Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 27 (28.11.1919)
- Date
- 1919-11-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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V Erscheint mit Erlaubnis der britischen Militärbehörden. MMMWW I «scheint jeden Freitag. Bezug--: preis: V0 Pf. monatl. Zu beziehen : durch sämtliche Postämter oder« j durch den Botenvrrlag in Bonn.; »»««»««,»»»«»«,»»»» vom Rhein Jüdisches Wolksblatt V ••%>•••••#•••«•••••••••••••••••••••••••••••* : Anzeigenpreis: BO Pf. für Me vtev- : gefp. Petitzrile. Bet Wirderholun. : gm rntfpr. Rabatt. Postscheckkonto: : Botenverlag Bonn, Köln R. 74747.. »»»»»»»»»»»»»«»«»»»»«»»««»««»»«»«»«««»««»**** Herausgegeben von. Rabbiner Dr. dwll Loh», Bonn. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Bonn, Brüdergasse 52. Kummer 27 Aorm» 6. Dezember 1919 — 18 Kislew 6080 1. Jahrgang. ^BBOBBBBBBBBBBC BKMBBIG DDDDODQDBDDDOBBQDOB 8 4 8oai a 8 a DDaaCDBDDaaaDaaBaBBaDBBDBDaaBDBDBBDBB Mochrnadschnitt Das Geheimnis der Nacht. Als nun Jakob allein zurückgeblieben war,' siehe, da rang ein Mann mit ihm bis zum Aufgang der Morgenröte. Als er aber sah,'daß er nichts gegen ihn vermochte, packte er seine Hüfte, und JakobS Hüfte verrenkte sich, da er mit ihm rang. Da sprach er: „Lasse mich los, denn der Morgen kommt!" -Ter aber sprach: »Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!" Sprach jener: „Wie ist dein Name?" Und er sprach: „Jakob". Sprach jener: „So sollst du fürder nicht Jakob, sondern Israel heißen, denn mit Gott und Menschen hast du gerungen und hast obgesiegt!" — Ta fragte Jakob und ' sprach: „Sage mir doch deine» Namen!" Sprach jener: „Warum fragst du mich nach meinem Namen?" und segnete ihn dort. — Und Jakob nannte den Namen dcS Ortes Paniel: „Denn ich sah Gott von Angesicht zu Angesicht und mein Leben ward gerettet." Da ging ihm die Sonne auf, wie er über Paniel hinaus war, und er hinkte an seiner Hüfte. - . v I Mose 32, 26—32. Viel hatte Jakob erlebt und erlitten, seit er den Bruder Esau um des Vaters Segen betrogen. Er hatte das Vaterhaus verlassen und ins Elend der Fremde wandern müssen, hatte zwanzig Jahre fröhnen müssen im Hause des Heuchlers Laban, der die Liebe des Jünglings zur schönen Rahe! ausbeutete zu seinem Nutzen, und schließlich mußte er wieder zum letzten Mittel der Flucht greifen, um nur fort ©einige in Sicherheit zu bringen. In diesen ganzen zwanzig Jahren aber war Jakob nicht ein einziges Mal zum Bewußtsein seiner selbst gekommen, seines Lebens Und seiner Schuld. Dazu mußte erst eine stille Mitternachtsstunde herannahen mit all ihren Schauern und Ängsten. Jakob stand am Ufer eines Stromes, als ihn die Kunde ereilte: Esau kommt l Da brachte er seine Herden, seine Weiber und seinem Kinder über den , Strom, und schließlich war er ganz allein mit sich selbst. Da kam es. In Gestalt eines göttlichen Engels rang sein Leben mit ihm. Die ganze Nacht rang Jakob mit dem Engel seines Lebens, bis er ihn niedergerungen hatte, und der Bezwungene ihn segnen mußte. Und ivenn Jakob aus diesem Kampfe auch hinkend hervorging, die Sonne des neuen Tages ging doch herrlich und sieghaft über ihm auf. — Es ist seltsam und wunderbar, »velch eine Rolle in