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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-11-28 · 26 (28.11.1919) · p. [Seite]

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
26 (28.11.1919)
Date
1919-11-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Erscheint mit Erlaubnis der britischen Militärbehörden. Jüdischer tzote vom Rhein r ErschrMt jeden tznttag. Bezug«-r V V : «nzetgenpret«: bOPf. für die bltt. | prrt«: 60 Pf. monatl. Zu beziehen : F } gesp. Petttzrile. Bei Wtrderholun- Z durch sämtliche Postämter oder r ffl » . ,, r g,n entspr. Rabatt. PostschecNoMo: : durch den «otenvrrlag in Bonn.: SuOtCuß^ Xl)0lä6Di(lU : «otmvrrlag Bonn, «bln R. 71747 Herausgegeben von Rabbiner Dr. L»U Loh«, Bonn. SchrifUeitung und Gefchäftssteller Bonn, Brüdergaff« 52. Kummer 26 Aonn» 28. Wovernber ISIS — 6 Kistern 5680 1. Jahrgang. gooooDaaaaaaaaai B Wocheuadschnitt mm. □□□□□□□□□□□□Daaaaaag D a D D a a oaDDaaanaDDaaaoaaaoaDaDDanaiiaaaDDaDDDaiia 8 Lieben Jahre »sie einige Tage.! Da sprach Jakob zu den Hirten: »Seht, der Dkg steht noch l hoch, e» ist noch nicht Zeit, da« Bteh rinzutrrtven. Tränkt | eure Schafe und weidet weiter!* Sprachen fle: »Wir kvnnrn da« nicht, bi« alle Herden beisammen find, dann wälzen wir gemeinsam den Stein vom Brunnen und tränken dir Schafe.* Roch sprach er mit ihnen, da kam Rahek mit den Schafen ihre« Bater«, denn fie war eine Hirtin. Al» Jakob Rahrl, die Tochter Laban« seine» Mutterbruber« sah, trat er herzu und wälzte, er ganz allein, den Stein vom Brunnen und tränkte die Schafe Laban«, seine« Mutterbruder». Und Jakob küßte Rahel und erhob seine Stimme und weinte. 1. Mose »9,4-11. — Und Jakob liebte Rahel und sprach zu Laban: »Ich will dirfieben Jahre um deine jüngere Tochter Rahel dienen!* Da sprach Laban: »Besser, ich gebe fie dir al« einem anderen Manne: Bleibe bet mir!* Da diente Jakob um Rahel sieben Jahre, und sie waren in seinen Augen wie einige Tage, da er sie liebte. 1. Mose »9,18-90. Eine Tat der Liebe, betaut mit den Tränen fassungsloser Ergriffenheit, und ein jahrelanger schwerer Dienst um Liebe willen. Wohl selten ist die Liebe auf den ersten Blick so ergreifend geschildert worden. Das wortlose Geschehen, da Jakob mit Liebeskrast vollbringt, was sonst nur alle Hirten zusammen vermögen, gibt der Darstellung ihre Gewalt; das stumme Schluchzen am Halse Rahels gibt ihr die Süße. Und dann dient er sieben Jahre und fie waren in seinen Augen wie einige Tage, da er sie so liebte. Sieben Jahve wie einige Tage. Diese Worte find wie tfit heiliges Siegel auf Jakobs Liebe. Im Sturme ging ihm die Zeit dahin, ja, so über alle Zeit emporgehoben fühlte sich der minnendc Jüngling, daß er den Begriff der Zeit selbst aus den Augen verlor. Wie einige Tage kam's ihm vor und rvaren doch sieben Jahre. Und was für Jahre: „Am Tage verzehrt mich die Hitze und der Frost hei Nacht und es floh der Schlaf yon meinen Augen." sagte fr später einmal. Er liebte eben, darum arbeitete er, er arbeitete, darum verlor er das Augenmaß für alle Zeitrechnung. Sein Leben stand unter der Hochspannung einer machtvollen und dabei edlen und zielbewußten Leidenschaft» das! allein war es, waS ihn der Zeit entrückte. Die Zeit zu vergessen ist an und für sich noch kein Gewinn. Heut kommt es nur noch in den Büchem vor. daß , zwei sich lieben in so stummer Frohn, wie Jakob die schöne Rahel liebte. Die Liebenden suchen viel lieber all die Süßigkeiten ihres Tages auszukosten und die schwindende Zeit zu halten und zu dehnen:» „Zum Augenblicke möcht' ich sagen: Verweile doch, du bist so schön!" nimmt jeder Liebende auch für sich in Anspruch. Müßte aber jeder erst so frohnen, »vie Jakob frohnte, um ans erste Ziel der Liebe zu gelangen, dann würde er auch begreifen, ein wie großes Glück es unter Umständen sein kann, daß alles so im Fluge vorübereilt. Sieben Jahve wie einige Tage! Ergreift uns, die wir die fünf Jahre des Krieges erlebt haben, nicht ein tiefer Schauer, wenn wir an die rätselvolle Schnelle denken, mit der diese Zeit an uns vorüberbrauste, huschend und tief wie ein Traum, der uns in einer Minute oft eine Ewigkeit von -ijMst. Pein, Seligkeit und Freuden bietet. Auch unser Leben stand in diesem Raume unter dem Hochdruck gewaltiger seelischer Spannungen, die Sorgen des Tages, die Ängste der Mütter, die Leidenschaften der Öffentlichkeit, ja, die ganze Fülle des Erlebten machten die fünf Jahre rückwärts gesehen zu einem einzigen Pendelschlag seltsamer Zeitlosigkeit. Rückwärts gesehen, jawohl. Aber jetzt blicken wir vorwärts und sehen eine düstere Zukunft drohen. Auch diese Zukunft wird einst Vergangenheit sein, aber überwunden muß sie werden. Nehmen wir sie als eine Jakobsfrohn um großer Liebe willen, stellen wir unser Leben unter die treibende Gewalt einer Idee, eines Glaubens, eines erhabenen Ziels. Nur große Gefühle können uns. heute helfen,., die Zeit so zu überwinden, daß sie fliehen muß, sieben Jahre wie ein Tag» vor neuen Zeiten. Möge das Ziel sein, wie cs wolle, mag der Weltbürger den Himmel stürmen nach seinen verbrüdernden Idealen, mag der Patriot eines zerbrochenen Volkes dem Aufbau seines Vaterlandes dienen mit der Leidenschaft, seines blutenden Herzens, mag der Jude der ewigen Liebe des neuerstehendcn Jerusalem dienen, wie Jakob um Rahel diente, eines ist sicher und wird es blcibey: Ohne Frohn im Dienste einer großen Liebe geht es nicht. Ja, ohne Leidenschaft werden die elenden Tage träg und zäh.aneinanderklcben, die Minute wird zu Stunden, die Stunde zu Tagen, di« Tage zu Jahren werden, ustd wir werden alle verkümmern. Wer die Zeit überwinden will, muß sie überfliegen, wer sie überfliegen will, muß «inen Glauben haben über seine Zeit hinaus, einen stürmischen Glauben, der der Zeit selber die Flügel leiht, da ihre eigenen zerbrochen sind. » n Emil Cohn.

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