Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 2 (1920)
- Issue
- 37 (20.2.1920)
- Date
- 1920-02-20
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3947615-6435930-6437081--0464-3948041- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
•-- —.«<1 > > — 74 — — „Lind Sie tofl V" rief der Änwall. „wollen Sie Ihren Prozeß verlieren?" Herr Möller gewann den Prozeß. 211$ iil-er fein 21nwalt. r'lbschied nehmend, zu ihm sagte: „Sie sehen, mir einem tüchtigen r'lnwalt gehts auch so!" bekam er zur Antwort: „Und ich habe dem Richter doch eine Gans geschickt. nur mit der Visitenkarte von — Maier!" Ein guier Witz. nicht wahr? Aber, was nöch kaum einem ausgefallen sein dürfte, ein schlechter, ein fast ungetreuer. bestechlicher Richter. Er würde zivar selbst mit Empörung dieien Vorwurf zurückweisen und sogar mit scheinbarem Renne: Halte er doch deck vermeintlichen Sender der Elans fallen lassen. Aber seine Pflicht hat er doch nicht getan, denn er liiitte den Mann wegen versuchter Bestechung zur^liechenschaft ziehen müssen, hätte nicht leichtsinnig bei sich selber schließen dürfe», daß es schlecht um die Sache dessen siebe, der so dreist den Unrechtesten aller Wege bejchreile. Trov der Gans konnte die Sache des Mannes noch gerecht iein. Jede Voreingenommenheit ist eine Art Bestechung. und v o r e in g e n o m nt e n war dieser Richter, als er iein llneil fällte. Tie größte Gefahr für den Richter sind die Gefühlsniiiä.ungeii iei es. daß es sich beim Armen um Mitleid, beim Gleiche» um Ansehen, oder sonst um irgendwelche Zu- oder Abneigungen bandelt. »lar. kalt, einseitig, mitleidlos sei das Recht. der Rechter sei als Richter kein Mensch, sondern eine verkörperte Idee. Als solche Verkörperung des Rechrsgedankens muß er unpersönlich und von fanatischer Sach-' Ijchteil fein. So widersinnig es klingen mag. von einer Leidenichafi d«s Sachlichen zu reden — von heifzem Eis lönnie man ebenso gut sprechen — wenn es für irgend einen damit ieine Richtigkeit Imt, io ist es der Richter im waltenden Recht. Aber er ist doch nun einmal ein Mensch, und als solcher den unsonirollierbaren Mächten der widerstreitendsten Gefühle ausgelieserr wie jeder andere Mensch. Mitleid mit dem Armen. »lassenbewußtsein mit dem Manne gleichen geiellfchastlichen Ranges, gleicher Erziehung, gleicher Denkart, sind »och die roheste» Mischlingen, die Voreingenommenheii erzeugen können. Es wird von einem hervorragend angesehenen jüdischen Juristen erzählt, er habe als Eraminaior seine» jüdischen Kandidaten bei besten Leistungen niemals die erste Roie gegeben, allein weil er den Vortvurs der Voreingenommenheit fürchtete. Man sieht hier, ivie eine übertriebene Selbstkontrolle den gerechteste» Ristier unsicher und darum untauglich machenc kann. Ei» Richter darf eben ireder iveich noch Han. er darf nicht einmal streng, er darf .nur sachlich sein. Der Schreiber dieser Zeilen tväre ein schlechter Richter geworden, weil er ein Leben ohne Voreingenommenheiten für recht arm und elend hält. Es ist ein wahres Glück, daß es noch eine andere Welt als die Welt des Rechtes gibt, eine Welt. >vo sich die Menschen nicht mit den durchdringenden Augen lalter Gerechtigkeit in ihrer Racklheir sehen, sondern wo es »och den Maniel der Liebe gibt, mit dem man zudeckt, ivas sich nur irgend zudecken läßt. Es gibt nichts Schöneres als eine herzliche Voreingenommenheit und ein warmes Auge in die Well hinein. Das gilt vor allem auch uns Ariden. Als leidende und verfolgte Minderheit find ivir verurteilt, ewig! für unser Recht zu streiten und immer zurückzubleiben hinter dem. was wir wünschen, ersehnen und erkämpfen wollen: ewig auf ein sachliäres. uiivoreingeiioinmenes Urteil zu dringen, das geschichtlich Gewordenes gelten läßt, iveil es so ward, und inimer doch unter dem Vorurteil und der Voreingenonunenlieit zu leiden. So ums Recht betrogen, ivürden wir sittlich versinken, könnten ivir nicht dem Vorurteil des Haffes von außen ein Vorurteil der Liebe nach innen entgegensetzen. Har man uns einmal