Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 10 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 106 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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10« Unwillkürlich hatte sich David Brod wieder auf seinen Sitz niedergelassen, aber de- Schreckens über die Erscheinung des Grasen war er noch nicht Herr geworden. Einen merkwürdigen Anblick bot in diesem Augenblicke das Antlitz des -indes. Ella sah nicht im geringsten erschrocken aus. und fast hatte es den Anschein, wenn man nach dem Lächeln sah, das auf ihren roten Lippen saß, als hätte der Besuch 'des Mamres. den sie heute um Blumen angegangen war. für ihre Gedankenwelt nichts Überraschendes gebracht. Ter Graf hatte auf den» leergervordenen Sitze Fciwelmanns Platz genommen. Der Baß selbst stand demütig mit abgezogenem Hut« in einer Ecke der Laubhütte. Ter Graf lieg seine Augen in dem kleinen Raume des hölzernen Baues umhergehen. „Also, so sieht eine von eueren Laubhütten aus?" sagte er. „und euer Gesetz schreibt euch vor. daß ihr da ivohnen müßt? Warum das? Ich habe es längst vergessen." David Brod vermochte nicht die Frage des Grafen zusammenhängend zu beantworten; in seinen Adern rann kaltes Eis. Unter den irdischen Erstheinungen, die n«t Macht und Herrlichkeit ausgestattet find, war ihmnoch keine höhere erschienen als der Mann, der das große Schloß auf der Anhöhe sein eigen nannte, und der ihm ein Schutzherr war. Feiwelmann. der Baß. nahm für ihn das Wort. Demütig meinte er: ..Vierzig Jahre sind unsere Vorfahren in der Wüste herumgegangen; sic haben kein steinernes Haus bauen können. und nur den Himmel haben sie übersich gehabt und höchstens ein Zelt, worin sie gewohnt haben. Darum ist uns das Gebot von unserem Gott gemacht worden, daß wir zum Andenken an diese Zeit durch acht Tage in solchen Laubhütten wohnen müsien." - " „Rach fast viertausend Jahren!" rief, der Graf, „und noch heute feiern diese Leute das Fest und sprechen von „unserem Gotte", als hätte er für sie eigens die Wüste Arabiens erschaffen! Seltsames Volk, das ihr seid! Und doch, wenn ich cintrcte in eure ärmliche Laubhütte, ich, der Graf aus christlichem Bluie, der stolz darauf tut. daß er seine Ahnen auf einige Jahrhunderte zurückführen kann, tut ihr so erschrocken und demutvoll! Begreift ihr denn nicht, Vorbeler, und ihr, Mann, daß ihr euch vor mir nicht zu schämen braucht, daß das Bestehen dieser Laubhütte allein inich die vermeintlichen Vorzüge meiner Geburt vergesien machen muß?" Auf David Brods Lippen irrte ein verlegenes Lächeln. Er schwieg. Wohl hätte er antworten können, denn er hatte die Rede des hochgeborenen Herrn hinlänglich verstanden. Dagegen rief Ella: ' „Ich bin nicht erschrocken, Herr Graf!" . . . „Lebendiger Gott! Ella! Wie' kannst du'so reden?" schrie David Brod, der Vorbeter.cher im Entsetzen über dft Worte des lindes wieder seine Sprache gefunden hatte. „Laß! doch das Kind, Vorbeter", sagte der Graf mit citwm seinen Lächeln. „Warum soll sie nicht gestehen, daß ich nicht derjenige bin. der ihr Schrecken einflößt? Warum auch sollte sie erschrocken tun? Sie weiß sehr gut, daß eine Zeit kommen kann, in der sie mir ganz anders gegenüberstehen dürfte als jetzt." Roch einmal sah er das'Kind des Vorbetcrs wie prüfend an. f „Was gedenkt ihr mit eurem Kinde anzufangen, Vorbeker?" wandte er sich an David Brod. „Was sbll sch mit ihr anfangen, gestrenger Herr Graf?" meinte David >Brod, der sich mittlerweile etwas erinannt halle. „Wäre sie ein Knabe geworden, so könnte sie mein „Fistel" sein, penn sie hat eine gar liebliche Stimme und ein Gedächtnis dazu für alle Gesänge — sie besck)ämt uns ältere Leute damit . . . Leider Gottes ist sie aber kein Knabe geworden, und tvenn ich einmal sterbe, wird da nicht ein Fremder mein Siachfolqer in der Synagoge sein inüsien? Run aber frage ich: Was soll aus der Tochter eiyes