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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-08-29 · 14 (29.8.1919) · p. [Seite]

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
14 (29.8.1919)
Date
1919-08-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ArBchelht mit Brlaubnis der britischen Militärbehörden. i »tt „Bote« erscheint jtfctn Krrttag | »t|ugept«l«: 60 Pf. monatlich : Sedakttonlschtutz: Montag abend : Postscheckkonto »6»n Rr. 74747. sllr die KKemiktben vom Rhein Milcher voikbiatt : «nzrtqrnpret«: Sb Pf. die toter« | grfp Pktitzetle - 1N.Anieig.b0Pf. : Bei Wiederhol, »ntspr. Rat. - An- : zeigenannahme bi« Montag mittag Lande, Bonner Gemeindeblatt. für das Rbeintal, Siegtal, Hbrtal ufw. heraus-egeben von Rabbiner Dr. E»st Loh», Bonn. Lchriftleitung und Versand: Bonn, TempelstraH« f2. * Kummer 14' i ZSonn, 5. September 1919 — 10 Klirrt' 5679 1. Ztchrg«-. _ » ^14)1 weggrguckt! toon Emil Sohn. — Wochenschau. — Bom Leben der Juden in Japan. — Der Shaffidilmu« von ivr. S. Waldberg. — Boa Berg und Tai. — Der Sfarfuntcl von L. Kompert. — Au« der Botentasche gefalleu. — PriMrütsel. — Der Berein«botr. — Lalendrr der Woche usw. Freunde des Boten, werbt WschenabschnM nun , Mtbl weggeguckt i _ Du darfst nicht sehen, wie der Esel . - ' »eines Bruders oder sein OchS auf dem Wege fallen und dich blind stellen dabei. Aufhelsen sollst du ihnen mit ihm. ü. Mose 22. 4. Da» heißt, sehen darf ich's schon, aber ich darf.nicht jo tun, als sähe ich's nicht. Das ist die Sünde. Dieses ernste Gesetz "begründet ganz einfach die Verantwortlichkeit des menschlichen Auges, oder treffender die Verantwortlichkeit des Herzens für das, was das Auge sieht. Da sitzt ein Krüppel am Wege. Beide Beine ab. Er dreht die Leier: „Was ich bi» und was ich habe. Dank ich dir, mein Vaterland!" Du gehst vorüber und willst ihm nichts geben. Nicht aus Bosheit, beileibe, sondern weil du's eilig hast. Du hast ihn von fern schon gesehen, jetzt schaust du weg. Erstens, weil dein Geloisten knurrt: „Ich müßte eigentlich —". Zweitens. damit er nicht sieht, daß du siebst. Denn wenn du säh'st, daß er das sicht, dann Ivürde dein liebes Gewissen noch knurriger werden, dos fühlst du wohl. Also immer drauf los mit dem Auge! Schau dir den Krüppel nur ruhig an, von oben bis pnten! Und dann geh weiter!? — O nein, so wars nicht gemeint. Sondern tritt an ihn heran, hilf ihm! Vor dem Unglück und der Armut Maulaffen feil halten, das trau' ich einem Juden überhalrpt nicht zu. Deni gegenüber ist selbst das Weggucken, das schlimme Weggucken, noch was wert. Weil es eben davon zeugt, daß ein Gewisien da ist. Und das ist eben die Sache: Das Auge ist ein Barometer des Gewisiens, ja noch bester kann nlan es mit dem feinen Seismographen vergleichen, der fernste, allerfernste Erdstößemit Genauigfeit verzeichnet. So wirken auf den feinen Apparat des Auges die unterirdischen Vorgänge des menschlichen Gewissens, und wenn man sein Leben, sein SchttxMen, seine Erschütterungen nicht am Auge erkennt, an etwas anderem erkennt man sie sicher nicht. Hüte dein Auge, du bist verantwortlich für die Klarlseit seines. Spiegels. Mit dein Augenblicke, wo du das Elend sahst, gilt nicht mehr die Ausrede: „Ich hörte nichts, nmn hat mir nichts gesagt!" Willst du dir erst am Herzen. dem Boten neue Freunde!! eine Nachtschelle anbringen lvie der Doktor? Den ruft! man, dich nicht. Dein Auge sei deine Nachtschelle. Dein! ganzes Leben lang ist es ein Zeuge, zwar stumm und hat! auch feine Hand, um schriftlich zu geben, was es nicht aus-! jagen kann. Daher ein leicht zu verleugnender und leider j Gottes auch nur zu oft verlcugneter Zeuge. Du bist Jude.! Deine Augen sahen Jahrtausende, sahen also vieles Elend, > daneben auch Größe und Ewigkeit. Verleugne dein Auge j nicht und denke daran, daß Nichtsehen und Weggucken zweierlei ist: Wer wegguckt, hat schon gesehen!! Verleugne dein Auge nicht, sonst kommt es doch ein«! mal dahin, daß dein Auge dich verleugnet. Wer oft weg- I guckt, sich blind stellt, die Augen schließt, besten Blick wird j ihn schließlich verraten, weil er unruhig und flackernd wird I und niemandem mehr grad und ftisch ins Antlitz schauen kann. Gib mir sein Auge, so gibst du mir den Menschen. Das ist sicherlich wahr. Darum, mein Lieber. — nicht lveggeguckt l Es kann aber auch heißen: Weggeguckt! Da hinten konimt ein Mädchen. Du hast gute Augen und siehst, daß die eine Seite ihres Gesichtes von schtverer Blatter schrecklich entstellt ist. Schau fort und geh vorüber, damit sie nicht sehe, daß man sieht, wie häßlich sie ist. So kann das Wegschaun auch zur Menschenliebe werden, ja. man kann auch sittlichen Schwächen gegenüber „ein Auge zudrücken" oder „Nachsicht" üben.' Diese Nachsicht aber hat nichts mehr mit dem menschlichen Gewisten zu tun, sie ist nicht eine Auseinandersetzung mit dir selbst, kein Kampf des Guten und Bösen in dir, sondern eine milde und ruhige Auseinandersetzung mit der Welt. E m i l C o h n. Mocbenscbau. Tatsachen und Ergebniste. •; ■U'Df,: jrv-:!j;nn > 'j:aoQr!orjr3 i ranr-i" nrjn.iri: Tina' f .norji " : ’vni'j*.' 1'I Deutschland. Duisburg. Auch hier find die Zettelverteiler am Werk. An der einen Ecke steht zu lesen: „Der eigentliche Gott der Juden ist das Geld oder das .goldene Kalb'", an einer anderen wird unverhüllt zunt Pogrom aufgerusen.

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