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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-10-03 · 18 (3.10.1919) · p. Seite 200

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
18 (3.10.1919)
Date
1919-10-03
Page
Seite 200 (sequence 6)
Language
German
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.v * — 800 — trat eine seltsame Änderung mü ^em alten Manne rin. Die Hände fest auf das Geländer gepreßt, hatte er sich zur Hälfte erhoben und-horchte mit einem Ausdruck seines Antlitzes auf die mächtig einherbrausenden Klänge, der die höchste Spannung seiner Seele verriet. Ter Vorhang war in die Höhe gegangen. .Als der erste Akt vorüber war. hatte sich der beiden eine eigentümliche Befremdung bemächtigt. Wo war die „Valentine" geblieben? Wohl hatten sie im Hintergründe der Bühne eine verschleierte Dame gesehen, bei deren Anblick die zu einem Festgelage versammelten Ritter in das höchste Entzücken, namentlich der eine unter ihnen, ein unger Edelmann, gerieten. Aber kaum gekommen, war ie wieder verschwunden. Warum ging sie so schnell? Als rer Vorhang wieder gefallen war, saß der aste Vorbeter wieder stumm und gleichgiltig da. Tie Wogen des herrlichen Gesanges waren unverstanden an seiner Seele vorübertzerauscht. Der zweite Akt war gekommen. Margarete von Valois, Königin von Navarra, ist allein in ihrem Garten und fingt ein Lied, das die überwältigende Macht der alles beherrschenden Liebe zum Gegenst<mde hat. Ta naht sich Valentine. Eine schlanke feine Gestalt beugt sich demütig und doch wieder so vornehm; in dem Saale ist es still, daß man fast den Atemzug David Brods belauschen konnte! Dann aber klatschten Hunderte von Händen, und es währte eine geraume'Zeit, bis die Sängerin beginnen komtte. Jetzt trat sie näher und immer näher; ein bleiches, von tiefdunkeln Haaren eingefaßtes Gesicht trat immer deutlscher hervor . . . Waren es bekannte Züge? Drang aus den wenigen Worten, die'sie nun sang, ein verwandter Ton? Eine feuchtkalte, zitternde Hand legte sich auf Feiwelmanns Arm. „Soll s i e das sein?" flüsterte er ihm zu. ' „Ich kenne sie nicht, David!" kam es in demselben Tone zurück. , „Lebendiger Gott! Wenn sie es doch nicht wäre!" 'Von nun an während der ganzen Handlung vernahm Feiwelmann nichts, noch sah er. was da unt^n auf der Bühne vorging; seine Seele war wie festgebannt von der vorwurfsvollen Klage, die er jetzt zu wiederholten Malen aus dem Munde des alten Mannes hörte; vom Herzen herauf quoü ihm ein bitteres Gefühl, das ihn mit namenloser Qual erfüllte: „Wenn sie es nun doch nicht wäre!" Sie war es auch nicht; vier scharf blickende Augen lagen auf der feinen Gestalt der Sängerin, verglichen jeden Zug ihres Antlitzes mit der Vergangenheit ... das vierzehnjährige Kind von damals, die Ella der Laubhütte, wollte ihnen nicht entgegentreten ... All das änderte sich aber wie mit einem Zauberworte, als im dritten Akte die große Szene zwischen dem protestantischen Marcell und der katholischen Valentine vorfällt. Es ist Nacht; stumm brütet überall die Gefahr, die den Geliebten des Mädchens von allen Seiten mit mörderischen Netzen umfängt. Sie ist gekommen, ihn zu warnen. Ter alte, argwöhnische Kriegskgecht fragt sie um die Losung und aus ihrem Munde dringt leise, verschämt, wie das Aufblühen einer Lilie das Wort: Raoul! Wunderbar ist die Wirkung dieses einzigen, fast gehauchten und dennoch an die tiefsten Gehcimnisie des Gemütes anklingenden Wortes — im Saale fühlt es jeder: hier, hat ein gottbegnadetes Mädchen in der Weihe seiner Kunst das Höchste ausgesprochen. Nun teilt Valentine dem alten Kriegsknechte mit. welche Gefahr feinem jungen Herrn droht, wie er ihn retten könne, und er fragt: „Wer bist du?" „Wer bist du?" wiederholt es sich auch oben im Zuhörerraume in den Herzen der beiden Männer. „Ein Mädchen". singt sie, „das ihn liebt" ... Und' in klagenden, aus tiefster Leidenschaft allmählich, aber stets siegreicher hervorbrechenden Tönen, voll keuschen, ungeahnten Duftes entringt sich ihrer Brust das Geständnis, wie es inniger und schöner noch niemals ik