon an ihm kannte; ehe er aber Zeit hatte, ein Wort zu sprechen, war sie bereits in dem zdrankenzimmer verschwunden und hatte die Türe hinter sich zugemacht. Mit schiverem Herzen ging er in den Laden. Salka hatte seinen Schritt vernominen und beugte sich darum noch tiefer über daS vor ihr aufgeschlagene Buch, um die langen Zahlenreihen eifrig zusammenzurechnen. Aron blieb eure Welle stehen, wartend, daß sie ihm ihr Gesicht zuwenden werde; da dieses aber nicht geschah, so begab er sich seufzend »Dieter in sein Stübchen. Sein Schicksal schien also besiegelt zu sein. Selbst Salka. die muntere, freundliche und warinherzige, die er zur ^Vertrauten seiner Zweifel und Ängste gernacht und die se^n Vertrauen durch ihre aufrichtige Teilnahme lrerdient und erividert, selbst sie mied ihn jetzt ausfällig. Wirklich, er bereitet sich nutzlos Selbstqualen, >r»enn er noch länger hier bleiben sollte; er wird ^deshalb heute noch ieine Sachen packen, um morgen abzureisen. — Es waren nicht.die Zahlen im Kontobuch, die Salka so eingehend beschäftigten; sie rechnete vielmehr mit sich selbst ab. «m in ihrem Herzen eine Bilanz zu ziehen; da sie aber sürckstete, daß durch Arons Anblick wieder ein Rechenfehler entstehen könnte, zog sie es vor, ihn nicht sehen zu trollen Tie Zeit drängte; sie mußte bald zu einem Entschlusie konimen und wollte sich keinen weiteren Schwan- kungen aussetzen. Der Tag verging beiden Schwestern mrt erbarmungsloser Geschwindigkeit. Zillah war ruhig — es war die Ruhe eines, eingedämmten Bergstromes. Salka hinaegen vermochte ihre Gefühle weniger unter Schloß und Riegel zu halten, und je weiter der Nachmittag fortschritt, desto größer wurde ihre fieberhafte Unruhe, die ihr Reiches Gesicht mit der Röte der Erregung bedeckte. Ar Hirn glich einer Maschine, deren Räder mit rasender Schnelligkeit kreisten, als mühten sie ihre Aufgabe in der kürzesten Zeit vollenden. Gegen Abend schien e» endlich soweit zu sein; ihre Gesichtsfarbe begann wieder abzubleichen und ihre Gedanken hörten auf, sich zu überstürzen und zu verdrängen. Nach und nach formten sie sich ausdem. wilden Chaos zu einem festen, kompakten Entschluß. Sie lehnte sich km Stuhle zmück und schloß zufrieden die Augen, wie jemand, der eine schwere Arbeit vollbracht hat und sich jetzt gönnen darf, behaglich auszudehnen und di« Folgen gemächlich abzuwarten. lSortsetzno, folgt.) Mau Derg und Lai. Bonn. Eine'begrüßenswerte Einrichtung hat der hiesige.Jüdische Jugendbund ^schaffen. Zweimal im Monat versammelt er seine Mitglieder und Freunde zu einem Freitagabend-Heimabend. Beim traulichen Scheine der Sabbatkerzen, an blumengeschmückter Tafel wird zuerst nach einer kurzen Begrüßung Kidduch gemacht. Ein schriftkundiges Mitglied des Vereins erläutert den Wochenabschnitt und die zahlreichen Fragen, die an den Leiter gestellt werden, bekunden das rege Interest« der Zuhörer. Mit Schier hamalaus und dem Einüben der Semiris-Gesänge für den Winter (ein Frankfurter Herr war der Stifter der Bücher) schließt der offizielle Teil und die Mitglieder bleiben noch zum gemütlichen Teil in zwangloser Unterhaltung beisammen, bis die Polizeistunde Feierabend gebietet. Sehr zu begrüßen wäre es, wenn alle diejenigen, die dem Jugendbund noch fernstehen, einen solchen Freitagabend einmal mit erleben möchten^ Sie würden dann gewiß Freunde der neutralen jüdischen Jugendbewegung werden. Wittlich. Infolge einer Operation starb in Bonn Herr Lehrer Julius Kann, nachdem er nahezu 25 Jahre als Lehrer und Kantor in unserer Gemeinde segensreich gewirkt hatte. Nach der Überführung der Leiche wmde sie in der mit Trauerschmuck würdig ausgestatteten Synagoge äufgebahrt, in der der Freund und Amtsvorgänger des Verblichenen. Herr Lehrer Nußbaum aus Duisburg, vor einem großen Trauergefolge in kurzen treffenden Ausführungen die Verdienste des Entschlafenen hervorhob. Die würdig« Feier war durch Gesänge des vom Verewigten gegründeten Synagogenchors eingerahmt. Unter den Erschienenen bemerkte man die Geistlichkeit und Behörden der Stadt, sowie viele Kollegen des Kreises, die dem verstorbenen Amtsbruder damit noch. Beweise ihrer Achtung und Wertschätzung darbrachten. Sein Andenken wird im Gedächtnis seiner Gemeinde, seiner Schüler und zahlreichen Freunde nicht verlöschen. y , Die Koteirtische. Kisch, der Bater König Sauls. „Man hat auch mich einen Juden genannt" — erzählte zur Zeit der Hochblüte des französischen Antisemitismus der edle Jules Simon — „obwohl ich es nicht bin und nicht war. Meine Schwester hat sich in Südamerika in der Mistion betätigt und sogar fünf Kirchen gestiftet. Ich sage das nicht, um mich zu beschweren." In ähnlicher Weise äußerte sich vor kurzem ein Münchener Rechtslehrer, Profestor Kisch, in seinem Kolleg, indem er hinzufügte: „Die Verwechslung rührt offenbar von meinem Namen her. Im Buche Samuel kommt ein gewister Kisch vor, der einen verlorenen Esel suchte. Ich bin mit diesem Kisch nicht verwandt; wenn ich aber nach Eseln zu suchen hätte, ich wüßte, wo sie zu finden find."