Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 29 (19.12.1919)
- Date
- 1919-12-19
- Page
- Seite 333 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3947615-6435923-6437065--0362-3947948- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
833 Der Bote erzählt: — T T T .▼ 7.7 7 7 T 7 7 ▼ T. ▼. .▼ ▼ T Tante Vnttraa-. vo» s. H. » o » vr o s t n 11 a (. --Geh' hinüber!" sagte dein Vater in seiner Güte. -Ich ging. Ich glaube, es war das erstemal, daß ich „Als. ich hinaufkam, fand ich die Mädchen in tränenloser wilder Verzweiflung; ihre bitteren Worte und mich an. Die Mut widerten mich an. Die Mutter sei fort, wohin, wüßten sie nicht, zur Polizei oder ins Gefangenhaus oder zum Vorsteher der Gemeinde. Sie hätten es längst geahnt, obwohl er das Sündengeld allein verschlemmt und nichts davon heimgebracht habe; sie hätten ihn stets gehaßt. Aber die Mutter sei blind; sie dulde kein Wort über ihn, nicht als ob sie ihn liehe oder für besser halte als er sei; nur die Unterwürfigkeit und die Treue se» bei ihr zur albemen Leidenschaft geworden. Nun seien sic alle entehrt. Sie wollten lieber gleich in die Fulda springen. Mit Mühe bändigte ich ihr unheimliches Geschrei, als die Tür aufging und die Tante hereintrat. v «Ich war erstaunt, sie so aufrecht und fast unverändert zu sehen; nur noch bleicher war ihr Gesicht; unter die großen braunen Augen hatten sich tiefe blaue Ringe gelegt und ihre Wimpern zuckten fortwährend wie von sichtbaren Pulsschlägen. Ich fiel ihr laut weinend um den Hals; die Mädchen verstummten. „Meine gute Betty!" sagte sie mit ruhiger Stimme, «es ist eine schwere Prüfung von Gott, aber was Gott tut, das ist wohlgetan." „Das hat Gott getan?" schrie die Älteste mit krampfhaftem, herzzerreißendem Lachen. „Die Mutter richtete sich mächtig auf; ihr großer Blick fiel vernichtend aus die Tochter. „Verdammst du ihn", sprach sie, „ehe ihn Misere Saunim verdammen? Jst's ausgemacht, was er getan haben soll? Und hat er's getan, für wen hat er's getan? Um uns besiere Tage zu machen; weil ihn eme wundgenähten Finger gedauert haben, hat er die seinen — ich wills nicht aussprechen. Gott Hab' Erbarmen mit ihm! Aber Wenns die Menschen nicht haben, wenn die andern ihn, Gott soll M'schomer 'Und mazil sein, verdammen und im Stich lasten, ich bin sein Weib und Hab ihm unter der Chuppe Treue geschworen. Kein Wort will ich hören über ihn, oder so wahr ein Gott lebt, ich laß mich einsperren zu ihm in die Kasematten." „Tante Guttraud!" rief ich und mit Tränen der Bewunderung wollte ich ihre Hand fasten, aher sie zog dieselbe zurück. „Was wunderst du dich", sagte sie befremdet, ..als wäre da weiter was dabei? Sind wir Gojim, wo einer ans Ich bin, Gott "»rieben sicht, haschem ist. Red' mit deinem Manne, .Bettyleben. Er ist takif beim Bürgermeister. Beim Parneß bin ich umsonst gervesen; er lagt, sie dürfen sich nicht hineinmischen sie sind froh, wenn man sie nicht hineinmischt, aber der Kommistär vom Ge- ' fanpeichaus, den sie für de , größten Rosche ausgeschriecn haben, hat mich angehört und hat mir erlaubt, daß ich ihm «ine Cup»' bringen darf, io lang er sitzt; so braucht er wenigstenL nicht weises zu esten. Und nun sei mauchel. Betty! J<d will in die Küch, damit er seine Supp« kriegt. ' . So ging sic hinaus. Ich verwies die Mädchen mit Snmem Blick auf die fromme Dulderin. und als »ch amg, ich sie in der dunklen Küche den Topf zusetzen, so sorgig, als bereite sie di« Suppe für ein kranke- Kind. Die Mutter