Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 5 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- Seite 46 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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„Schon gut, schon gut", unterbricht Frau Sosche seinen Redestrom. „Geh, wasch dich." .Mein. Sosche, ich tue es nicht eher, bis ich dich überzeugt haben werde, daß ich Recht habe, daß mein eigentlicher WirkungÄreis nur im Gotteshaus« ist, und daß es niemanden gibt, der gleich mir verpflichtet wäre, es zu tun. Tenn, sag mir nur, wer sonst dafür taugt? Vielleicht Joske, der Krämer, der keine Zeit zum Esten hat; oder vielleicht Jechiel, der Dorfhausierer,-der gleich nach Hawdoloh wcggeht und erst Freitag nachmittag nach Hause zurückkommt? Oder Rüben, der Schnorrer, der den ganzen Tag unter den armen Leuten herumläuft, um die paar Kopeken Prozente zusammcnzuscharren? Oder die armen Handwerker vielleicht, die im bittersten Kampf ums tägliche Brot sich abquälen?" „Hör schon auf mit deinem Aufzählen. Ich bin nicht inehr böse. ...."> «Erlaube mal, ich will dich nur überzeugen, daß ich trotz alledem auch noch für mich Zeitx finden kann und auch an mich denke. Sich mich an, bitte! Nicht wahr, ich sehe nicht mehr wie. ein junger Mensch aus und mein Bart und die Pajes Hnd ziemlich ergraut. Weißt du auch, daß man sich auf den letzten Weg wird bald vorbereiten müsten?" „Kein Wort mehr, ich bitt' dich, laß das ... Tu den Mund nicht zum Bösen auf!" „Höre mir doch vernünftig zü, Sosche. Auch du bist nicht mehr 20 Jahre alt, wie? Und was werden wir sagen, lvcnn der oberste Richter dort oben uns fragen wird, was wir hienieden Gutes getan haben? Sollen wir uns begnügen, zu antworten, daß wir gut gegesten und getrunken haben? Du wenigstens verwendest dich viel für hachnostas kaloh ') . . ." _ „Was brauchst du davon zu reden?" unterbricht ihn Sosche in der Furcht, die nunmehr bekannt gewordene Wohltat verliere ihren Wert und ihre Giltigkeit. „Ja, also, auch ich will was auf dieser Welt tun!" „Schon gut . . . schon gut . . . Tu' was du willst, aber jetzt wasch dich zum Esten." „Ich geh schon, Soschcleben. Nur noch eines will ich dich fragen. Erinnerst du dich noch deines Hochzeitskleides ... mit der schönen silbernen Stickerei . . .?" „Ob ich mich erinnere?!" „Möchtest du es nicht zum Vorhang für die heilige Thora hergeben?" „Ja, gerne! Ich will es dir gleich bringen!" „Bemühe dich nicht, teures Weib, ich habe es bereits getan. Es hängt schon am Orn hakaudesch!" „Du Dieb, du", ruft Sosche lächelnd » ._Dann. wäscht sich Reb Jochanan dic^Hande, verzehrt sein Slbcndbrot und begibt sich zur Ruhe. * * * Im Schlafe befreite sich die Seele des Reb Jochanan ihrer irdischen Fesseln und flog zu den höheren Sphären hinauf, wo sie im Buche des Lebens folgendes cintrug: „Ich, Jochanan den Sura, habe den heutigen Tag einer heiligen Beschäftigung gewidmet. Nachdem ich eingesehen habe, welch Unrecht es ist, das Gotteshaus in so vernachlässigtem Zustande zu lasten, während ich mit meiner Frau Sosche so schöne Zimmer bewohne, machte ich mich daran, das Unrecht wieder gut zu. machen und bestellte Maurermeister, die das baufällige Gebäude Herrichten werden: außerdem habe ich zwei neue Bänke und einen Tisch machen lasten, die Wände und die heiligen Geräte ließ ich