Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 5 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- Seite 43 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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entscheiden und die Zukunft unserer.Sprach^sttwicklung zu erkennen, ohne die Rolle, die daS Hebräische heute spielt, geschildert zu haben. Dies Ueibe der folgenden Untersuchung Vorbehalten. v ' . I—-—. . ^.,1. , Et» Sludeute»drirf.' s "Bon FrihSaling. * Mein verehrter Freund! Sie haben mir einen so schönen Brief geschrieben! Wirklick schon l Beinahe ergriffen hat er mich. Und dabei ist es der erste Brief, den ich von Ihnen erhalte. Und dabei knüpft er sich an nichts als an ein leichjes Gespräch bei Tische, das wir kürzlich in jenem wunderbar trauten Familienkreise führen ^durften, der uns beide damals zunl ersten Male beisammen sah. , Ich hätte nicht gedacht, daß jene Viertelstunde so in Ihnen nachwirken würde. Hatte auch keinerlei Wirkung beabsichtigt. Ich kannte Sie ja bis dahin gar nicht. Nun aber, da Sie mir schreiben, daß meine Ausführungen über die jüdischen Ideen Sie seitdem nicht losgelasten hätten, entsinne ich mich plötzlich wieder/daß, auch ich. mehr als einmal an Sie gedacht habe. Ihre begeisterten Worte über die moderne-Kunst werde ich sobald nicht vergesien. Oder das vielleicht dock. Aber Sie selbst in Ihrer Begeisterung haben sich mir fest eingeprägt. Sie haben mir damals sehr <„ gefallen. Ich habe Sie lieb gewonnen. Gestatten Sie mir. dies zu sagen. Sie werden sich nicht zu viel darauf einbilden: Ich bin ja kaum sieben Jahre älter wie Sie. Sie redeten über viele Dinge damals. Sie kamen, ausgehend von einer Theaterausführung, auf Ibsen zu sprechen, erörterten seinen dominierenden Einfluß auf die moderne Bühne, sprachen dann von seinen Frauengestalten, um schließlich zu Friedrich Hebbel überzugehen, der ja Ibsen durch das Problematische seiner Charaktere am verwandtesten ist. Sie sprachen mit der entzückenden Eitelkeit junger. Studenten, die zeigen wollen, wie sie in den modernen Dingen bewandert sind. Mich rührte diese Eitelfeit, weit ich in ihr mich selbst wiederfand, so wie ich vor . zehn Jahren war. Bis dahin war ich Ihren Gesprächen wohl gern gefolgt. Tiefer angeregt aber lvurde ich erst, als ich sah, wie Sie auf meine jüdischen Gedanken reagierten. Sie schienen -zuerst verblüfft, dann lachten Sie. Schließlich aber, als Sie mir trotz mancher und sehr graziöser Versuche nicht entgehen konnten, hörten Sie mich an. Mehr aber auch nicht. Ich wußte. Sie teilten nicht meine Ideen. Sie hörten aus Höflichkeit zu. Ich. suchte nach tieferem Interest« bei Ihnen; Sie aber schwiegen sich aus. Schließlich, als di« liebenswürdige Dame des Hauses die Mahlzeit ge- ‘ segnet hatte, drückten wir uns dse Hände und gingen auseinander. Wie erstaunt war ich. als heute, eine Woche danach. Ihr Brief kam. Ich las ihn uud kenne Sie nun. Ich sagte Ihnen schon, wie schön Ihr Brief ist. Er ist schön, obgleich seine Gedanken unklar sind. Es kommt mir vor, als hätten Sie den Brief zur eigenen Klärung geschrieben. Schadet nichts. Sie betonen zunächst, daß es ein rein künstlerisches, allenfalls'menschliches, keineswegs aber ein jüdisches Jnter-- esse gewesen sei, was Sie zu Ihrem Schreiben veranlaßt hat. Zwar wären Sie lange nicht zur Klarheit gekommen, hätten sich auch kurze Zeit vorgespiegelt, wirklich ein jüdisches Jntereste in sich wiedergefunden zu haben. Schließlich aber seien Sie zu deutlich"? HT nicht meine Gedanken, sondern die Art, wie ich sie vortrug, Sie geftstelt hätte. Wären dieselben Gedanken Ihnen m anderer Art geboten worden, sie hätten, gewißlich keinen Eindruck auf Sie gemacht. Und- Sie ftagen: Ob ich dieselben Gedanken anderen Leuten in anderer Form biete? Und schließlich, ganz am Ende, fragen Die: Ob ich mir wohl