Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Bote vom Rhein · 1919-06-20 · 3 (20.6.1919) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
1 (1919)
Issue
3 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3947615-6435923-6437013--0025-3947636
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I Zahlen, und ich schlage mit meinen Tatsachen all eure Ideale . tot. Im übrigen, was kriegt ihr für euren Idealismus? Keinen roten Heller! Tachlis, Tachlis, ihr Herren! Wo kein Tachlis ist, fängt man gar nichts an." Es kocht in mir, wenn ich den Zweckmenschen so reden höre, wenn ich. sehe, wie er immer und überall dabei ist, das Master der Vernunft und Vernünftigkeit in den Wein der Begeisterung zu gießen und sich breitbeinig vor die Jugend und ihren Idealismus, das Mannestum und sein edles Streben, dar( Alter und seine Frömmigkeit äufzupflanzen und, halb pfiffig, halb gönnerhaft, nach — Tachlis zu fragen. Herr Jakob Aber geht nur einmal im Jahre zur Synagoge und dann mit Glacehandschuhen. i Der dritte im Bunde.ist der Dr. jur. Heinrich Aber, die Familie ruft ihn Harry. Das ist der SPötter. Er ist feinsinnig und geistreich, daran ist kern Zweifel. Aber er hat ein Erbe bekommen, das ihn drückt, das ist sein besonders jüdisches Aussehen. In der Kindheit riefen ihm die Gastenbuben nach, und noch der Student wurde gehänselt. Er wehrte sich, so gut er konnte, und er konnte es nur mit seiner Ironie und seinem Witze. Nur daß er bei dem ewigen Witzeln und Spötteln seiner selbst nie recht froh ^.yurde und in weltichmerzlerischer Laune anfing, über sich-selbst und sein Judentum Witze zu machen und schließlich sogar mit seltsamem Lachen, seine eigenen Wunden zu zeigen. Wird heut über Ernstes geredet, so juckt ihn die spöttische Zunge, wird das Gespräch erhaben, so kann er sichs nicht mehr verkneifen. der Witz muß heraus, koste es? was es wolle. Nichts ist so hoch, kein Reden so heilig, kein Schweigen so ren, daß der Spötter ihm nicht die Schelle, schnarrend oder schrillend, anhinge. Aber auch er leidet, er ist ein Jude und leidet und darum '->- , * Halt! Genug von den Abers! Kaleb und Josua in der Wüste wollten den Stammvater dieser ganzen Sippschaft nach Kanaan zurücktreiben, woher er gekommen war. „Fort,mit dem Aber!" rief Kaleb, „hinauf nach Kanaan, - denn wir könnens erobern!" Es gelang ihm nicht* und 40 Jahre mußte Israel durch die Wüste irren, tveil es dem Aber, deip Bedenklichkeiten der Allzuschwarzseherischen, mehr gehorcht hatte als den Worten Kalebs und Josuas. Wir aber, wir Nachgeborenen, wir Juden, die wir Jahrtausende gelitten haben unter der Herrschaft der Zweifler ustd Schwarzseher, der Vernünftigen und der Rechner, der Spötter und der Selbstverspötter, wir sollten endlich das Joch des Aber zerbrechen und einfehen lernen, daß nur derjenige glücklich ist, dev mit-heiterem Sinn oes Lebens^ Aber vergessen kann, nur derjenige erfolgreich, der keine. Bedenklichkeiten kennt als die des sittlichen Gewistens, die. aber ganz-, nur derjenige wahrhaft gut, für den das Leben kein Rechenexempel ist, keine Kalkulation auf Wenn und Aber, kein Handel auf Nimm und Gib, sondern Nichts, als die Fülle des Gemütes, das überströmt, weil es voll ist, Gott und den Menschen zum demütigen Dienst. in Palästina ausgiebig behandelt- Scheinbares, , in.betreffs des vorausfichtlich einzuschMeMn MMMin Besiedlung und Aufbau —^ inan versucht dtAMWffe „Mqximalisten" > ^Tavts Trieffch) und »MiMmlisten" (Ruppjn, Averbpch) in die DsSütte'zu weifen -A erwiesen sich schüeßlich als verschiedene Bewertung der MMichkeittn Palästinas und lösten sich in der einstimmigen überMmmg, daß es selbstverständliche Pflicht sei, einer möglichst grüßen Zahl von JudeÄ NnKrkunft und Lebensmöglichkeif.Ai Palästina zu schaffen, auf der anderen Seite aber auch vor einer überstürzten und planlosen Auswandenmg nach Palästina zu warnen. Fast einstimmig wurden folgendeBeschlüsie angenommen: ,,^er Delegierteytaa fordert von der zionistischen Weltorganisation, daß sie sich bei ihrer Arbeit für den Aufbau^ eMrs jüdischen Gemeinwesens in Palästina im Geists alt-' -^Mischer, sozialer Gesetzgebung von folgenden Richtlinien leiten läßt: ‘ . 