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Jerubbaal · 1919-03-01 · 12 (3.1919) · p. Seite 481

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Journal
Jerubbaal
Volume
1 (1918-1919)
Issue
12 (3.1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 481 (sequence 57)
Language
German
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Vom Leben der Jugend. 481 Bestreben, die Lebendigkeit' unseres Geistes in diesen Formen und ihre Ver* dienste um unsere Gemeinschaft zu be* tonen, bis die Erkenntnis sich durchs ringt, daß uns&r Bestes, unser natürliches Empfinden sich gegen diese Beengung aufbäumt und daß warmes, pulsierendes -Lehen sie unterspült und vernichtet. Die Interpretation und die,geistige Fundierung unseres Nationalismus erweckt das Ver^ •ständnis für die unlösliche Verknüpfung unserer nationalen" Aufgabe mit den Postulaten sozialer Ethik, Palästina soll ein Land jüdischer Freiheit werden, der jüdische Arbeiter soll dort, nicht die äußere mit der inneren Knechtschaft ver^ tauschen, keine Kasten* und Klassen* Wirtschaft vorfinden, sondern eine freie Gemeinschaft aller Schaffenden und Arbeitenden. A.us^ dieser Erkenntnis heraus mußte iins -ein Ehrgefühl völlijg unverständlich und bekämpfenswert er* scheinen, das die Menschen nach Geburts* und Bildungsvorrechten* in ehrenhafte und unehrenhafte, in satisfaktions* und nichtsatisfaktionsfähige einteilt, das das Ehrempfinden innerhalb der eigenen Qesellschaftsklasse überfeinert, dem Außenstehenden gegenüber vergröbert und zu Kastenhochmut und Klassen^ dünkel bewußt erzieht. ■ Unsere Ehrliche keit und unser Wahrhaftigkeitsbedürfnis sträubten sich dagegen, weiter ein Prinzip anzuerkennen, dessen Unwert uns bewußt war, ja das wir verachteten, das den Bevorzugten den befleckten äußeren Ehrenschild durch eine theatralische Zeremonie abwaschen läßt, ohne sich um seihe innere Ehre, seine menschliche Ehrenhaftigkeit zu kümmern. Diese ver* „ schrobenen und verzerrten Ehrbegriffe, die mit währer Sittlichkeit und wirklicher Ehre nur wenig gemeinsam haben, ent* sprachen unserem Bedürfnis nach innerer Ehrenhaftigkeit nicht. Unsere wachsende , Erfahrung lehrte uns, daß die Mensur nicht einmal eine -Mutprobe ist, daß keine freie Entschlußkraft und Tapfer* keit sich dort entfalten kann,, sondern daß der Einzelne unter der suggestiven Einwirkung einer öffentlichen Schau* Stellung ein eingedrilltes Verhalten auto* matisch betätigt. Die utopische Hoifnung, den Antisemitismus auf dem Paukboden widerlegen zu können, haben wir nie geteilt, weil wir wußten, daß der Juden* haß uns nicht um unserer Schwächen, sondern um unserer Existenz willen befeindet. Aber, mit dem Erstarken unserer Gemeinschaft wuchs die Unlust, sich den von uns verurteilten Ehrbegriffen der anderen anzupassen, uiisere Gefühle zu vergewaltigen, um eine Genugtuung zu erhalten/ die gar keine ist, und die sogar ein starker Teil der in neuem Geist aufgewachsenen deutschen Jugend* bewegung als veraltet ablehnt. Die Erkenntnis, daß der Fortschritt unseres eigenen geistigen Lebens und die Festigung unserer jüdischen Persona lichkeit nicht mehr vereinbar sind mit dem Zustande, daß zum Selbstzweck gewordene Formen ihre Forderungen an uns richten und die ihnen innewohnende Idee uns .aufzwingen, hat zu der Ent* "wicklung geführt, in der wir noch heute stehen* und die wir die Erneuerung unseres Kartells nennen. Ihr Endziel ist harmonische 'Gestaltung unseres Lebens durch Anpassung der Gemeinschafts* formen an die Idee und gleich zu Beginn dieses Weges mußte das uns wesens* fremde Satisfaktionsprinzip fallen: die Satisfaktion mit der Waffe wurde ab* geschafft. Wir freuen uns ehrlich* über diese Entwicklung und begrüßen sie als Fortschritt, weil sie unser inneres Erstarken, unsere wachsende Selbst* * Sicherheit" erweist und manifestiert, daß wir es gelernt haben, unseren jüdischen Stolz anders darzutun> als durch Ein* gehen auf den veralteten und unsozialen "Ehrbegriff der deutschen Studentenschaft, daß wir unabhängig zu werden beginnen vom Urteil anders Gearteter und Außen* stehender und nur noch einen Richter über uns anerkennen; das eigene ethische Empfinden. Wir wissen, daß unser nationales Ehrgefühl, 'das Reagieren auf antisemitische Beleidigungen davon nicht betroffen werden können, daß unsere Hellhörigkeit hierfür .die alte bleiben wird, nur daß wir ehrenhafter sein wer* den, weil wir ehrlicher sind. Es bleibt

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