unter das Gesetz derVoreingenouuneiibeir gegen uns gestellt, nun, so wollen wir auch voreingettominen iein s ü r uns. wollen ei» liebevolles und zärtliches Auge für alles jüdische haben, wo immer es sei und wie immer es sich zeige. Es muß eine doppelte Liebe sein, mit der der Jude den Juden liebt, eine »indesliebe und eine Elternliebe: eine »indesliebe, wenn ivir daran denken, was ivir unseren Vätern verdanken; eine Elternliebe, wenn wir daran denken, wie schwer es uns oft der Jude macht, ihn zu lieben; ihre verkrüppelten Kinder aber lieben Ellern doch am meisten. Diese Liebe zum Sorgenkind sei deshalb unsere Liebe, unsere schmerzliche, sehnsüchtige, entsagende, heilige Liebe. % Emil Eoh n. ICHocbcnfcbauT* Tatsachen und Ergebnisse. g Deutschland. — v Berlin. Vor kurzem brachte der „Vortrupp", das Lrgan des bekannten Schriftstellers^ Landrichter Hermann Popen, einen Artikel über die Ostjudenfrage, in dem die Maßnahmen der Sraarsregierung heftig angegriffen wurden. Der preußische Minister des Innern l)r. Wolfgang .Heine hat an den Herausgeber des „Vortrupp" folgendes Schreiben gerichtet: „Sehr geehrter Herr Landrichter! Ich habe den Artikel „Ostjuden" in Rr. 22 des „Vortrupp" zligesendet befoinmen. "Sie sind nicht im Bilde, um was für eine Ministerialverordnung es sich gehandelt Hat. In Preußen bestand von alters l)er die Bestin»,rung. daß über die Einbürgerung von Juden nur das Ministerium des Innern entschied, und daß die Gesuche säst immer abgelehnt wurden Solcher Ablehnung verfielen auch Familien, die seit Generationen in Deutschland lebten, sich die größten Verdienste um das ivirtschastlickie und geistige Leben Deutschlands erwarben und die in jeder Bezieh,lng einwandfrei waren. Als der »neg ausbrach, ivurden solche Familien, deren Söhne im Felde für Deutschland kämpften, immer noch vielfach von der Einbürgerung ausgeschlossen. Dann trat die Praris ein. die Einbürgerung solchen zu geben, die selbst oder deren Söhne Heeresdienst leisteten. Davon wurden ivieder ungerechl solche betroffen, die zufällig keine Söhne hatten. In gleicher Weise ivurden jüdische frühere Deutsche, die .durch längeren Aufenthalt im Ausland die deutsche Staatsangehörigkeit verloren hatten, ungleichmäßig behandele Ich habe über alle diese Fragest eine ausführliche Perordnung erlassen, in der die Abstellung dieser Sinnwidrigkeiten und Ungerechtigkeiten angeordnel ist. Es heißt darin, das; die Einbürgerung solcher Ausländer ohne Rücksicht auf die »onfession vorgesehen werden solle, ivelche als ein in sozialer, politischer und wirtschaftlicher Beziehung erwünschter Bevölkerungszuwachs anzusehen sind. Es handelt sich also nicht um die in Ihrem Arlikej so ausführlich behandelten halbbarbarischen Bevölkeruiigsjchichten der östlimen Länder." I». Poperl har in seiner Antwort an den Minister die „Alldeutschen Blätter" als seine Eüelle >ingegeben und versichert. das; er. trotzdem er politischer Gegner der ,.Alldem schen" sei. doch bisher annahni. das; ihr verbandsanirliches Lirga» in tatsächlichen Behauptungen von solcher Wichtigkeit zuverlässig sei. Er bedaure, daß er sich infolgedessen habe ilresühreii lassen, und werde gegenüber de», Inhalte der „Alldeutschen Blätter" lünflig auch in dieser Beziehung vorsichtig sein. In seinen Schlußausführnngen stimmt Nr. Popert der Auffassung des Ministers zu. »arlsrphc. Die Badische Landeszeiiung berichtet über anlisemilische Treibereien an der Technischen Hochschule in »arlsruhe. Der Studentenausschuß an der Technischen Hocktschule hat an de» Direktor Mar Malier in Berlin ein Schreiben gerichtet, daß sein Erscheinen nn der Hochschule als Semit unerwünscht ist und daß, falls er der Berufung dennoch Folge leisten würde, er die Folgen tragen müsse. Dr. Ma»er übergab diesen Brief dem Rektor und Senat. Der Rektor Professor Paulke verlangte vom Sludenlenausschus; die Zurückziehung dieses Briefes mit dem Bemerken, daß diesem einen unerlaubten Eingriff in.das Berufungsrecht von Rektor und Senat darstelle und außerdem gegen