Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 10 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Erscheint mit Erlaubnis dar britischen Militärbehörden.! D« „Sott* erscheint jeden Freitag r eejugdpreis: bv Pf. nionatltch! RetaktionSschluh: Montag abend : PostschreNonto Köln Nr. 74747. vom Rhein' Mischet Volkblatt mm.... Anzeigenpreis: 85 Pf. dir vier-; gelp. Prtttzetle - Rl.Ungetg.b0Pf.: Bet Wiederhol, entfpr. Nab. - An« j zeigenannahme btS Montag mittag : für äie Rkemifcken L,ande, Könner Gemeincleblatt fllr da« Rbeintal, Siegtal, Hhrtal upw. v herausgegeben von Rabbiner Or. Lmll Cvhll, Bonn. Schristleitung und Versand: Bonn, Tempelstraße f2. Kummer 10 Konn, 8. August ISIS — 12 Aw 5679 1. Jahrgang. Inhall: Die Sunst deS TrSstenS von Emil Lohn. — W^chmfchau. — Nb r Stell» ,g und Grenzendes ReligionS^ Unterrichtes von Emil Lohn. — Jüdische Interessen von Georg Landauer. — Bon Berg und Tai. — Der Bonner Gemrtndebote. — Der Karfunkel von L. Komprrt. — Lied Davids vor Eaul von Emil llohn. — AuS der Bolerlasche gesallen. — Der BereinSbote usw. ----- Wer den Voten doppelt erhält. aber nur für ein Exemplar bezahlen will, melde dies sofort, damit spätere Jrrtümer und Ungelegenheiten vermieden werden. Wocheaadschnttt 7-nnM (nn: me). Die Kunst des Tröstens. Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Bott. Redet Jerusalem zu Herzen und verkündet ihm, daß sein Dienst zu Ende, daß seine Schuld gesühnt ist, da es Zwiefaches empfangen auS der i , Hand deS Herrn für alle feine Sünden. - Jesaja. 40. 1—2. „Kondolenzbesuche dankend verbeten", so endet heute fast jede Traueranzeige. Ein recht trübes und beschämendes Wort. Es beweist nicht etwa, daß man fich nicht trösten lassen will, sondern nur, daß man sich die Art verbittet, wie gewöhnlich getröstet wird, oder noch richtiger, daß die Kunst des Tröstens so schwer und so selten ist, daß es sich nicht lohnt, um des einen guten Trösters willen, der vielleicht erscheinen mag, die Tür dem Schwann der schlechten Tröster zu öffnen, die sicher kommen. - In der Tat, es gibt keine schwerere Kunst als die Kunst des Tröstens. denn jeder Trgst sieht sich zuerst einem Verschlossenen, Widerstrebenden gegenüber. Trösten heißt überwinden, heißt verriegelte Tore sprengen, heißt ans Herz dringen, wo das Herz sich in sich selbst verkriecht. Dabei findet der Schmerz im Anfänge nichts beleidigender als den Trost. „Wann freut sich der Krüppel? Wenn er einen Lahmen sieht!" sagt der Ostjude. Das heißt, der Gradgeivachsene beleidigt ihn. So beleidigt der Trost den Schmerz,/indem er sich ihm naht, indem er ihm — „zu nahe" tritt. Es ist eine schwere Arbeit, ein wehes Herz zu bezwingen. Trösten ist deshalb keine laute, sondern eine sehr leise .Kunst. Sie beginnt mit der schweigenden Ehrfurcht vor dem heiligen Schmerz. So begann auch der Trost der Freunde Jobs: „Und sie saßen bei.ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte, und leister sprach ein Wort zu ihm; denn sie sahen, daß sein Schmerz sehr groß war." Jüdischer Kote vom Rhein. Bon«, Tempelstraße 12. * ''Äer'^ich^Ehrfurcht nicht kenpr, wer sich nicht klein und I wertlos zu fühlen vermag vor jedem Menschenleid, der gebe I es auf, ein Tröster zu sein. Zartheit, Zurückhaltung und i Feingefühl sind die erste Bedingung, ohne diese drei ist j aller Trost umsonst und wird nie hinauskommen über das „innigste Beileid" konventionellen Händedrucks. Aber das Eigentümliche ist, daß diese Ehrfurcht sich vermählen muß mit der innigsten Dringlichkeit, ja, Zudringlichkeit. deren nur ein liebevolles Herz fähig ist, damit es zu einem guten Tröste komme. Der Schmerz wirst ja den Menschen aus seiner Bahn, aus den geruhigen Grenzen seines Lebens hinaus. Trösten heißt deshalb einen-Verirrten überreden, daß er heimkehre, einen Abgekehrten, daß er sich dem Leben wieder zuwende, daß er es anerkenne, so wie es ist, daß er, um ein biblisches Wort zu gebrauchen, „das Joch auf sich nehme". Daher muß vom Tröster die Kraft der Überzeugung ausgehen. Er muß' den Neinsager zum Ja bringen, nicht zum trüben, willenlosen Verzicht, sondern zur Anerkennung der Wirklichkeit als der letzten Wahrheit in, höherem Sinne. So tröstete Beruria ihren Gatten Rabvi Meir, indem sie ihm die Frage nach der Rückgabe anvertrauten Gutes stellte, ehe sie ihn an das Totenbett seiner Söhne führte, und zwang ihn so. das göttliche" Gericht anzuerkennen. So überzeugen kann aber nur ein selbst zum Tiefsten Überzeugter aus der Leidenschaft seiner Überzeugung heraus. , Es. liegt ein Widerspruch in dem Verlangen, daß sich dieser überzeugenden Kraft die zarte Ehrfurcht vor dem Schmerze paaren, der Tröster also ebenso zurückhaltend wie dringlich sein soll. Aber dieser Widerspruch ist nur scheinbar, tveil die Ehrfurcht nur der Anfang, die Überzeugung der Schluß sein soll. Aber den Anfang zu finden, das eben ist das Schwere und das ist auch das Schöne dabei, und an diesem Punkte ist das Trösten nichts anderes als ein sich Scheuen und Schmiegen zu gleicher Zeit und im Widerstreit dieser feinen Empfindungen ein wahrhaft jungstäu-