Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 8 (25.7.1919)
- Date
- 1919-07-25
- Page
- Seite 76 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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76 lich, wenn ganze Völker ihr Wort brechen, tvas soll man vom einzelnen erwarten? Und dann die Not hierzulande, die uns alle unehrlich «macht hat. Die ganze Welt scheint auS Betrügern zu bestehen, die doppelzüngig reden und einen Stolz darin sehen, den andern gehörig einzuseifen und reinzulegen. Du lieber Gott, was ist aus Treu und Mauben, was aus der Redlichkeit in Handel und Wandel geworden? Es scheint vielleicht müßig und lächerlich, darüber Jeremiaden anzustimmen. Aber der Jude sollte doch wissen, wo und wie er in solcher Zeit Posten zu fassen hat. Er ist Kaufmann, und als Kaufmann sollte er erkennen, daß Untreue und Unglauben wohl einmal ein gutes Geschäft machen können, per Saldo aber immer ihren Bankrott erklären müssen. Der Jude ist aber eben doch auch Jude, und als solcher ein Sohn der göttlichen Verheißung. Wir sind das-Volk des gegebenen Wortes, die Kinder Abrahacks, der dem Spruche der Männer vertraute, die unter den . Eichen von Mamre das göttliche Wort zum Pfände setzten. Je mehr der Jude Jude ist, umso mehr wird er daher auf die.Heiligkeit des Wortes halten und in einer Zeit, wo das Ja nicht mehr Ja und das Nein nicht n«hr Nein ist, sich daran machen, dem entwürdigten Worte wieder Würde zu geben und Wert der entwerteten Menschenrede. Es gibt in der Welt keine größere Menschenliebe als die sich im Vertrauen äußert. Nichts ist. adliger, als jemandem auf sein gutes Gesicht und sein Ireues Auge hin zu trauen, und es ehrt nur den Menschen, wenn er dabei betrogen wird. Hundertmal betrogen, soll man es doch immer wieder versuchen, Vertrauen zu schenken: Das eine Mal. wo es sich belohnt, wiegt schwerer als die hundert anderen Male. Erst dann wird die Menschheit diese schreckliche Zeit wahchaft überwunden haben, wenn das gegebene Wort wieder als goldsicher genommen wird und die verpfändete Ehre ebenso gilt wie das verpfändete Gut. Heute blickt noch jeder den andern mit dem Lächeln der Auguren. oder richtiger mit dem entehrenden Augenzwinkern C in dem alles steckt, nur keine Liebe. Die Zeit wird helfen, jawohl, aber wir selbst sollen's auch, sollen's der Zeit zum Trotz, die uns alle erniedrigt hat. So laßt uns denn streben, auch in diesem Geiste Juden zu sein, d. h. Söhnendes Wortes, deren Ja^ja, deren Nein nein ist, die da „schwören zum eigenen Schaden und es doch nicht ändern" und so sich selber heiligen im Worte und durch das Wort zur höchsten Menschenliebe, zur Treue, zum Glauben und zum Dertrauen. Emil Cohn. :MSS flWBBHWIBBMMMa (Bocbenfcbau. Tatsachen und Ergebnisse. H^SSXSaBBB^BSBilSXHSKlSXnDni Berlin.. In allen jüdischen Großgemeinden Deutschlands ist die Wahlreform im Sinne des demokristischen Zeitgeistes an der Tagesordnung. In B e r l i n ift das neue Statut, das das Verhältniswahlrecht einführt, bereits vom Polizeipräsidenten genehmigt; im November sollen die Neuwahlen auf Grund der neuen Wahlordnung stattfinden.' In Breslau sind, wie wir bereits berichtet haben, gleichfalls neue Satzungen von der Gemeindevertretung angenommen worden. Auch hier ist das Verhältniswahlrecht eingeführt für alle männlichen, volljährigen, unbescholtenen, gemeindeabgabenpflichtigen Gemeindemttgltrder. diesich selbständig ernähren und mit ihren Abgaben während der letzten drei Jahre nicht in Rückstand glommen find. In Hanno v e r ist eine -Gemeinden' e Reformbcwegung im Gange, find ver Demorraliflerung alle. In all diesen „ erdings vorläufig noch durch die bestehende Judengesetzgebung Schranken gesetzt. Aber diese Judengesetze werden bald ihre verbindliche Kraft verlieren; denn die Verhandlungen der Nationalversammlung über di« Reichsverfafiung werden in kurzem zum Abschluß gelangen und die im Art. 