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Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-07-18 · 6 (18.7.1919) · p. Seite 57

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
6 (18.7.1919)
Date
1919-07-18
Page
Seite 57 (sequence 7)
Language
German
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'prrrfir?' -- V(-"- - ' v - v — 57 — ”' alle 2 Wochen hatten Veranstaltungen mit Vorträgen Md anderen Darbietungen stattgefunden. Fräulein Else Com. nitzer schattete den Kassenbericht» der den günstigen Stand der Kaste darlegte. Bemerkenswert ist, daß im VorstMd des hiesigen Jugendvereins auch je ein Vertreter des Vorstands Md der Repräsentanz tätig sind. Um auch die Umgegend zu gewinnen, wurden aus Gevelsberg. Schwarte. Hohenlimbmg und Haspe je ein Vertreter in.den Vorstand gewählt. Schließlich beschloß der Verein, an seiner Neutralität weiter festzuhälten. * . Der Bote erzählt i 2 . _ T X X J- ., Die Autipodru. Bon S. Nohn. Sie waren beide brave, gut« Menschen, Reb Jisroel Schachner und Reb Rate! Schmeling — wie, man zu sagen Pflegt, dicke Freunde, die das Leben füreinMder gegeben hätten, die, einer ohne den andern gar nicht bestehen konnten, Und wenn sie einander — was allerdings nur selten vorkam — einige Stunden nicht gesehen' hatten, sich in Sehnsucht nach einander verzehrten; — aber vertragen konnten sie sich mit einander nicht! — Fast jede Woche gab es' zwei-, dreimal einen heftigen Streit, der regelmäßig damit endete, daß jeder der beiden erklärte, er habe sich von dem andern schon genug lang ärgern lasten und wolle nichts mehr von ihm wissen. Der Ausgang eines solchen hitzigen Wortgefechtes war stets der gleiche. Der Besucher schnupfte hastig einige anständige Prisen Tabak, ergriff Stock und Hut und versicherte dem Besuchten mit entschiedenem Spott: er müsse sehr große Augen haben, wenn er ihn je wieder in seiner Stube sehen würde, — worauf der andere regelmäßig mit einem leichten Achselzucken etttgegnete: „Js mir ganz stark recht, — d'erspar ich mich zu ärgern!" ... Nun aber war der stürmische Abgang des Gereizten stets von einem Umstande begleitet, der die Beachtung eines aufmerksamen Beobachters hätte herausfordern inüsten. Der Abgehendc nämlich ließ sein Taschentuch fallen, was der andere sonderbarerweise nie bemerkte. Am anderen Morgen gleich nach dem Frühgottesdienste, den beide besuchten, trat der Eigentümer des vergessenen, Tuches ins Zimmer. Nun versteht es ich acktu von selbst, daß, wenn jemand in ejn Zimmer trjtt, >er Anwesende ohne Rücksicht auf Neigung oder Abneigung ein manierlich sagen muß: „Boruch habo, das heißt: „Geegnet, der da kommt", worauf der andere zu erwidern hat: „Boruch hanimzo!", zu deutsch: „Gesegnet, der sich hier befindet" °, — und wie der verständige Leser wohl erkennen wird, mußte dieser kleine, von der Höflichkeit gebotene Segensaustausch eine höchst beruhigende Wirkung auf beide Teile ausüben Md die schroffe Spannung schon hierdurch eine starke Abschwächung erleiden. Darauf trat eine kurze Pause der Verlegenheit ein, während welcher der Ankömmling seinen Blick im Zimmer Herumschweifen ließ und — noch immev mit einem Reste verbissenen Ingrimmes — sagte: . ■* --„Ich war' nit r'aufgekommen, — aber ich Hab' gestern mein Taschentüchet da vergesten, — und ich Hab' die andern noch bei der Wäscherin." „Hm", hatte dann der andere mit gut gespieltem Erstaunen darauf zu erwidern: „is das vielleicht dein Tüchel?" und zog, wenn Schachner, der Vergestende, ein rütes> wenn die Rerhe des Vergestens an Schmeling hielt, ein blaues Taschentuch aus der Schublade: „Hätt' ich sicher gewußt, daß das Tückel dir gehört, so hätt' ich dir's geschickt; hättest du nit gemutzt die Stieg' zu mir heraufgehen." Nun, Warnas offenbar ein sehr freundliches Entgegenkommen, und da- Sprichwort sagt: „Tin gutes Dort findet einen guten Ort". — der Ankömmling reichte dem Hausherrn schweigend die offene Dose, worauf diefer eine Prise! nahm und sagte: „Warum setz'st