armen Vorbeters norden? Ihre Stimme ist ihr von keinen: Nutzen, und wenn ich heute sterbe ..." Die Sprache Tpvid Brods war zuletzt vor innerer Bewegung fast nnvernehmbar geworden. Da rief die- Stimme des Mannes, der demütig im Hintergründe der Laubhütte stand, überlaut: ' „David Brod, du übertreibst! Noch lebt ein Feiwelmann Baß, und der tvird dem Kind nicht verlassen! Aller Köpfe wandten sich nach dem. übet dessen Lippen dieser Aufschrei gekommen war. Auf dem breiten Antlitzr des Sprechers lag eine tiefe Röte, aber wie sie jetzt alle nod^ ihm hinblickten, hatte er die Augen schämig niedergeschlagen und schob den Hut verlegen zwischen den Fingerst. „Wer ist der'Mann?" ftagte der Graf, und seine Blicke schweiften zwischen dem Baß und dem Kinde auf und nieder. „Es ist nur Feiwelmann, unser Baß", sagte Ella kurz. Der Graf nickte zu dieser Auskunft nur leicht mit dem Kopfe. „Was das zukünftige Glück eueres Kindes betrifft", wandte er sich wieder zu David Brod. „so seid darüber ganz, ruhig. Es hat sich eine Hand gefunden, die es versuchen will, ob sie nicht Vorsehung spielen kann... und diese Hand gehört mir. Ihr bedauert es, Vorbetcr, daß Gott euerem Kinde eine so liebliche Stimme verliehen hat. Wie nun, David Brod, tvenn diese Stimme ein Juwel wäre, der nur geschliffen und gefaßt werden müßte, um überallhin mit Glastz und Pracht jju leuchten?" David Brod wolltz reden, aber jedes Wort war >vie mir eisernen Klammern an seine Zunge gefesielt. „Und nun, David Brod", fuhr der Graf fort, „bleibt mir noch übrig, euch einen Vorschlag zu machen. Nehmet ihr ihn an, so wird aus dieser engen Laubhütte heraus ein Edelstein hervorgehcn, wie ihr ihn kaum ahnt; wo nicht, mag er begraben lverden in der schmutzigen Hülle, die ihn jetzt umgibt. Denn wenn, mich nicht alles täuscht, so glüht in der Seele eueres Kindes das unsterbliche Feuer, der Kunst. In euerer Tochter schlummert die Zukunft einer großen Künstlerin! Und so, David Brod", schloß der Graf, „habe ich euch nur eines zu sagen. Geht ihr auf meinen Vorschlag ein, so übernehme ich die Erziehung und Ausbildung eures Kindes zur Künstlerin. Sic wird euer Haus verlassen, sie wird fern von euch weilen, vielleicht werden Länder' und Meere liegen zwischen euch und ihr — aber euere Tochter wird eine KWtlerin lverden! Bedenket wohl, tvas ich euch jage: Es kann eine Zeit kommen, die es euch . verbieten wird, euch den Vater eures Kindes zu nennen . .. Doch für heute genug! Wenn euer Laübhüttenfcst vorüber ist, so kornmt zu mir und erstattet mir Antwort. Das Schicksal des Kindes ruht von nun an in eueren Händen!" v Ter Graf war aufgestanden; David Brod war sitzen geblieben, er vermochte sich nicht zu erheben. Was er eben vernommen, ging ivie der Schrecken eines nächtlichen Gewitters über ihn hinweg. Ter Graf hatte die Türe der Laubhütte geöffnet. Ta ergriff Ella rasch den Leuchter mit der brennenden Kerze und folgte ihm nach. Sie geleitete ihn über den Hof bis zur Playke, die das Haus des Vorbeters von der Gasse abschloß. Am Tore angelangt, ließ das Kind'den Leuchter plötzlich fallen, das Licht erlosch. Der Graf fühlte auf seiner Hand einen heißen Kuß von ztvei Äinderlippen . . . „Gute Skacht, meine kleine Künstlerin", sagte er, „gute Nacht, mein Karfunkel!" In der Finsternis tappte das Kind des Vvrbeters seinen Weg ivieder zur Laubhütte zurück. Ein Sturm war über das friedlich enge Haus David Brods, des Vorbeters, gekommen, der es in seinen Grundfesten erschütterte. Er, der Vater einer zukünftigen Sängerin, sein Kind der Schützling eines Grafen, und Fciwelmann Baß, seine „rechtd Hand", entschlossen, von seiner bis- ° hcrigen Gesangsweise abzugehen I Als Ella in die Laubhütte wieder eingetretcn war, fand sie ihren Vater, den Kopf auf den Tisch gelegt, in hef- . tigem Weinen. V „Warum weinst du, Vater?" ftagte sie fast gelasien. „Laß ihn heute", sagte der Baß, dem selbst die Stimme 1 , r