Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 24 (14.11.1919)
- Date
- 1919-11-14
- Page
- Seite 272 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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272 vielem Scharfsinn den Talmud diskutieren. Aber da war all« nur Formeln und Begriff«; alles für den Scharfsinn und den Verstand, nichts für das Gemüt und das Herz. Der Brisher Rabbiner erlaubte seinen Jüngern nicht, sich mit anderen Dingen als mit dem Talmudstudium zu befassen. Für die chassidische Bewegung hatte er nur Haß und Verachtung, mit der größten Härte verfolgte er alle, di« sich ihr anschlossen; er kämpft« gegen sie mit dem Bann und sonstigen Verfolgungen schonungslos, ohne Erbarmen. Der Chassidismus bedeutete für ihn die Abwendung vom Glauben Israels. Der Jünger Noa wollte daher das Lehrhaus des Brisker Rabbiners verlassen. Aber andererseits, wo konnte er solche scharfsinnige, haarspaltende Vorträge hören? Wie reißt man sich vom Brisker Rabbiner los? Da hatte er einst einen merkwürdigen Traum. Der Brisker Rabbiner sei zu seinem Lieblingsschüler gekommen und habe ihn aufgefordert, ihn zu begleiten. „Komm, du mein liebster Schüler, ich will dich in das Paradies führen." Noa sei seinem Lehrer gefolgt und habe mit ihm einen wundervollen Palast betreten. Diesen durchschritten beide von Saal zu Saal, überall erschien ihnen eine wundervolle Helle, obwohl nirgends ein Fenster zu sehen war. Bon jedem Saal kam ihnen ein anderer, eigenartiger Glanz entgegen, die Wände schienen von Kristall zu sein, die Lichterscheinung blendete das Auge. Sie durchwandelten, diesen Palast, ohne auszuruhen. Noa wurde müde, er sah sich nach einem Stuhl um, aber der Rabbi verstand ihn und bemerkte ihm: „Nur fortwandern, hier gibt es kein Ausruhen, rnan kommt hier immer weiter." Es war kein Mensch zu sehen, ganz einsam durchwandelten sie die lichtvollen Säle. Ein kalter Schweiß bedeckte den Jüngling, dem es mit einem Male so einsam in diesem Palast wurde. Er fühlte in sich ein heißes Sehnen nach Geselligkeit °, er wollte seine Freunde und Bekannten sehen. Der Rabbi erriet wiederum seine geheimsten Gedanken und bemerkte trocken: .Hier ist nur Zutritt für mich und dich. Du sollst dereinst mein Nachfolger als Rabbiner von Brisk werden. Halt dich aber an mir fest,' denn wenn dü mich verlierst, so irrst du dein Leben lang?>erum und kommst niemals zurecht." Ein Schauder eraßte den erschrockenen Jüngling und ängstlich rief er: „O Rabbi, ich will nicht in diesem glanzvollen Palast allein sein; ich sehne mich nach meinen Volksgenossen!" In diesern Augenblick verschwand der Rabbi, und der erschrockene Jünger sah sich allein in dem Labyrinth. Er suchte vergebens nach einem Ausweg, immer tiefer verlor er sich in die Jrrgänge des Palastes. Von den Wänden der durchwanderten Säle wehte ihm eine eisige Kälte entgegen. Und dazu dies« Einsamkeit, diese Verlasienheit! „Ach Gott", weinte er bitterlich, „lieber mit ganz Israel in der Hölle, als da so vereinsamt im Paradies/' Da kam ihm mit einem Male ein jüdischer Fuhrmann entgegen: der war mit einem roten Gurtband umbunden. in der Hand hielt er eine lange Peitsche. Ohne ein Wort zu reden, faßte ihn der Fuhrmann an der Hand und führte ihn ins Freie. Dabei erwachte unser Jüngling. Der Traum hat auf ihn einen starken Eindruck gemacht. In aller Frühe stand er a»lf und eilte ins Lehrhaus; da sah er auf dem Marktplatz eine Fuhre stehen, zum Abfqhren bereit. An der Fuhre stand der jüdische Fuhrmann, mit einem roten Gurtband um die Hüfte unfeiner langen Peitsche in der Hand. Noa erkannte sofort den Mann, eS war derselbe, der ihm im Traum sichtbar geworden war. Er merkte nun, daß der Traum eine große Bedeutung hatte, und so näherte er sich dem Fuhrmann und fragte ihn: „Wohin geht eure Fuhre ab, lieber Freund?" „Geht dich nichts an", lautete die