Jerubbaal
- Journal
- Jerubbaal
- Volume
- 1 (1918-1919)
- Issue
- 6 (9.1918)
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 240 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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240 Menschen — Bücher ~ Bewegungen. Menschen — Bücher — Bewegungen »Jüdische Flüchtlinge*.« 1 Wer sagt ihnen heute noch Gutes nach? Als sie der Russensturm so vor sich hergejagt hatte* daß sie wie matte Herbstblätter bei uns niederfielen, wandte sich ihnen menschliches Mitleid zu. * Es war einmal. . . Denn ein psychologisches Gesetz läßt den Grad der Anteilnahme an schweren Schicksalen umso tiefer sinken, je häufiger unddauernderfcsie sich-vordrängen. So sank auch das Mit^ gefühl für die Flüchtlinge oftmals,fast bis zum Nullpunkt und verwandelte sich dann allzu bald, da man sie mehr zu Unrecht als Recht mit gewissen wirU schaftlichen Erscheinungen in Verbindung bringt, deren Wurzeln anderswohin reichen, in Abscheu und selbst Haß. Man sah nur ~* nicht allein Christen, sonder n mindestens „ebenso viele Juden — die Kruste und bedachte nicht, was sie verbarg. In Otto Abel es haben die Ostjuden einen starken Anwalt gefunden. Sein Buchlein * erscheint, wofür er nicht ver* antwortlich ist, reichlich spät. Früher hätte es mehr Nutzen stiften können, indem es die Flüchtlinge vor manchem Mißverständnis und Unverstand ver* schont hätte. Heute werden nur mehr »Liebhaber« dazu greifen. Und deren sind nicht zu viele. Mag also dem Büchlein auch vielleicht der äußere Erfolg versagt bleiben (hätte es ein Verleger beizeiten auf den Markt gebracht, wären ihm Verdienst und Verdienste geworden), so behält es doch seinen künstlerischen und Zeitgeschichte * Jüdische Flüchtlinge. Szenen und Ge~ stalten von Otto Abeles. R. Löwit Verlag, Wien, 1918. Klein 8°. 98 S. K 4'—. liehen; Wert. Seine Reize bestehen in der Technik der Erzählungen und in der Auffassung der Vorgänge. In knappen Strichen zeichnet Abeles die Situation: »Am Perron standen einige abgekoppelte Bahn^agen, gefüllt mit Flüchtlingen. . . Er steckte zunächst bloß den Kopf zur Tür hinein. . . Auf der Ferdinands* brücke sah man einen alten Mann«, dann folgt die Fabel und den Schluß bildet in konzentrierter Prägung die — Moral: »Dieser Mann ist das Gewissen der Ungetreuen. Ihr schlechtes Gewissen.. Die Harte Schule des Lebens hat den Ausgleich bewirkt. Wenigstens für heute.« So ungefähr sind die Bilder, nicht alle, aber recht viele, komponiert. Dieser Bau, nicht neu, aber noch immer wirksam wäre jedoch nicht imstande, den naiven Leser oder ver* wohnten Genießer.<denn auch: für diesen sind manche der Skizzen Kabinettstücke) zu fesseln, wenn nicht aus der Art, wie der Dichter die Vorgänge erschaute und durchschaute, persönlichstes Miterleben spräche. Abeles kam als juristischer Beamter der Nordbahn eine Weile täglich und stündlich mit den Flüchtlingen in Be* rührung. Ein anderer wäre vielleicht durch den Verkehr mit dem weltfremden und ungeschickten, anders gearteten und durch die Verhältnisse erregten Völklein nervös geworden. Er dagegen wußte ~- so erzählt das Bändchen /— Geduld zu üben und verstand durch den Schein in das Wesen seiner Schutzbefohlenen ein* zudringen. Ungewollt hat er nicht nur ihnen, sondern sich ein Denkmal gesetzt. Er muß ein Herz haben, desgleichen man wenige findet. Norbert Weldler. T Notiz. Die vorliegende Nummer erscheint wegen der politischen Ereignisse in Oester* reich verspätet und in geringerem Umfang. Wir bitten die Leser, dies zu ent* schuldigen. DIE REDAKTION. Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Mayer Präger, Wien, I. Fleischmarkt Nr. 1. Für Deutschfand j Dr. Max Mayer, Berlin, W. i5, Düsseldorferstraße 23."- Verlag von R. Lo w i t, Berlin und Wien. Druck der Österreichischen Zeitungs* und Druckerei-Aktien-Gesellschaft, Wien, III. Bezirk, Rüdengasse 11.