unserem Leben die tiefe Stille der Mitternacht spielt. Sie birgt in Wahrheit das 'Geheimnis alles menschlichen Lebens: „Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem^ Bette weinend saß, 1 Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!" Aber nicht nur, daß'wir die himmlischen Mächte kennen lernen in den Sorgen der dunklen Hälfte unseres Lebens, wichtiger ist, daß die Stille der Nacht auch das fremde Leben vor unseren Augen verschluckt, und daß selbst diejenigen, die uns die Liebsten sind und die Nächsten, inS Ferne weichen, wenn die Nacht mit ihren Schleiern kommt. Wen kennen wir überhaupt auf dieser Erde? Keiner weiß von keinem das Geringste. Nur eins wisien wir: daß die stille Mitternacht eine stumme Sibylle ist, die den Schlüssel aller Seelen in ewigen Händen trägt. Wahrlich, wenn wir wüßten, was die menschlichen Herzen in einer einzigen Mitternacht an Sorgen, Schuld, Gram und Not hinaushauchen über stumme, zuckende Lippen, wir wüßten gleichzeitig, wie blind und kurzsichtig lvir eigentlich alle sind, und wie wenig wir in Wirklichkeit Anteil haben am Leben, am Denken, an der Seele unseres Nächsten. Und wenn wir ferner denken, was in der stillen Mitternacht unsere eigene ich-,« erlebte, da sie Abrechnung hielt mit sich selbst, so wissen wir auch, daß keiner uns selber kennt, und auch der Allernächste den letzten Schleier unseres MenschseinS nicht zu heben vennag. Das ist die erschütternde Gewißheit. die das Dichterwort atmet: Kann wohl ein Mensch des anderen Ganz, wie er möchte, sein? In banger Nacht bedachte ich's Und mnßte sagen: Nein! Wenn aber keiner keinen kennt, dann darf auch keiner. keines Richter sein. Denn wer kennt die Seele des andern, seine Kämpfe, seine Not mit sich selbst? Wir kennen ja nicht einmal den Geldbeutel des andern, um wie viel weniger den Grad seiner Ehrlichkeit gegen sich selbst. Jeder Mensch hat seine Jakobsnächte, das sollten wir fühlen, bevor wir urteile», bevor wir aber verurteilen, sollen wir an die Geheimnisie der Mitternacht denken, die jedes Leben wie im Nebel wandernd an yns vorüber gleiten läßt: „Keiner kennt den andern — jeder ist allein I" Zumal in solcher Zeit, wie wir sie jetzt erleben, die jedes Menschenleben in mehr als einem Sinne hat brüchig werden lassen. Es ist leicht lamentieren, daß man unter lauter Gaunern. Schwindlern und Betrügern sitze, und daß man selbst nicht ehrlich bleiben könne unter den Ehrlosen des Landes. Aber man^soll doch wisien, daß, so wie es nie Tage gegeben hat, wie wir sie jetzt erleben, auch die Mitternacht heute wildere Geheimnisie. Ängste, Sorgen, Flüche birgt als je. Man denke nur an sich selbst und fein Leben, wie es sich gestaltet hat, oder wie man fürchtet, daß es sich gestalte. Keiner kennt keinen, daß ist der Weisheit Anfang und Ende und darin liegt zuletzt auch eine Genesung, liegt, wenn wir wollen, Zartheit, Rücksicht und die große, alles vergebende Menschenliebe. Denn nicht nur alles verstehen, heißt alles verzeihen, sondern auch anerkennen. daß man nichts wisien kann rom andern, heißt gütig sein zu ihm und diejenige Zartheit des Herzens zeigen, die des Menschen reinster Adel ist und vor allem dös Juden Adel war, von alter Zeit. EinilCyhn. \ I