zutraue, Sic zu einem guten Juden zu. machen? Diese letzte Frag« hat mich mehr als alles gefreut. Um dieser Frage willen, nur um ihretwillen, beantworte ich Ihren Brief. Glauben Sie nicht, daß ich aus ihr allein auf ein , jüdisches Jntereste oder wenigstens ein jüdisches Herz bei' Ihnen schließe. Ich schließe nicht so. Nicht etwa aus Diplomatie, weil Cie sich darüber ärgern könnten, töenn ich es täte; sondern, weil ich Sie nicht an einem Jüdentume ergreifen will,' baS Sie noch nicht haben. Diese Frage freut mich an Ihnen, weil sie Ihnen alle Ehre macht. Nicht jeder würde sie in Ihrer Lage stellen.' Sie ist näm- Uich ein Eingeständnis. Sie gestehen ein, daß Ihnen etwas fehlt. Und etwas sehr'Schönes und Starkes, das fühlen Sie. Um es in Ihre Sprache zu übersetzen: Sie möchten gern so über Ihre Dinge reden könnest, wie ich über die meinen. Und Sie fühlen unbewußt, daß, was mich so zu sprechen befähigt, nicht eine persönliche Eigenschaft von mir, sondern eine Eigenschaft der Dinge ist, die mich bewegen unreines Judentums. Bitte, unterbrechen Sie mich nicht, sündern hören Sic mich bis zu Ende! Sie sind ein Schöngeist, Freund. Schämen Sie sich' nicht! Ich war es auch und in gewistem Sinne werde ich es immer bleiben. Sie sind gleich den meisten der gebildeten jungen Juden, wie die-Großstadt sie erzeugt, ein Schwärmer, ein Idealist. Wie die meisten, haben Sie sich auf die Erzeugniste der Kunst und Literajur, die Herren- > losen Güter in der Welt der Ideale, geworfen. Es ist eine. eigene Sache mit diesen herrenlosen Gütern. Ihr könnt sie Euch aneignen und doch werden sie Euch nie erfüllen. Ihr schöpft in ein Danaidenfaß. Nur dem schaffenden Genius wird die Kunst ein Streben. Dem Genießen-, den nie. *■' Sie sind ein Schöngeist. Ein Schöngeist ist einer, der über gewiste Dinge schön reden kann. Sie finden, ich habe damals schön über mein Judentum geredet. Aber Sie irren sich, in einer Grundtatsache irren Sie sich: Es gibt nämlich noch ein anderes, als über die Dinge zu reden; man kann auch i n ihnen reden. Und sehen Sie, so war es: Nicht über, i st meinem Judentum« habe ich geredet. - Aus einem kreisenden Zirkel heraus. Das war es, was Sie ergriff, so stark ergriff, daß Sie heute ins Wanken geraten sind. Sie fühlen mit einem Male, daß Schöngeist zu sein, zu wenig ist für Sie. Sie fühlen, daß Ihnen etwas fehlt. Sie möchten gern etwas haben, in dem Sie leben und weben können, etwas Daseinsfüllendes, das nicht herrestloses Gut ist, sondern das Ihnen zu Recht gehört," ein Ideal, das. stärker ist als Sic, das Sie äußerlich Nein macht, indem es Sic beherrscht, innerlich aber groß, unendlich groß und stark, indem es die vielen Metalle Ihrer Seele einschmilzt» zu einer Glocke aus e i n e m Guste. O, sie wird einen herrlichen Klang haben, diese Ihre neue Glocke. Und Sie werden sich wundern: Diese Glocke wird mehr in Ihnen zum Klingen bringen, als Sie ahnen. Es ist eine Zauberglocke. Wenn sie klingt, müstcn alle verborgenen Töne hervor aus den Winkeln Ihrer Seelcmvclt und mitläuten. Nein, Sie werden nicht einseitig werden, lieber Kunstschwärmer. Im Gegenteil: Sie werden fast selbst zum Künstler werden, wenn Sic innner so schöne Musik in sich hören. Sie ftagen, wann Sie mich besuchen können? Kommen Sie, kommen Sie so schnell als möglich! Ich will Ihnen meine Glocke vorläuten. Sie sollen die jüdische Glocke hören! Heut« abend' schön können Sie mich treffen. Ich bin im jüdischen Studentenverein. Ich lade Sie ein. Was dort los sein wird, ftagen Six mich? Nicht viel. Lieber! Wenigstens für Sie nicht. Wir werden Lieder - singen.—Und ich \»ut;ibe meine Freunde um mich sehen. Sehen Sie sich meine Freunde genau an. Wenn sic singen, vor allem. Und auch sonst. Und «>tw>n Kip mich mit ihn«».— Sit sind ebenso alt wie Sic. Und alle läuten sie dieselbe Glocke. . Ich grüße Sie! Ihr , F. S.