1. Nationalisierung des jüdischen Bodens in Stqdt und Land und seine Weitergabe in Erbpacht und Erbbaurecht. 2. Festsetzung von Höchstmaßen für die Zuteilung von Boden. . ' 3. Weitergabe des Landes an Einwanderer, die das Land selbst bearbeiten wollen, oder an landwirtschaftliche Genossenschaften. 4. Unterstützung der Konsumvereine unter Förderung ihrer Eigenproduktion. 5. Vergesellschaftung des Verkehrswesens, der Häfen, der Elektrizitäts-i Gas- und WasseyMttschaft, der Wäldernnd Naturschätze. 6. Gewährung öffentlichen Kredits zum Aufbau der nationalen Produttion der Landwirtschaft und der Industrie mit Hilfe freier Arbeitergenossenschaften. 7. Aufsicht und Kontrolle der Privatindustrie durch die' jüdische Gemeinschaft. > 8. Kollektive Arbeitsverträge. Ausgedehnte Arbeiterschutzgesetzgebung (Koalitionsrecht, Sozialversicherung, Maximalatbeitszeiten.Minimallöhne, Frauenuno Kinderschutz). 9. Anteilnahme der Arbeiter an der Regelung der Arbeitsbedingungen und am Gewinn. - 10. Unentgeltliche Benutzung der Bildungsanstalten und Lehrmittel: die Möglichkeit der Teilnahme auck Unf . . . . 1 n l / m — ^___i_««---r-^ Wochensch«. Tatsachen und Ergebnisse. \ Berlin. Dem vorwöchentlichen Bericht über den D elegicrtentag des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ist hinzuzufügen, daß während her Tagung eine ErklärungderZionistischenVereinigung für Deutschland einlief, sie habe^ angesichts des Fortschveitens der Palästinasache auf der > Friedenskonferenz an dem Zustandekommen -des-sndischmr Kongresses in Deutschland kein lebhaftes Jnteresie mehr. In Zentralvcreinskreisen wird die Resolution des Delegiertentages in ähnlichem Sinne gewertet. * luf dem vom Montag den 26. Mai bis Donnerstag den 29. Mai hier tagenden Palästina-De legier-, tentag der Zionisten wurden die gesamten technischen Fragen des wirtschaftlichen und sozialen Aufbaus Palästinas, die Fragen der Hygiene und des Bauwesens, die Fman;frage und schließlich die Frage der Frauenarbeit bemittelter^durch Getvährimg der unteryaltungskEn aus öffentlichen Mitteln. 11. Unentgeltliche Gewährung von ärztlicher Hilfe unlf Heilmitteln. * t 12. Kontrolle des Bau- und WohnungÄvesens, sowie möglichst ausgedehnte städtische und kommunale Bautätigkeit. 13. Sabbat und Feiertage sind die nationalen Ruhetage des jüdischen Volkes." Ein vorgesehenes Referat über die Kulturfrage mußte, abgefetzt werden. Statt besten wurde folgenden Leitsätzen' nach längerer Debatte einstjmmig zugestimmt: „Der'Palästina-Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland fordert von der Leitung der zionistischen Gesamtorganisation: Beim Aufbau Palästinas müssen alle Einrichtungen getroffen werden, damit die Entwicklung des Gemeinwesens.auf der Grundlage und im Sirme.der altjüdischen Kultur gesichert wird. - ^_ Als geeignete Mittel Hierfür werden inAdrsficht Her" nommen: . ' 1. Aufstellung eines für alle Schulen geltenden Minimalprogramms, das die Kenntnifle des jüdischen Schrifttums.im weitesten^stmfanne alsZwanaSunterrichtSgem-u-" jtanv enthalt. 2. Ausbau des Schulwesens auf der Grundlage des ' Prinzips der Schulgemeinden, die untereinander nach kulturellen Gesichtspunkten differenziert sind. 3. Erhöhung der Begründung und Aufrechterhaltung von Lehrhausern und Hochschulen, denen die Durchforschung des gesamten jüdischen Schrifttums obliegt. p

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.