Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 17 (19.9.1919)
- Date
- 1919-09-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint mit Erlaubnis der britischen Militärbehörden. Cer „Bote" erscheint jeden Freitag; AkjUgSpreis: öv Pf. »icnatNch Red,ktivnSschlub: Montag abend Postscheckkonto Köln Nr. 74747. vom Rhein : jlnzelacnvreiö: :t5 Pf. dir v'er- : ne'v. PrtU^eite - Kl. An'.esg. boPf.; Bei Äsiederbvt. entspr s>^ b. - An- : zeigcnaniiahme b'b Montag mittag Jüdisches Hlollrsblntt k)rrausgegebrn von R«bbincr Or. Emil TohN, Bonikr öchriftleilunz und Geschäftsstelle: Voini, Tcmpelstraße s2. 1. Jahrgang Kummer 17 Äon ns 25. Leptembev 1919 — 1 Gij'chri 5080 . Inhnll: Zur geiälligen Beachtiwg! — Neujabr 5>:80: Wacht ans! von, lfm» Labn. — Wochenschau. — k-87S v->n l^cvrg Landauer. — Bon Berg und Tal. — Der Karfunkel von L. Äompen. — Die Bot Masche. — Blieslahe». — Der Bereinklmie. — Kalender der Woche »sw. \ Zur gesälNgkn Kkcrchinng! Mit dem 1. Oktober 1919 beginnt rin neues Vierteljahr. Wir bitten unsere geehrten Abonnen'en um baldigste Enieucrung des Abonnements, bamit , in der Lieferung keine Stockung eintritt. Das Abonnement für das letzte Vierteljahr 1919 in Höhe von M. 1.65 rinlchl. l5 Pf. Bestellgeld bitten wir uns auf unser Postscheckkonto Köln - Nr. 7474? Botenverlag Bonn einzuzahlen. Die 6ml)äft$$ttlle. fMMI r r * s l. J Neujahr 5680 Wacht auf! Wisse, vor >vem du stehst! Perek. Mit kreischenden Angeln Offnen sich uns die Tore eines neuen Jahres. Wenn sonst der^Jude, ehe er die Schivelle des neuen überschritt, die erste Stirn noch einmal lvandte,. um das alte in strengem Sclbstgerichte zu überschauen, zittert heute sein jüdisches Herz, und sein Auge blickt nicht vornoch rückwärts, sondern unter sich. Mein Gott, lvelche Last liegt auf der Welt! Was soll man für einen Wunsch sagen? "Man weih es nicht. Was soll man hoffen? Man wagt es gar nicht. Was fürchten? Man zittert, es auszusprechen. Die Wasser Noahs steigen. Wir krochen zuerst aufs Dach, nun sind wir schon auf den Bergen angelangt, wo die letzten Lcbensmöglichkeiten winkten. und von da oben sehen wir die schlvarze Flur der Zeit, die uns gurgelnd^ -nachkriecht, die steigt und steigt und uns ans Leben will — düster, grauenvoll und unentrinnbar. Eine wilde Panik hat sich aller Menschen bemächtigt. Nur Geld, Geld, Geld! stöhnt cs in der Runde und alle sind sie auf-der Jagd. Da stürzt einer — hinlvcg über ihn! Da stolpert einer — geht ihm noch einen Stoß, er hält uns auf! Geld, Geld, Geld! Dabei weiß man, daß das Geld nicht mehr rollt, sondern fliegt. Papier! Also »vertlos. und morgtn noch wertloser als heute. Tie Jagd wird immer wilder. Die Menschen machen verbotene Geschäfte, die mit einem Schlage reich machen. Ein Telefongespräch, Tausende sind verdient. Eine von treulosen, -durch Geld'verdorbenen Eisenbahnern falsch gestellte Weiche, und ein Vermögen ist gemacht. Ein Verinögen? Es ist ja kein Verniögen. Verinögen, Reichtum, Tausende sind ja nichts als alte, abgebrauchte, lächerlich gewordene Worte. Begriffe, die nicht mehr gelten! Längst überlebte Vorurteile! Wenn man vor zehn Jahren sagte: „Eine Million!" so war das >vas, so hatte das einen Klang! Wenn man's heute sagt, .so klingt's wie ein einzelner Heller in einer Sparbüchse: Großer Lärm und nichts drin! Denn reich ist nicht mehr rcick), und 05clb nicht Geld, wir sind alle nur betrogene Betrüger. „ ' Aber man kriegt doch noch was dafür. Also kaufen! Eine neue Panik, ein »«Per Betrug! Aus Papier >verden Güter. Häuser, Grundstücke, Perlenketten, Gemälde, Perser, Gold- und Silbörsache», Pferde, Wagen, Möbel gemacht. Die einen gebens weg. weil sie Nahrung brauchen, oder der Wahnwitz sie beseelt, daß sie mit 5 Kilo Papier ein Vermögen haben, — die alten Begriffe foppen sic —, und die andern erwcrbens, weil kein Papier, weil's greifbar, wertvoll und kostbar ist oder als Grund und' Boden nicht fortgetragen »verden kann. Daß sie aber selbst einmal fortgclrageir werden könnten von ihren Gütern, Grundstücken oder Teppichen, daran denken sie fürs erste iroch nicht. Das heißt, ganz leise denken sie doch schon daran und eine neuer Tanmel l>efällt sie: Sie prassen! Sie prassen! Was »vir verpraßt haben, das kann uits keiner mehr nehmen. Das ist genossen, das ist genoinincn, das ist das Leben und das die Welt! Dieser Taumel ist der schrecklichste. Hinter jedem Klubsessel steht die Angst, abgebe»» zu müssen. Das ist keine Lebensfreude, kein Hochgefühl, keine Lebenslust mehr, das ist nichts als das Brüllen raubender Soldateska, die in einen Weinkeller eingebrochcn ist. Sie liegen alle n>it dem Maule am Spundloch des heiligen Lebe»: — Web über diele Welt! . Juden, »rächt auf! Wackit ihr als die ersten auf, und »weckt die Welt! Hört die Stimme des Schosars, den »nark- Dtlnhdringenden Schrei des Widderhornek, in dem der Schrei Gottes nach seinen arnieirj verirrlen Menschenkindern gellt: Wisse, vor »rem du stehst! Komm zur Selbstbesinnung. denn du hast dich selbst verloren! Schieber, armer Tor, las; die Waggons in Frieden, sie helfen dir nichts! Hör' auf zu kaufen, wahnwitziger Käufer, es bleibt dir nichts! Armer Prasser, was jagst du dir ein Verinögen durch den Leib, Genuß hast du doch nicht davon! Einsist das Bleibende: Tein Frieden, Mensch! Ten kann kein Geld dir geben, so»»dcrn nur dein Gewissen, wofern cs bereit ist, seine Verantwortungen zu tragen. Wisie, vor »mit du stehst, so wirst du wissen, »vas du darfst und »vas du mußt. Und so »vird der Frieden über dich koinmen, der