Tönen wiedergegcben wurde. Marcell legt die Hand segnend auf ihren Kopf v „Sieh, sieh hin. wie sie sich „benschen" läßt", flüsterte der alte Vorbeter. „Wenn sie es doch wäre I" „Sie muß ja wisien, wie ein Vater sein Kind segnet? . . . Hast du gesehen, wie sie ihren Kopf vorgebeugt hat?" Tie in ihrer Nähe saßen, riefen ihnen Stille zu. David Brod erschrak. Hatte er das Kind erkannt? Er wüßte es selbst micht; seine Pulse hämmertem seine Augen brannten in wndem Feuer; seine Lippen dürsteten! Er fühlte sich der Auflösung nahe und kann doch nicht sterben. Jetzt dänimert ihm die Ahnung der Gewißheit auf; dann, im nächsten Augenblicke ist sie zwischen graue Nebel eingesunken und verloren. Feiwelmann aber schweigt; er ist in der Gewalt einer namenlosen Qual. Ter vierte Aktchat begonnen. Valentine ist allxin^nn Dunkel der Nacht kommt Raoul zu ihr; doch nicht lange, und es treten die Verschworenen herein, die ihre Schwerter für den heimlich gespoitnencn Mord weihen wollen. Ein Gesang hebt an, der an die dunkelsten Mächte menschlicher Leidenschaft sich Achtet, ein Auftuhr fesiellos' entlaflener Kräfte. dem das segnende Wort von Priestern die Weihe 'geben soll. Als die Verschwörer sich entfernt haben, tritt Raoul aus seinem sichern Verstecke hervor. „Wo tvillst du hin?" ftagt Valentine., Er aber will in den Kampf, den gezückten Schwertern der Feinde entgegen, will mit seinen Brüdern sterben und fallen. „Geh nicht von hier", fleht Valentine, „draußen wartet dein der sichere Tod", und als er dennoch darauf besteht, da entringt sich ihr jenes berühmte: „Höre, höre mich, bleib. Raoul. denn der Streich, der dich trifft, Mfft auch mich ... ich liebe dich!" Es klingt und singt in dieser Melodie etwas, das voll eigentümlichen, .fast befremdenden Eitidruckes das Gemüt des Zuhörers ergreift. Wer hat diese Melodie gedichtet? Als Jakob Meperbeer sie schrieb, stand hinter ihm eine Gestalt von unsagbarer Wehmut jn dem blaffen Antlitze, mit verweinten Augen, die längst keine Tränen mehr hatten — die Erinnerung an einen SiMgogcngcsang seines eigenen Volkes! Sie ivar nicht eher von ihm gewichen, bis er sie angehört, bis er sie in die feinsten Gänge seines Gehörs aufgenoinmen hatte. Sie blieb bei ihm, wenn er sie entfernen wollte, und schmeichelte so lange, bis sie aufgegangen war in seiner Seele als das Saatkorn einer künftigen Blüte! Tann erst ivich sie von ihm, hüllte sich in ihre Schleier und verschwand leis«, wie sie gekommen war — die Erinnerung an sein eigenes Volk! ' Darum ergriff sie auch die beiden Männer mit einer Gewalt, von der sie sich keine Rechenschaft zu geben wußten. Auch vor ihnen tauchte die blaffe Gestalt mit den verweintei^Augen auf; nur daß sie sie deutlicher erkannten ... Dreimal mußte die Sängerin diese süßbestrickende Melodie vortragen- Als sie zum dritten Mal sie geendigt hatte, mitten in dem Aufruhr des Beifalls, der das ganze Haus ergriffen, rief s^avid Brod seinem Gefährten zu: „Jetzt Hab' ich sic erkannt! Sie ift's!^ Niemand sonst hatte den Aufschrei dieses Vaters vernommen. Er hatte verstanden, warum die Sängerin diese Melodie so und nicht anders sang, woher dieser Liebreiz, diese eigentümliche Klangfülle, dieses namenlose Klagen eines wunden, opferfreudigen Herzens stammte. Als sie endlich mit einem Aufschrei, der aus einer andern Welt zu kommen schien, ohnntächtig zn Boden fällt, als Raoul, ihren Bitten trotzend, seinen Brüdern zu Hilfe eilt, da vermochtechas schwache Gefäß nicht mehr den übervollen Inhalt zu fassen. Duftende Kränze flogen der Sängerin zu; oben aber im letzten Stockiverke des Hauses rief eine gebrochene Stimme: . „Führ mich hinaus, Feiwelmann, ich ersticke; führ mich hinaus!" ., Als die beiden Männer aus der Welt des Scheines und der künstlichen Blendung wieder in die kühle Pachfluft traten, erholte sich der alte Mann zwar bald, aber der Sturm, der ihn erfaßt hatte, war zu gcwaftig gewesen, als daß er nicht seine innerste Lebenskraft zu Boden geworfen hätte. Sie waren, ohne es zu wiffen, aus der Nähe des

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