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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-09-19 · 17 (19.9.1919) · p. Seite 188

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
17 (19.9.1919)
Date
1919-09-19
Page
Seite 188 (sequence 6)
Language
German
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wunden Baume versetzt! Erst jetzt ward er über den merkwürdigen „Leichtsinn'' sich klar, der ihn verleitet hatte, einem Lügner, svie Gottlieb Weißfisch, der verdorbene Student, Glauben zu schenken. Welch ein böser Geist hatte ihn in seiner Macht gehabt? Weil sie Jsabella Brodini hieß, mußte sie die Tochter David Brods sein? Feiwelmann schlich sich zur Kammer hinaus, wo der Borbeter in ruhigem Schlummer lag; er wurde der einmal aufgestachelten Unruhe seines Gemütes nicht los. Aus seiner ersten Jugend kannte er noch das Straßengewimmel Prags; ohne cs zu merken, war er mitten hineingekommen, aber wohin er immer trat, überallhin schwirrte und gleitete ihm der Ruf seines Gewisiens und die Hrage des Vorbeters * nach: „Wenn sie es nust doch nicht wäre?" An einer Straßenecke standen einige Menschen, die den dort aufgeklebten Theaterzettel lasen; Feiwelmann drängte sich unter sie. Wie ihn die schwarzen Buchstaben, die den Namen Jsabella Brodini weithin leserlich verkündeten, mit zauberhafter Gewalt bannten, wie seine Augen immer wieder dahin zurückkehrten! Das-sollte der Name des Kindes sein, das ihm und David Brod bei ihren Gesängen für die Synagoge als „Fistel" zugehalten hatte! Das sollte Ella sein, die ihm verboten hatte, die Hand während des Singens an die Backe zu stemmen? Lebendiger Gott, sie kann das nicht sein! Er hatte sich, er hatte den alten Vater betrogen! Dann fielen seine Blicke unwillkürlich auf den Namen des Komponisten der „Hugenotten";- er las Giacomo Meyerbeer. „Meyerbeer!" sprach es in ihm. „Wer ist Meyerbeer? Klingt das nicht so. als ob er zu uns gehörte, als ob er Fleisch von unserem Fleische und Blut von unserem Blute wäre?" Feiwelmanns Herz begann laut zu pochen, seine Augen zu leuchten: seine Seele hob sich aus den tiefsten Abgründen der Verztveiflung zu der Höhe eines wunderbaren Gedankens. „Wenn er der große Künstler ist und sein Vater hat ihn doch Meyerbeer genannt, warum soll das Kind nicht auch eine große Künstlerin geworden sein, wenn es auch David Brods Tochter ist?" Dann drängte sich ihm ein anderer Gedanke siegreich auf. „Wäre das nicht eine wunderbare Schickung, daß sie gerade heute, wo David Bröd und ich in Prag sind, in einer Oper auftritt, die einerHemacht hat, der Meyerbeer heißt? Warum soll ich denn nicht daran glauben, daß ihr das ein guter Geist zugeraunt hat, der vielleicht im Traume zu ihr gekommen ist und ihr gesagt hat: Dein Vater und Feiwelmann, der Baß, sind hier?'' So in Sinnen und Gedanken, die ihn bald lachend umgaukelten, bald wieder traurig anmuteten, war der Baß in eine große, prachtvolle Straße getreten. In der Mitte dieser Straße stand ein dreistöckiges, weitläufiges Gebäude, das sich schon aus der Ferne als ein Gasthof ersten Ranges kundgab. Wagen fuhren vor und fuhren ab, und in der Vorhalle stand ein Mann mit einem breiten, schwergestickten Bande über Brust und Schultern, der ein mit-einem glänzenden Knopfe versehenes spanisches Rohr in der Hand hielt und den Hut demütig abzog vor jedem ab- und zufahnenden Wagen. Zwei junge Männer kamen aus dem Hause. „Sie spricht vortrefflich deutsch", hörte er den einen sagen, „so italienisch auch ihr Name klingen mag." „Und", sagte der andere, „hast du ihre Physiognomie genau beobachtet? Mich gemabnt etwas in ihrem Antlitze, -was ich nur in den schönen Mädchengesichtern der „breiten" oder „goldenen Gasic" zu finden gewohnt bin." „Du glaubst doch nicht auch an das alberne Märchen —?" „Daß sie eines jüdischen Vorbeters Tochter ist? Nun, mein Freund, ich bin versucht, es als kein Märchen