Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-07-25 · 9 (25.7.1919) · p. Seite 94

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
9 (25.7.1919)
Date
1919-07-25
Page
Seite 94 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3947615-6435923-6437030--0103-3947708
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

94 \ s I den erstaunten Blicken der beiden Männer dir schönsten Blumen, die fie noch jemals erschaut hatten. „Jetzt. Vater, wirst du dich rühmen können, daß in der gänzen Gasse" keine Laubhütte der unseren gleichen wird . rief das Mädchen, die Augen noch immer strahlend von einem seltsamen Glühen. „Blumen vom Grafen selbst wird doch keine aufzuweisen haben." „Tr selbst hat fie dir gegeben. Ella?" rief der Baß. „Er hat gesagt, ich bin nicht schön, aber ich bin ein Karfunkel..." schrie ihm das Kind mit ungeahnter Heftigkeit entgegen. Längst lag auf dem Dache der Laubhütte der grüne Schmuck des Waldes; der Mittag war gekommen und noch immer saß Ella, das Kind des Vorbeters der Synagoge, inmitten der Blumen, die sie aus dem Garten des Grafen geholt, und band Kränze zum Schmuck des gebrechlichen Hauses, das ihr kurz vorher so unschön gedünkt hatte. Bon ihren Wangen hatte sich die Röte noch nicht verloren; hie und da sang sie halblaut vor sich hin. und wenn man genauer hinhorchte, waren es Bruchstücke jener uralten Synagogenmelodie. Meistenteils schwieg sie. Ob sie dabei an den Karfunkel des Grafen dachte? Am Abende desselben Tages lvar das Laubhüttenfest in seiner anmutenden Heimlichbeit in die Gasse eingezogeu. David Brod, der Vorbeter, saß mit Ella, seinem einzigen Kinde, und dem Baß in der mtt Blumenkränzen und allerlei Zierat gar stattlich ausgeschmückten Hütte; Kerzenlicht erhellte den traulichen Raum. Ella hatte von den Blumen . des gräflichen Gartens ein kleines Kränzchen zurückbehalten und es in ihre schwarzen Haare geflochten. Während des Abendmahles vermochte der Baß sein Auge nicht abzuwenden von diesem blumengeschmückten Kopfe; es schien ihm, als läge zwischen dem Kinde, wie es jetzt dasaß. und dem Kinde, wie es am Vormittage aus der Laubhütte in den gräflichen Garten gerannt war. eine Zett, die nach Achren zählte. Wie merkwürdig die rote Rose vorn über der Stirn leuchtete! War denn Ella wirklich nur dreizehn Jahre alt? Als das Esten abgcräumt und das Tischgebet verrichtet worden war. sagte David Brod, der Vorbeter, zu seinem Baß: „Wie wär' es, Baß. wenn wir jetzt die neue „Krduscha" probieren möchten? Wenn wir Ehre damit einlegen wollen. so müssen unsere Kehlen geübt sein, als wären wir Vögel im Walde." „Als wären wir Vögel im Walde", wiederholte der Baß mit einem träumerischen Ausdrucke. „Ja. singen wir, Vater", rief mit einem Male das Kind des Vorbeters, „ich werde zuhalten." „Gott, der Allmächtige, sei gelobt, daß er Ella wieder die Sprache gegeben hat", meinte der Baß. „Ich heiß* nicht Ella", schrie das Kind mit finsterer Stirne, „ich will nicht so heißen." „Wie denn soll ich dich nennen?" fragte der Baß. „Ich glaube doch, das ist dein ehrlicher Name?" , „Heiß' mich meinetwegen Karfunkel", rief dgs Kind mit ttotzig aufgeworfenen Lippen. „Was muß über das Kind geflogen sein?" sprach David Brod, der Vorbeter. halblaut vor sich hin. Darauf begannen sie die Probe des Gesanges zu der neuen »KedusA", der morgen am ersten Tage des Laubhüttenftstes die ganze Gemeinde in Erstaunen versetzen sollte. David Brod versprach sich nämlich einen ungeheuren Erfolg von der neuen Melodie; er hatte sie von einem durchreisenden polnischen Bettler erlernt und ihm als Entgelt dafür nicht /weniger als vierundzwanzig Kreuzer auSbögahlt. Wer der Meister dieser