Antwort. „Doch, nehmt mich mit!" Der Fuhrmann sah den Jüngling von Kopf bis au Fuß an und meinte dann ruhia: „Kann «in junger Mensch wie du nicht fürbaß wandern?" „Wohin soll ich wandern?" „Jfft nicht inein« Sache" — lautete die Antwort — „wohin dich die Beine Mren." Noa verstand diese Weisung. Er wandert« Jahre lang herum, das jüdische Volk in den ärmsten und unwisiendstrn Schichten kennen und lieben zu lernen. Nach einigen Jahren ließ er sich in Biala nieder. Um dieselbe Zeit, etwa ein Jahr später, kam ich nach Biala. als Melamed *) in einer reichen Familie, bei dem biederen und braven Jechiel. Er war ein frommer Mann und sehr reich; seine Töchter verheiratete er an tüchtige Gelehrte, und für seine Söhne holte er aus den angesehensten Rabbinerfamilien Lebensgefährtinnen. Einer seiner Söhne, der gelehrte und herzensgute Jonatan, heiratete die Tochter des Brisker Rabbiners. Jechiel war ein einfacher, ungelehrter Mann; sein Herz zog ihn zum Zaddik, bei dem doch jedermann aus dem Volke stets Rat und Belehrung finden konnte. Aber sein Sohn Jonatan, der Eidam des Brisker Rabbiners, spottet« über den Zaddik und die Chasstdim, wollte von all dem nichts wiffen, und der ungelehrte Vater wagte nicht, ihm zu widersprechen. Wenn ich gelegentlich bei Tisch vom Zaddik zu reden anfing, so schaute mich der Sohn halb grimmig und halb spöttisch an, während der Vater, im Herzen unserer Sache zugetan, sich gelangweilt stellte. Eines Tages — die Schwiegertochter Jechiels lag in schweren Kindesnöten. Alle Welt wußte, daß der Brisker Rabbiner dafür hart gestraft worden ist, weil er die Chasfidim mit solcher Gehässigkeit und Härte verfolgte. Zwei Töchter waren ihm bereits in Kindesnöten gestorben. Aber was alle Welt klar und deutlich sah, merkte nicht dieser Mann mit den hellblitzenden Augen. Verblendet von seinem Haß gegen die Chassidim fuhr er fort, zu verfolgen und zu drangsalieren. Und nun befand sich seine Tochter in großer Gefahr. Es tat mir dies sehr weh. Die Tochter des Brisker Rabbiners war eine fromme Seele, gütig und liebevoll gegen alle, für die ärmste Frau hatte sie ein freundliches Wort, für jeden Armen eine Gabe. Und nun soll sie leiden um die Sünden ihres Vaters! Ich fange an, in der Familie Jechiels dahin zu wirken, daß man sich an den Zaddik Rabbi Noa wenden möge. Nur seine Fürbitte, sein Segen kann die Gefahr abwcnden. Aber ich predige tauben Ohren! Jonatan spie aus und ließ mich wie «in Narr stehen. Jechiel selbst wäre wohl meinem guten Rat zugänglicher gewesen — aber wie soll man für die Tochter des Brisker Rabbiners bei dem Zaddik um einen , Segen bitten! Diese „Schmach" werde er niemals verzeihen. Ich versuchte nun mit der Mutter darüber zu sprechen. Der armen Frau standen die Tränen in den Äugen, ihr gequältes Herz zog sich krampfhaft zusanimen. Aber auch sie wagte nicht, ohne Zustimmung ihres Mannes den Zaddik um Hilfe anzurufen l , „Aber was kann es schaden?" bat ich. „Ein paar Zeilen dürfen wir doch an den Zaddik schreiben?" „Nein, ohne Erlaubnis meines Mannes tue ich keinen Schritt." Die Gefahr wurde immer größer. Ich lief angstvoll zum Zaddik und bat um seine Fürsprache. „Gewiß", sagte er, „ich will für sie beten." „Gebet mir. flehte ich, „irgend ein Amulett, etwas Segenbringendes!" „Nein", meinte der Zaddik. „solche Sachen wirken Nur, wo der Glaube da ist, sonst, schaden sie; und dort glauben sie eben nfcht daran." Ich blieb beim Zaddik in der Hoffnung, etwas von ihm zu erlangen, wenn die Gefahr am höchsten sein wird. Und die Gefahr stieg auch. Ich hörte, daß man in der Familie verzweifelt ist. Um Gottes Erbarme» zu erlangen, werden große Summen Geldes an die Armen verteilt. „Rabbi", sprach ich zum Zaddik. „sollte all dies ganz wertlos sein?" „Na. vielleicht kommt der Brisker Rabbiner selbst", erwiderte der Zaddik, desien Antwort ich aber nicht verstand. 8) Hauslehrer. V