zu betrachten." ' Die jungen Männer entfemten sich, Feiwelmann war i vor dem großen Hause stehen geblieben. Schwindel hatte Hihn ergriffen, wie im Wirbeltanze drehte und wogte alles um ihn herum. Sie wohnte also hier, und er, Feiwelmann Baß, stand unter-ihren Fenstern, und David Brod schlief in seinem dunklen Kämmerchen den Schlaf der Mü- - den, und eine Stadt umfing sie alle drei! Gott der Allmächtige sei gepriesen dafür! Ein Wagen fuhr pfeilschnell zum Hause hinaus; eine Dame saß darin. Ter Mann in der Vorhalle, mit dem riesigen Stocke in der Hand, sprang rasch zur Seite und grüßte demütig mit abgezogenem Hute. ' Feiwelmann näherte sich schüchtern dem Manne. „Wer war die Dame, in dem Wagen?" -fragte er im Tone der tiefsten Unterwürfigkeit. Ter Mann sah verwundert auf den seltsamen Frager-. „Das war Fräulein Brodini, die berühmte Sängerin. -!»die hier bei uns wohnt", belehrte ihn gnädig der Mann j und wandte sich von ihm ab. - 1 Schon war Feitvelmann nahe daran, sich dem Manne zu entdecken und ihn zu bitten, wenn die berühmte Sängerin wieder nach Hause käme, ihr nur einfach zu sagen Feiwelmann, der Baß, wäre dagetvesen. Auch das treuherzige Gemüt des „Baß" konnte der Versuchung des Stolzes nicht entgehen. Wie mußte seine Persönlichheit in den Augen des unfreundlichen Mannes im Werte steigen, der ihn kaum einer Antwort würdigte! Zum Glücke kehrte ihm die ruhige Besinnung alsbald zurück. „Nein, nein!" beschwichtigte er sich selbst; „jetzt nicht. Sic könnte erschrecken und das würde ihr beim Singen Schaden bringen. Ich kenne so etwas an mir, und wie könnte ich das vor mir und meinem Gewissen verantwor-! tcn? Ich stelle mir vor, so ein Mensch, der in der Kunst lebt, dem hat Gott eine ganz andere Natürlichkeit gegeben wie etwa eineni Bauer, der den ganzen Tag auf dem Felde steht und pflügt und säet und erntet; aber so eine Valentine Hr Meyerbcers Oper, so eine Jsabella Brodini kann vom leisesten Luftzuge einen Nachteil haben. Soll ich der Luftzug sein? lind daß man mir dann vorwirft. Feitvelmann, der Baß, hats verschuldet?"! _ Mit einem zufriedenen Lächeln, das die gesamte Breite i seines Antlitzes sonnig beleuchtete, trat er wieder den Rückweg an, uachdeiil er zuvor das -Haus, worin der „Karfunkel" wohnte, seinem Gedächtnisse eingeprägt hatte. Er fand den alten Vorbeter noch immer schlafend. Um ihn nicht zu stören, setzte sich Feitvelmann ohne Geräusch hin und bewachte den Schlumnier des alten Mannes. Wie ruhig, wie teilnahmslos der alte Mann dalag! Wie gleichmäßig seine Atemzüge gingen! Wunderbar verjüngt sah i der alte Mann in seinem Schlummer aus. Das war wiej der der David Brod, desien Kind noch in einer Laubhütte saß und dabei Synagogenmelodien vor sich hinsang; das war wieder der Vorbeter der Gemeinde, desien Stolz und Lebensfreude darin bestand, tvenn die Leute an einem Feiertage nach dem Gottesdienste ihm nachrühmten: Heute hat David Brod sich selbst übertroffen. Und doch fuhr heute sein Kind in einem prächtigen Wagen, wohnte im. ersten Gasthofe Prags und >var die berühmte Sängerin Jsabella Brodini! ' . (B»vt(ft)ung tilgt.) k Die Hotkiltusche. \ . . . Dar Volk (der Hebräers ist verächtlich, wenn es auszieht mit Spießen und Schwertern, die Waffen sind eitel Spieltverk in seiner Hand, das sein eigener Gott zerbricht, denn er will nicht, daß es kämpfen und sich beflecken soll, er allein will seine Feinde vernichten; aber furchtbar ist dies Volk, wenn cs sich demütigt vor seinem Gott» wie er es verlangt, wenn es sich auf die Knie wirft und sich das Haupt mit Asche bestreut, wenn cs Wehklagen ausstoßt und sich selbst verflucht; dann ist cs, als ob die Welt eine andere, wird, als ob die Natur.ihre eigenen Gesetze verglßt, das Unmögliche wird wirklich; das Meer teilt sich glso, daß die Gewäsicr fest auf beiden Seiten stehen wie Mauern,

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