Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 12 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Erscheint mit Erlaubnis dar britischen Militärbehö | erscheint Jfktn Freitag t TeiugSprei«: b0 Pf. monatttch! KrdakttonSschluß: vkantag abend r PoftscheSoato «ln Rr. 74747. WM.MM»» MMMM—MMMMMM«HMMM> vom Rhein MMIMIMI«MMMMMMM«MMM«tMHMM Anzeigenpreis: 88 Pf. di» vier»! grsp.Petttjeilr - Kl. »nzrig. 80Pf. | Bet Wiederhol, entspr. Rad. - An» | zeigmannahme btS Montag mittag | «M>Mt»»M»IIMIMMMi ZSdijches voUrblatt für die ftbeinifcben Lande, Bonner 6emeindeblatt für das Rbeintal, Siegtal, Hbrtal ufw. Hercmsgegeben von Aübbiner Or. E»ü Tsh», Äonn. öchriftleitung und Versand: Vonn, Tempelstraße {2. JUmmrr 12 Norm, 22. August ISIS — 26 An» 6679 1. IahrgtMg. Inhalt: Unmaß und Unnatur von (JmU Lohn. — Wochenschau. — Jüdisch« Gegenwartsfragen von Georg Landauer. — Uber Stellung und Grenzen des jüdischen Religionsunterrichtes von Gmtl Cohn. — Bon Berg und Tal. —Der Bonner Gemrindebot«. — Der «rfunkel von L. Kimpett. — Nrbo. — LuS der Botentafchr gefallen. — Scherzrätsel. — Der BereinSbote ufw. ' Freunde des Boten, werbt dem Boten neue Freunde! > . _ nen. . Xnmaß und Unnatur. . Kinder seid ihr dem Lwigen, eure« Gott«. Ihr sollt euch nicht zerfleischen und nicht zwischen den Augen scheren um eines Toten willen. Denn ein heilige» Bolk bist du dem Lwigen, ' deine« Lotte, und dich hat der Lwige erwählt, daß du doS Bolk seines Eigentum seist auS allen Bblkern, welche auf der Oberfläche der Erde find. 5. Mose 14, 1—L Tuch diewar kanaanitischer Brauch: Wenn ihre Toten auf der Bahre lagen, dann rasten sie. gegen sich selber, schnit-' ten sich mit Mesiern, daß ihnen das Blut herunterlief, wie eS noch später zu Elias' Zeiten die'Baalspfaffen am Karmel taten, als sie ihren Gott zwingen wollten, Feuer zu senden. Folgte aber der ersten Raserei des Schmerzes der Trauer düsteres Verstummen, dann schoren sie sich die Augenbrauen dem Toten zur Genüge, zum Beweise dem Schmerz. Es ist bedeutsam, daß der Gesetzgeber die Heiligkeit des auserwählttn Volkes anries, als er vor solchem Brauche warnte. Der Begriff des Heiligen, mit dem die Thora steht und fällt, erhält hierdurch seine besondere, seine jüdische Note. Keinem Volke, keinem Glauben, keiner Sprache fehlt dieser Begriff. Während er aber anderwärts sich mit dem Begriff des überirdisch Geheimnisvollen deckt und erschöpft, tritt im Judentum das Heilige mit klarer Stirn mitten ins Leben hinein und wird hier sogar zur einfachen menschlichen Natur, die in ihrer Reinheit zu wahren, des Heiligen erst.'? und letztes Gesetz ist. Ihr sollt euch nicht zerfleischen um eines Toten willen, denn ihr seid ein heiliges Volk! Wir sprachen kürzlich vom heiligen Scbmen. Es war nichts als der landläufige Sprachgebrauch, der uns diese Bezeichnung wählen ließ. Der jüdische war es nicht. So etwas ließe sich kaum im Hebräischen wiedergeben, da kodausch etwas ganz anderes besagen will. Sicher aber unheilig ist des Schmerzes wuchernde Raserei, das Wüten gegen sich selbst. Weil, was den Menschen anlangt, die Heiligung nichts anderes ist als die Verwirklichung von Maß, Gesetz, Zucht und Selbstbeherrschung um jeden Preis; und wenn es heißt: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott l" so ist dasselbe damit gemeint und gleichzeitig verkündet, daß Gott und das ewige Gesetz eines sei. Du sollst dich aber auch nicht zwischen den Augen scheren um eines Toten willen. D. h. nicht nur das U n m a ß, auch die U n n a t u x ist in jedem Falle unjüdisch. Stellt euch, den Menschen mit rasierten Augenbrauen vor, ihr werdet ihn nicht nur lächerlich, sondern vor allem widerlich, weil widernatürlich empfinden. Den Simson, den Nasiräer, über besten Locken nie ein Schermester kam, den kann der Jude sich vorstellen, ja, er vernmg in seiner wallenden Mähne sogar die reinere, ursprünglichere und besiere Ratur zu ehren und darum auch an sein kraftvolleres Menschktdtum zu glauben. Bezeichnend ist es aus demselben Grunde, daß der Jude in Tagen der Trauer sein Haupt- und Barthaar wachsen ließ. Der Glatzkopf aber, der Gallach, war ihm ewig widerlich, weil er in ihm die heilige Natur verletzt und Gottes Ebenbild verschandelt sah. Und aus demselben Grunde konnte er nicht sehen, wie ein Mann Frauenkleider trug und umgekehrt. „Gott und Natur — sei eines nur!" hat der dichtende Jünger Spinozas gesungen und glaubte unsem Vater im Himmel damit abgesetzt. Das ganze große Heer der Halbgebildeten hat es ihm nachgeschwatzt und sich was zu Gute getan auf diese Verehrung der ewigen Gottnatür. Wie ganz anders, wie viel reiner ist die Verehrung, die der Jude allezeit dem Ebenbilde Gottes in sich zollte. Nicht daß er draußen in der schönen Natur das Siegel Gottes verkannt hätte.' Wie herrlich singt der Dichter des 29. PsalmS z. B. von der Stimme Gottes im Wetterstunn, im Brausen der Eichen und im Widerhall der Wüstenberge. Zur Gottnatur aber wurde ihm die Natur nur an einer einzigen Stelle: im Antlitz des Menschen selbst. Aber an dieser Stelle wurde ihm dieselbe Gottnatur auch — und das ist das Entscheidende — zunr Sit! engesetz, nämlich zum Gesetz der heiligen Menschennatur, die rein, wie sie ans Gottes Schöpferhand hervorging, in seine Hand empfohlen werden muh, wenn das Ende naht, aber nur so zurückgügcben werden kann, wenn sie zeitlebens unter dem Gesetze d.er reinerhaltenden Heiligkeit steht. So rammte das Judentum im geheim, nisvolle!' Strom des Menschenangesichtes den ersten Pfeiler ein, der tue Brücke trägt von Natur zu Gesetz und von Gesetz zu Natur, deren uuergründliche Tiefen anders nicht überbrückt werden können als so. E m i l C o h n.