hielt «ine Weile in ihrer Erzählung inne und fuhr dann fort: „Du mußt nicht glauben,?.ind, daß es auö ist; das Schrecklichste, das Herrlichste kommt erst jetzt. „Der Prozeß dauerte wochenlang; da ließ sich nicht» machen gegen die Beweise und das eigen« Geständnis. E» find schli' Dinge da aufgekommen, die böse Menschen gleich verketteten und noch vergrößerten, >so daß sie der armen Frau nicht verheimlicht blieben. Doch alles da» änderte nichts an ihrem Benehmen. Sie trug ihm Tag für Tag das Esten ins Gefangenhaus, erhielt von dem Kommissär sogar die Erlaubnis, ihn zu sehen und in Gegenwart von Zeugen mit ihm zu sprechen. Da sprach sie denn mit ihm, aber nur Worte des Trostes, der Milde, der Begütigung, und hätte auch ohne Gegenwart der Zeugen gewiß nicht anders zu ihm gesprochen. Sonst wich sie nicht von ihrem Hause, empfing keinen Besuch und trug selbst die.Stickereien, die so viel Dränen wie Perlen in sich schlosten, nicht mehr selbst zum Verkaufe. Nur am Abend von Roschhaschonu ging sie wie sonst in die „Schule". Die frommen, geputzten Weiber wichen ihr freilich aus, aber sie bemerkte es nicht .und stand, wie sie immer pflegte, auf ihrer „Stätte", ohne vom Gebetbuch aufzusehen. Nur bei den Owinu-MalkeinuS bei den Worten: „Gedenke, daß wir nur Staub sind!" hob sie den Blick so inbrünstig und durchdringend zum Himmel, als wolle sie die Barmherzigkeit Gottes für alle Staubgeborenen herunter holen. „Kurz nach Sukkos wurde das Urteil gefällt. Die Meisten kamen als „Verführte" mit leichteren Strafen davon; der Rädelsführer wurde zu zehn Jahren in Eisen verurteilt und, mich schauderts jetzt noch, wenn ich es aussprechen soll, zur drei Stunden langen, öffentlichen Ausstellung am Pranger. lSchluß folgt.) Die H-ieolasche.;jy j-^ooü.x Ml jj.j jcjültü I Eine bekannte jüdische Persönlichkeit Berlins stand im Begriffe, sich taufen zu lasten, und wandte sich, schon ganz erfüllt von der Heiligkeit der für den nächsten Tag angesetzten Taufe, an einen christlichen Bekannten mit der Frage: „Sagen Sie mal: Geht man da im Frack oder im Gehrock?" — „Bei uns geht man in Windeln!" war die Antwort. \ * * * Heine über Moses und Israel. Ich hatte Moses früher nicht sonderlich geliebt, wahrscheinlich, weil der hellenische Geist in mir vorwaltend war und ich dem Gesetzgeber der Juden seinen Haß gegen alle Bildlichkeit, gegen die Plastik nicht verzieh. Ich sah nickt, vaß Moses trotz seiner Befeindung der Kunst dennoch selbe: em großer Künstler war und den wahren Künstlergeist bei.ß. Nur war dieser Künstlerzeist bei ihm, wie bei seinen ägyptischen Landsleuten, nur auf das Kolostale und Unverwüstliche gerichtet. Aber nicht wie diese Ägypter formierte er "seine Kunstwerke aus Backstein und Granit, sondern er baute Menschenpyramiden, er meißelte Menschenobelisken, er nahm einen armen Hirtenstamm und schuf daraus ein Volk, das ebenfalls den Ahrhunderten trotzen sollte, ein großes, ewiges, heiliges Volk, ein Volk Gottes, das allen andern Völkern als Muster, ja der ganzen Menschheit als Prototyp gelten konnte: Er schuf Israel! Mit größerem Rechte^ als der römische Dichter darf jener Künstler, der Sohn Amrams und der Hebamme Jochcbed, sich rühmen, ein Monument errichtet zu haben, das alle Bildungen von Erz überdauern wird! Wie über den Werkmeister, Hab' ich auch über daS Werk, die Juden, nie mit hinlänglicher Ehrfurcht gesprochen, und zwar gewiß wieder meines hellenischen Naturells wegen, der judäische Asketismus zuwider war. Mine Vorz