instand setzen, auch einen neuen silbernen Leuchter stellte ich vax bem Altäre an der Ostwand des Gotteshauses auf. ■ Dafür erhielt ich von "der Gemembekaste Nur 300 Gulden, und den fehlenden Betrag in Summe von 45 Gulden 18 Groschen habe ich aus meiner eigenen Tasche gegeben. ___=- Kus Rechnung meiner Krau S-stchh-nich den Thvruvvthang gesnsiet: auch widmet sie ihre ganze Zeit lj Ausstattung o.rnirr Bräulc. der Unterstützung armer Mädtben, was ihr der liebe Gott zu ihrem Heile gedenken möge! Dem Schames habe ich heute streng verboten, jemanden im Bethaus schlafen zu lasten, und er soll sich fortan nicht unterstehen, aus dem Gotteshause ein Gasthaus zu machen. .Deshalb wird von heute an das Gotteshaus jeden Abend geschlosten." ' Noch war Reb JochananS Seele mit der Rechnung nicht fertig, als eine andere Seele hcrangeflogen kam und folgende Worte in das Buch einschrieb: „Ich, Bert ben Jehuda, bin 70 Jahre alt und kann infolge der zunehmenden Altersschwäche nicht mehr arbeiten. Bisher haben gute Leute mich nach Möglichkeit unterstützt. sodaß ich keine Not litt. Jetzt aber scheinen sie meiner schon überdrüssig geworden zu'sein, denn sie geben mir nicht mehr zu essen; manchmal werfen sie mir noch ein Stück Brot zu. das ich jedoch nicht mehr essen konnte, weil ich keine Zähne mehr im Munde-. habe. So entschloß ich mich, meine Geburtsstadt zu verlosten, und kam hierher. Es war sehr kalt, und ich lenkte meine Schritte dem Gotteshaus« zu, um da übernachten zu können, wie eS ja bei Juden üblich ist. Wh Unglücklicher fand aber die Türe des Bethauscs verschlossen. Der Gabbaj hätte dem Schames streng verboten, einen Obdachlosen übernachten zu lasten, um nicht eine Herberge aus dem Gotteshause zu machen. Nun liege ich auf der Straße, wo die Kälte Ms Leben aus meinen alten, verdorrten Knochen herauszieht, und ich kann vor Hunger gar nicht einschfafen. So frage ich dich denn, Herr aller Welten, wer braucht das Gotteshaus mehr, du oder ich?" ' Und es ertönte eine gewaltige Stimme in den himmlischen Höhen': „Lastet sie beide vor dem höchsten Gerichte erscheinen!" * . •' Am nächsten Morgen fand man tot: — Reb Jochanan, den Gabbaj, in seinem Bette und einen alten Bettler auf der Sttaße, hart neben dem Gotteshaus. * A« der Doleslasche grfaUr». Talmudischer Lebenswitz. J Schlechte Diener flogen um Rat. wenn die Sache geschchen ist. * Schande für den Teig, von dem der Bäckerfogar sagtdaß er schlecht sei. » # i Eine Frau lvill lieber ein Mäßchen mit Leichtsinn als zehn Maß mit Ernst. O Steige eine Stufe hinab und nimm dir eine Fyur, steige ein« Stufl hinauf und wähle dir einen Fnund. ♦ Drei Dinge sind in großem Maße genosten schlimm, in kleinem Maße schön: Hefe, Salz und Sprödigkeit. v, * Sechzig Läufer holen den nicht ein, der morgens ein gutes Frühstück genommen hat. Sagt direiner, du hast Eselsohren, so kümmere dich nicht darum. Sagen dir's zwei, so leg dir einen Sattel auf. Was ist ein Schlemiel? .Jeden Tag im Jahre kommt em Jlld^ zu einem Arbeitgeber und flagt um Arbeit, und seden Tag wird er abgewiesen. Stach drei Jahren sagt er sich einmal: „Dieser Arbeitgeber hat nie was für mich, ich werde mal heute nicht hingehen!", und^t komutt am folgenden Tage „Worum sind Die-grstern nicht gÄkommen? Gerade gestern hatte ich Arbeit für Sie." —Das ist ein Schlemiel. r