du dich nit?" — und nun war das EiS gebrochen, und in wenigen, Minuten war da» alte gute Verhältnis wiedrrhergestellt, als wenn nie ein Zerwürfnis bestanden. Das dauerte dann wieder zwei, drei , Tilge, bis ein neuer Streit Msbrach und sich die Begeben. , heiten wieder genau in gleicher Weife abwickelten. , Die beiden. Reb Jisroel Schachner und Reb Natel Schmeling. gehörten! obwohl num jetzt schon 1830 zählte, der Geburt nach der ersten Hälfte des vorhergehenden Jahrhunderts an;, Schachner war vierundneunzig, Schmeling einundneunzig Jahre alt. Die beiden Greise Waren NachbarÄinder gewesen, hätten nie das Weichbild/Prags verkästen und waren in fortwährender Berührung Miteinander geblieben, aber ihr Lebensgang war'«doch ein verschiedener gewesen. Schachner war armer Leute Kind; das Glück hatte ihm nie gelächelt; seine Frau war früh gestorben, und er stand allein, . verlassen im Leben. Schmeling war der Sohn wohlhabender Eltern, hatte von ihnen Vermögen geerbt, sich glücklich verheiratet, Md war erst spät Witwer geworden. Er hatte eine Tochter, die an einen braven, wohlhabenden Mann ver- . heiratet war und ihren alten Vater gern bei sich aufgenommen hätte; aber er zog es vor, unabhängig und selbständig zu bleiben und ganz dem Umgang mit seinem Freunde Schachner zu leben: Es waren eigentümliche Menschen, und ihre gegenseitige Neigung kMnte nur durch das Wahrwort der Franzosen „les extremes se touchent" erklärt werden. Obwohl sie mit strengster Gewissenhaftigkeit den Vorschriften ihrer Religion lebten, waren sie in allen ihren polittschen und sozialen Anschauungen bis auf die unbedeutendsten Kleinigleiten herab geistige Antipoden. Schachner kleidete sich jetzt noch wie vor dreiundsiebzig Jahren; Schmeling hatte durch seinen Verkehr mit großen Kaufleuten der Mode einige Konzessionen gemacht, und gar oft warf ihm der Freund den Abfall von der Kleiderordnung als religiöse AbtrÜMigkcit vor, bezeichnete ihn geradezu als „Neumodischen". In politischer Beziehung erregte das Bild des ersten Napoleon die Gegnerschaft. Während der eine glühende Liebe für ihn hegte, weil er den Juden gleiche Rechte gewährt, erklärte der andere ihn für einen Rebellen, wollte ihm auch für die Beförderung jüdischer Offiziere wenig Dank wisten, da die so begünstigten Glaubensgenosten — so meinte Schachner — durch ihre hohe Stellung gewiß die Ausübung der Gesetze vernachlässigten. Und so floß die Quelle des Zankes recht ergiebig, zumal der ältere Schachner die einstige Autorität, die sich der einundzwanzigjährige verheiratete Mann über den achtzehnjährigen Burschen vor dreiundsicbzig Jahren angemaßt, unverändert anerkannt wisten wollte und den einundneunzigjährigen Mann zuweilen als einen unerfahrenen Menschen, einen Guck-in-die-Welt betrachtete, während Schmeling behauptete, daß bei Männern, die sich dem Säkulo näherten, eine -Differenz von drei Jahren nicht zu— einer so stolzen Überhebung berechtigte. Einewerbitterten'-rHauptstrM bildete auch dieentschie-— bene Weigerung des armen Schachner, von dem wohlhaben, den Freunde eine Unterstützung'anzunehmen. Jener war \ piel zu stolz, sich beschenken zu lasten. Geringe Einkünfte bezog er aus den Stiftungen der Gemeinde, die kundigen Männern verliehen wurden, damit sie sich talmudischen und religiösen Studien widmeten. Er verwertete sein Wisten , auch, »oenn er 4m Sterbejahre wohlhabender Leute oder am Hochzeitstage für ihr Seelenheil einen Abschnitt der Mischna studierte und dafür ein Honorar bezog. Wurde es nun bekannt, daß Reb Jisroel Schachner sich in, harter Not befand, so tauchte immer rechtzeitig ein wohlhabender Mann auf, der ihn höflichst ersuchte, heute, als am Todesjahrestage eines weitschichtigen Groß? oder Urgroßvaters einen Mischnaabschnitt „zu lernen", und es sollen Fälle vorgekommen sein, wo einzelne gutherzige Menschen die Todestage völlig apokrypher Großonkel benutzten, um den alten Mamrzu unterstützen. -

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