Synagogenmelodie war. die nun mitten in einer füll abgelegenen „Gaste" Böhmens zu Herzen und Gemüt einer Gemeinde sprechen sollte? Wer die Weise erfunden hatte, die der polnische Bettler alS etwas noch nie Gehörtes an David Brod käuflich überlasten hatte?! Umsonst wäre hier Nachforschen und Untersuchung. Auch jener „Schnorrer" hatte sie irgendwo in dem fernen Polen > überkommen und war damit weitrrgezogen, wohin ihn der Sturm seines Lebens trug. Wen konnte es verwundem, wenn er dieselbe Melodie, die er Jahre zuvor irgendwo in Mähren oder Böhmen vernommen, mit einem Male in der Synagoge einer elsässischen Gemeinde wieder zu Gehör bekam? Wenn auf dürrem Felsgestein oft eine ungrkannte Blume ihre Augen aufschlägt, dann hat es der Sturm bewirkt. der das zarte Samenkorn in seine Arme nahm und es hierhin und dorthin gettagen hat, wohin es ihm eben beliebte. Das ist auch das Geheimnis von dem Entstehen und Fortleben dieser Melodien. Der neue Gesang war nicht ohne Schwierigkeiten; die Sänger hatten kein Notenblatt chor sich und mußten dem Gedächtnisse vollauf verttauen. Hie und da hatte David Brod einen gelungenen Schnörkel angebracht, mtt dem sich Feiwelmann, der Baß, nicht einverstanden erklärte, da er der ursprünglichen Melodie gefehlt hatte. Aber nachdem fie die neue Weise schon Wochen vorher durchprobiert hatten, kam sie heute glücklich und wohlbehalten, wie ein blanker Guß aus den Kehlen der Singenden. Plötzlich hielt Ellck im Gesang inne und lachte hell auf. Die beiden Sänger unterbrachen sich. David Brod schrie böse: „Was für eine Klippe (böser Geist) ist heute -über das Kind gekommen? Was geht mit dir vor?" . „Ich kann nicht weiter singen", lachte das Kind, „wenn ich sehe, wie der Baß seine Backe festhält. damit sie ihm nicht auf und davon geht." „Meine Backe?" fragte der Baß äußerst erstmmt. „Kann ich denn anders fingen?" „Darum lache-ich ja", meinte jetzt das Kind mit großem Ernste, „daß du glaubst, du könntest nicht fingen, wenn du die Backe mit der Hand nicht festnagelst wie ein Brett. Kann denn deine Sttmme gut klingen, wenn du sie ein« sperrst und ihr keine Lust löstest?" Kleinlaut sagte der Baß, und eine tieft Röte verbreitete sich allmählich über fein Antlitz: „Ich habe es nie anders vor mir gesehen. Kein Baß singt auf eine andere Att." „Dann ist es nicht schön", sagte Ella. Di« Röte auf dem Gesicht FeiwelmannS war einer auffallenden Mäste gewichen. „Wenn d u es sagst, und es nicht schön ist", sagte er tonlos, „so will ich es künftig unterlassen." „Du willst frei heraussingen. Feiwelmann. ohne Backe?" rftf Ella, und ihre weißen Zähne leuchteten durch den lachenden Mund. N Feiwelmann, der Baß, nickte bloß mit dem Köpft. „Du wirst dir dock nicht von einem Kinde solche Narreteien einreden lasten?'^ rief dagegey David Brod, der Vorbeter. „So lange es einen Baß auf Erden gegeben hat. hat er die Backe mit der Hand gehalten. Frag einen Baß auf der Welt, ob er sonst zu singen imstande ist." Aber Feiwelmann. der Baß. schüttelte Meder sein Haupt. ' / „Laß eS gut fein. David Brod". sagte er gedrückt. „Wenn das Kind etwas sagt, so kannst du sicher ftin, daß etwas Goldenes von ihm kommt... Ich will'S versuchen und einmal singen, wie Ella eS meint—fange schon an einzufthen. daß sie recht hat." «Fortsetzung folgt.) Aber die Aterne? 2» glänzt der Mond, e» glänzen die Sterne In wallender Nacht über Berg und Tal . . . Und wieder lep ich di« uralten Blätter; Ich la» sie tausend und lausende mal. Und wie ich lese die heiligen «orte, Hält mich ein« Stimme gebannt: „Mtin Volk, du wirst sein, wie Mt Sterne am Himmel. Wie am Meereggestade der Sand."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.