30 » de» Entwurf» vorgese^ne Regelung des Verhältnisses von Staat und Kirche wird dann freie Bahn schaffen. In Hamburg könne» in Zukunst auch die weiblichen Angehörigen der Gemeinde an den Wahlen der Gemeinde teilnehmen. Ein Antrag, den Frauen auch das passive Wahlrecht ziz erteilen. wurde, nachdem sich auch der Kommissar des Gemeindevorstande» dagegen ausgesprochen hatte, mit großer Mehrheit abgelehnt. In Frankfurt a. M. ist man am weitesten gegangen und hat das aktive und Passive Wahlrecht für alle über 20 Jahre alten Gemeindemitgkteder männlichen und weiblichen Geschlechts, gleich ob In- oder Ausländer, nach dem Proportionalsystem vorgeschlagen. Berlin. Durch das nunmehr zustande gekominene Kompromiß zwischen Zentrum und Sozialdemokratie wird grund ätzlich hinsichtlich des SchulwesenS, insbesondere in Betreff der konfessionellen, simultanen oder bekenntniSfteien Schulen, der bestehende Rechtszustand bis zu» Erlaß eines Reichsgesetzes aufrechterhalten. Entscheidend soll bei diesem Gesetz für den Charakter der Schule der Wille der Erziehungsberechtigten sein. Privatschulen dürfen weiterbestehen und Neugründungen find bei Erfüllung der staatlichen Mindestanforderungen zu genehmigen, private Volksschulen nur, wenn eine den Wünschen einer Minderheit von Erziehungsberechtigten entsprechende öffentliche Volksschule am Orte nicht besteht. Der Religionsunterricht bleibt ordentlicher Ährgegenstand der Volksschulen, jedoch ist die Teilnahme daran nicht > gegen den Willen der Erziehungsberechtigten zu erzwingen. An den Universitäten bleiben die bestehenden theologischen Fakultäten erhalten. Berlin. Am 22. Juni wurde»zum erstenmal seit vier Jahren der Stafettenlauf Potsdam-Berlin über 25 Kilometer wieder ausgetragen. Es beteiligten sich 61 Mannschaften, darunter auch die Sportabteilung des jüdischen Turnvereins Bar Kochba. Dieser errang einen großen Erfolg,, indem er als 10. Mannschaft, nur von den größten Berliner und Charlottenburger Vereinen geschlagen, durchs Ziel ging, begrüßt durch die jubelnden Zurufe vieler Anhänger. Die 25 Kilometer wurden von den Bar Koch- Hanern in der Zeit von 1 Stunde 8,22 Minuten zurückgelegt. Berlin. Der Verband der Ostjuden in Deutschland, der immer größere Ausdehnung gewinnt — es entstehen jetzt auch allerorten ostjüdische Jugendvereure, so in Köln, Frankfurt und neuerdings auch in Dortmund — erläßt einen Aufruf, der auf dem Grundsatz der Selbsthilfe fußend die Organisation eines umfangreichen Hilfswerks angesichts des zu ermattenden Sttoines östticher Einwanderer verlangt: Speiseküchen und Arbeitsnachweise, Unterkunftsräume und Unterstützungskassen, Rechtsschutz und juristische Hilfe. Ferner verkündet er, ohne sich von den westlichen Juden irgendwie absondern zü »vollen, den Kampf gegen alle geplanten Ausnahmebesttmmungen, die nmn gegen die ausländischen Juden plane, und verlangt die volle Gleichstellung in den jüdischen Gemeinden tmtrOrga» nisationen Deutschlands. Weimar. Die Abgeordneten Wirmer, Deglerk, Knollmann, Lavexrenz, Mumm, Oberfohren, Traub. Wällbau» haben folgende kleine Anfrage in der Nattonalversaminlung eingebracht: „In der Monatsschttft „Der Jude" (III. 11) weist Max Eschelbach darauf hin, daß unbemerkt von der großen Öffentlichkeit ganze Scharen jüdischer Männer »rnd Frauen aus Rußland bei urrs eingewandert sind »md in den letzten drei Kriegsjahren in unserer Volkswirtschaft eine wichtige Rolle gespielt haben. Er nennt die unverbürgte Zlffer 60 000. Die ganze Materie wurde vor den BehöÄwn geheim gehalten. Manche gaben sich als katbolil» oder evangelisch au», ohne an einen Wechsel de» Bekenntnisse» zu denken. Eschelbach nimmt an, die meisten seien zuÄck- „o6er' daß bereits Neuzuwanderung beginirt. Wie stellt sich die ReichÄeitung zu solcher Einwanderuvg aus dem Osten? Ist eS richtig. dir Grenzen im Osten zu einer Zeit zu öffnen, in der »vir völlig ungenü- - /